Die Wort­samm­le­rin

Die Li­te­ra­tur­no­bel­preis­trä­ge­rin Her­ta Müller schreibt kei­ne Pro­sa mehr – sie sor­tiert Wor­te. Die schnei­det sie aus und setzt sie neu zu­sam­men. Die­se Kunst zeigt sie nun in Bran­den­burg.

Märkische Allgemeine - - KULTUR - Von Ka­rim Sa­ab

Neu­har­den­berg. Wenn ei­ne Schrift­stel­le­rin ei­nen No­bel­preis be­kom­men hat, fühlt sich ihr Leben da­nach si­cher ganz an­ders an. Aber wie? Ma­te­ri­ell hat sie ihr Aus­kom­men, ide­ell muss sie kei­nem mehr et­was be­wei­sen. Die ös­ter­rei­chi­sche Dra­ma­ti­ke­rin El­frie­de Je­linek, die 2004 zu die­ser Eh­re kam, blieb ih­rem Er­folgs­re­zept treu. Sie ver­packt ih­re Zeit­dia­gno­sen nach wie vor in gran­teln­de, ka­lau­ern­de Büh­nen­tex­te, die aber im­mer sou­ve­rä­ner klin­gen.

Her­ta Müller da­ge­gen, die Li­te­ra­tur­no­bel­preis­trä­ge­rin des Jah­res 2009, schreibt seit dem Stock­hol­mer Rit­ter­schlag kei­ne Pro­sa mehr. Die Ru­mä­ni­en­deut­sche hat gar nicht ver­sucht, am Er­folg ih­res letz­ten Ro­ma­nes „Atem­schau­kel“an­zu­knüp­fen.

Die klei­ne, zar­te, ele­gan­te und stets in Schwarz ge­klei­de­te Da­me steht in der Aus­stel­lungs­hal­le in Neu­har­den­berg (Mär­kisch Oder­land) und er­zählt, was sie seit­her am liebs­ten tag­ein, tag­aus macht. Es klingt, als kön­ne sie es selbst kaum fas­sen. Sie schnei­det ein­zel­ne Wor­te aus Zei­tun­gen und Wer­be­druck­sa­chen aus und klebt sie auf wei­ße Kar­tons. Wel­che Wor­te und in wel­cher Rei­hen­fol­ge, dar­über denkt sie oft ta­ge­lang nach. Liest man die Wör­ter hin­ter­ein­an­der, er­ge­ben sich klang­vol­le, sur­rea­le Sinn­zu­sam­men­hän­ge.

„Land wie ei­ne dün­ne / Brot­schei­be ich soll­te/ fort von hier und/ blei­be Zeit ist ein/ spit­zer Kreis ich weiss“, steht auf ei­ner von 227 Post­kar­ten in der Aus­stel­lung mit dem Ti­tel „Zeit ist ein spit­zer Kreis“. An­ge­ord­net in Blö­cken hän­gen die Sprach­bil­der – in gleich­gro­ßen Pas­se­par­touts und schlich­ten grau­en Rah­men – an den lang ge­streck­ten Wän­den.

„Ich wür­de mich nicht hin­set­zen und oh­ne Sche­re dich­ten“, sagt Her­ta Müller. Sie hat die Wor­te nicht im Kopf, sie kom­men von au­ßen. Sie sam­melt und sor­tiert sie zu Hau­se in Ber­lin, wo sie seit 1987 lebt. „Es gibt Wor­te, die ich im­mer aus­schnei­de. ,Kof­fer‘ oder ,Bahn­hof‘ wür­de ich im­mer aus­schnei­den. ,Nacht‘, ,Ha­se‘, ,Dorf‘, ,Stadt‘ auch – egal, wie oft ich sie schon ha­be. Und dann gibt es Wor­te, die woll­te ich nie aus­schnei­den, weil ich dach­te, die sind ideo­lo­gisch und ha­ben in ei­nem li­te­ra­ri­schen Text nichts zu su­chen. Dik­ta­tor et­wa.“

Die 65-Jäh­ri­ge weiß, dass sie die ru­mä­ni­sche Ce­au­ses­cu-Dik­ta­tur in den Kno­chen hat. Ih­re Pro­sa kreis­te be­stän­dig um die­ses ei­ne The­ma der Ohn­macht. Will sie sich mit poe­ti­schen Ar­bei­ten von die­ser tie­fen Prä­gung lö­sen?

Das wä­re ei­ne Er­klä­rung, aber so wit­zig und fan­ta­sie­voll ih­re ly­ri­schen Tex­te sind, so welt­hal­tig sind sie auch. Zwei Zu­falls­stich­pro­ben, die deut­lich ma­chen, wie ge­sell­schaft­li­che Zwän­ge im­mer noch ihr Un­ter­be­wusst­sein be­stim­men: „Und dann kam/ das Ge­setz aus/ Weiss­blech über mich es/ war drei­eckig be­weg­te sich und/stach mir ein Knopf­loch in/ die Zun­ge…“Oder: „Der Bru­der/ war zur Po­li­zei be­stellt er blieb/ sehr lang und das gel­be/ Mais­feld zog sich wie­der sei­ne dün­nen grau­en Strümp­fe an….“

Die Wort­col­la­gen, die sie stets noch mit ei­ner win­zi­gen Bild­col­la­ge würzt, wir­ken schon des­halb welt­hal­tig, weil sie äs­the­tisch der Zei­tungs­und Ka­ta­log­welt ver­haf­tet sind. Als Künst­le­rin setzt Her­ta Müller der Gu­ten­berg-Ga­la­xie ein letz­tes au­then­ti­sches Denk­mal.

Je­des Wort be­haup­te sei­ne ei­ge­ne Ty­po­gra­fie und Far­be, be­tont sie. Sie klebt zwei Kar­tons un­ter je­des Wort, so dass sie er­ha­ben sind – „Je­des Wort ist wie ei­ne klei­ne Pla­ket­te. Al­le Wör­ter müs­sen die glei­che Ebe­ne ha­ben.“

Zwi­schen­drin plat­ziert die Au­to­rin gern auch ein­mal hand­ge­schrie­be­ne Wor­te, die sie in den Druck­sa­chen der Öko­lä­den fin­det – „die ma­chen die Tex­te weich.“Aber manch­mal pas­sen in ih­ren Au­gen die Far­ben der aus­ge­schnit­te­nen Wor­te nicht zu­sam­men. „Wenn ich dann das Wort in ei­ner an­de­ren Far­be in mei­nen Schub­la­den su­che, sto­ße ich manch­mal auf ein ganz an­de­res Wort und den­ke, das passt ja sehr gut. Und dann ent­steht ein ganz an­de­rer Wort­zweig. Oder das Wort, das ich fin­de, hat ei­ne ganz an­de­re Far­be, dann muss ich die an­de­ren Far­ben än­dern“, be­rich­tet sie über ih­re Ob­ses­si­on. „Wenn ich et­was ver­wer­fe, tun mir die Wör­ter leid und dann ma­che ich da­mit ei­ne an­de­re Col­la­ge. Die liegt dann mit­un­ter vier, fünf Wo­chen. In­zwi­schen ha­be ich zwei, drei an­de­re ge­macht“, er­zählt sie.

Her­ta Müller ist reich, wort­reich. „Ich ha­be in mei­ner Werk­statt si­cher 100 000 Wor­te. Die Wor­te sind ei­gent­lich ver­lo­ren zwi­schen den vie­len an­de­ren, aber ir­gend­wie auch auf­ge­ho­ben. Sie sind auch in ei­ner Mas­se, wie in ei­nem Bahn­hof. Sie war­ten, dass sie ir­gend­wie ab­fah­ren kön­nen – in ei­nen Text. Oder sie sind froh, dass man sie in Ru­he lässt. Dar­um ha­ben sie die­se Sinn­lich­keit.“

Her­ta Müller spricht mit ei­nem do­nau­schwä­bi­schen Dia­lekt. Die ru­mä­ni­sche Spra­che, die sie liebt, lern­te sie erst in der Schu­le und dann ab 1976 als Ar­bei­te­rin in ei­ner Bu­ka­res­ter Ma­schi­nen­fa­brik. Sie un­ter­schlägt das re­fle­xi­ve „sich“, wenn sie sagt: „Im Ru­mä­ni­schen reimt ja al­les, in den ro­ma­ni­schen Spra­chen reimt ja al­les. Da muss man auf­pas­sen, dass man nicht reimt.“An ih­re deut­sche Ly­rik hat sie fol­gen­den An­spruch: „Die Rei­me müs­sen sich ver­ste­cken in den Zei­len und dür­fen nicht so auf­trump­fen, aber sie müs­sen das im Takt hal­ten wie ein klei­ner Mo­tor.“

Die No­bel­preis­trä­ge­rin ver­bringt den gan­zen Tag mit ih­ren Col­la­gen „Ich kann das nicht ne­ben­her ma­chen.“Sie be­gann da­mit vor 30 Jah­ren, kurz nach­dem sie nach Deutsch­land kam. „Ich fand oft kei­ne An­sichts­kar­ten, die mir ge­fal­len ha­ben, da ha­be ich mir die Kar­ten selbst ge­klebt.“Zu Hau­se hat sie heu­te mehr als 1000 fer­ti­ge Ar­bei­ten lie­gen. Sie sind un­ver­käuf­lich. Nur ein­mal hat sie ei­ne der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Hu­man Rights Watch ge­spen­det, die dann auch viel Geld ein­brach­te. Wie viel, ver­rät sie nicht.

„War­um soll ich mich von mei­nen Col­la­gen tren­nen? Ich bin nicht dar­auf an­ge­wie­sen. Sie ha­ben Platz und fres­sen kein Brot, sag­te im­mer mei­ne Mut­ter“, so Müller.

Wird sie wirk­lich kei­nen Ro­man mehr schrei­ben? „Ich weiß nicht, ich hal­te al­les für gleich­wer­tig. Ro­ma­ne

Ich wür­de mich nicht hin­set­zen und oh­ne Sche­re dich­ten.

Was das ist, weiß ich nicht. Man sagt, das sei Bil­den­de Kunst. Ich hab kei­ne Ah­nung.

sind Ro­ma­ne, Ly­rik ist Ly­rik.“Und zeigt in die Aus­stel­lung: „Was das ist, weiß ich nicht. Man sagt, das sei Bil­den­de Kunst, ich hab kei­ne Ah­nung.“

Info Die Aus­stel­lung „Zeit ist ein spit­zer Kreis“wird ge­zeigt vom 16. Sep­tem­ber bis 2. De­zem­ber, von Di-So 10-18 Uhr. Aus­stel­lungs­hal­le Neu­har­den­berg.

FO­TO: STUWE

Her­ta Müller er­hielt 2009 den No­bel­preis für Li­te­ra­tur – jetzt schnei­det sie Wor­te aus und ent­wi­ckelt dar­aus Neu­es.

FO­TO: STIF­TUNG

Kunst? Ly­rik? Pro­sa? Her­ta Müller ist die Ka­te­go­rie egal – sie macht ein­fach.

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