Von Na­deln, Bors­ten und To­ten

Ge­setz­lo­se in der Groß­stadt: Zwei äu­ßerst merk­wür­di­ge To­des­fäl­le ma­chen den Po­li­zis­ten im Ber­li­ner „Tat­ort“zu schaf­fen

Märkische Allgemeine - - MEDIEN / WETTER - Von Ernst Corinth

Ber­lin. Die Bil­der­spra­che die­ses Ber­lin-„Tat­orts“ist fas­zi­nie­rend. Gleich zu An­fang schwelgt der Film in ei­ner Art Sin­fo­nie der Groß­stadt mit ner­vös-un­ru­hi­gen Bil­dern, die un­ter­legt sind mit der wun­der­ba­ren elek­tro­ni­schen Mu­sik des be­kann­ten Film­kom­po­nis­ten Nils Frahm.

Man sieht da­bei das früh­mor­gend­lich dunk­le Ber­lin: Stra­ßen­sze­nen im Zei­t­raf­fer, ei­ne Jog­ge­rin, ein Lie­bes­paar beim Sex, ei­nen Bä­cker bei der Ar­beit und als Ru­he­pol ei­nen al­ten Mann am Fens­ter, der all das zu be­ob­ach­ten scheint. Und dann trot­tet auch noch ei­ne Schar Wild­schwei­ne über die Stra­ße, wäh­rend auf ei­nem Platz in ei­nem klei­nen glä­ser­nen Ki­osk ein Ro­bo­ter ei­nes voll au­to­ma­ti­sier­ten Cof­fee­shops mit freund­lich-me­cha­ni­scher Stim­me die Be­stel­lun­gen von Nacht­schwär­mern auf­nimmt.

Jäh un­ter­bro­chen wird die­ses ir­ri­tie­rend-flir­ren­de, gleich­wohl schö­ne Stim­mungs­bild durch die ob­li­ga­to­ri­sche Auf­takt­lei­che, auf die kein „Tat­ort“ver­zich­ten kann. Sie liegt ein­ge­klemmt in dem be­sag­ten Cof­fee­shop. Op­fer ist der Be­sit­zer des La­dens, der durch den Stich ei­ner Ba­ris­ta-Na­del in sei­nen Na­cken ge­tö­tet wor­den ist. Was an­ge­sichts der En­ge in die­sem Ki­osk ei­gent­lich ein Ding der Un­mög­lich­keit ist. Es sei denn, der Kaf­fee­ro­bo­ter hat ihn mit sei­ner Greif­hand ge­tö­tet – zu­fäl­lig oder gar ab­sicht­lich. Kurz­um: ein kom­pli­zier­ter Fall für die Ber­li­ner Kom­mis­sa­re Ni­na Ru­bin (Me­ret Be­cker) und Ro­bert Ka­row (Mark Wasch­ke), die mitt­ler­wei­le zu den in­ter­es­san­tes­ten Du­os die­ser Krimireihe zäh­len.

Wa­ren die bei­den bei ih­ren ers­ten Fäl­len et­was be­müht über­kan­di­del­te Fi­gu­ren, ha­ben sie sich in­zwi­schen dank bes­se­rer Dreh­bü­cher zu span­nen­den Cha­rak­te­ren ent­wi­ckelt. Bei­de, so un­ter­schied­lich sie auch sind, lei­den sicht­bar un­ter ih­rer Ein­sam­keit. Ru­bin kom­pen­siert sie mit ih­rem er­staun­li­chen Re­de­fluss, wäh­rend Ka­row nichts mehr hasst als über sei­ne Be­find­lich­keit zu spre­chen, um dann im­mer wie­der sei­ne durch­ge­hend schlech­te Lau­ne an an­de­ren aus­zu­las­sen. In dem ak­tu­el­len Fall zeigt er je­doch in ei­nem Ge­spräch mit ei­ner Ver­däch­ti­gen ech­te Emo­tio­nen, und er ist so­gar für den Hu­mor in die­ser Fol­ge zu­stän­dig: in den kur­zen Dia­lo­gen mit sei­ner et­was wir­ren Sprachas­sis­ten­tin.

Doch für Pri­va­tes ha­ben die zwei Er­mitt­ler in „Tie­re der Groß­stadt“nicht viel Zeit. Es gibt näm­lich noch ei­nen To­ten. Ei­ne Jog­ge­rin, die im

„Tat­ort: Tie­re der Groß­stadt9 | ARD Mit Me­ret Be­cker, Mbrk Wb­sch­ke Sonnt­bh, 20.15 Uhr

Wald auf­ge­fun­den wird. In ih­rer töd­li­chen Wun­de, ob der sie ver­blu­tet ist, fin­det die Ge­richts­me­di­zi­ne­rin Haa­re ei­nes Wild­schweins. Ein genau­so rät­sel­haf­ter Fall wie der des Cof­fee­shop-Be­sit­zers – der Ver­dacht liegt na­he, dass bei­de Op­fer nicht ur­säch­lich durch ei­ne mensch­li­che Hand ge­tö­tet wor­den sind. Mehr soll je­doch an die­ser Stel­le nicht ver­ra­ten wer­den. Zu­dem blei­ben in dem Kri­mi die bei­den ver­meint­li­chen Mord­fäl­le eher ne­ben­säch­lich. Viel mehr in­ter­es­sie­ren sich Re­gis­seur Ro­land Su­so Rich­ter und sei­ne Dreh­buch­au­to­rin, die mehr­fach aus­ge­zeich­ne­te Bea­te Lang­maack, für die Cha­rak­te­re, auf die die Kom­mis­sa­re bei ih­ren Er­mitt­lun­gen sto­ßen.

Bei­spiels­wei­se den al­ten Mann am Fens­ter, der von dem 89-jäh­ri­gen Horst West­phal ge­spielt wird. In sei­ner Woh­nung scheint die Zeit – ob­wohl er im Zen­trum lebt – ste­hen ge­blie­ben zu sein. Und dann ist da noch der Auf­tritt von Va­le­ry Tsche­pla­no­wa, der Schau­spie­le­rin des Jah­res 2017, die zum ers­ten Mal in ei­nem „Tat­ort“zu se­hen ist. Sie spielt die ge­heim­nis­vol­le kat­zen­ver­rück­te Wit­we des Cof­fee­shop­Be­sit­zers und lebt in ei­ner Woh­nung, de­ren Fuß­bo­den mit Kat­zen­streu be­deckt ist.

Die Sze­nen mit den bei­den ha­ben ei­ne un­glaub­li­che In­ten­si­tät und ma­chen beim Zu­schau­en rich­tig Spaß. Und es gibt über­dies noch klei­ne un­ter­halt­sa­me Ran­d­episo­den, bei­spiels­wei­se als der jun­gen As­sis­ten­tin (Car­o­lyn Genz­kow) im Kom­mis­sa­ri­at plötz­lich rich­tig der Kra­gen platzt, weil sie stän­dig schi­ka­nös von Ka­row und Ru­bin zu un­mög­li­chen Ein­sät­zen ver­don­nert wird.

Da­zu kom­men poin­tier­te Dia­lo­ge und Sei­ten­hie­be auf zeit­geis­ti­ge Phä­no­me­ne. Und der in Bil­dern ge­setz­te Wi­der­spruch zwi­schen un­se­rer zu­neh­mend au­to­ma­ti­sier­ten Welt und den ar­cha­isch an­mu­ten­den Wild­tie­ren, die mit­ten in un­se­re Städ­te drän­gen. Kurz­um: „Tie­re der Groß­stadt“ist ein se­hens­wer­tes Kri­mi­dra­ma ge­wor­den, das auf vor­der­grün­di­ge Ac­tion ver­zich­tet und statt­des­sen mit poe­ti­schen Bil­dern un­ter­hält.

FO­TO: CON­NY KLEIN/RBB

Heikles Ver­Hör: Re­no Grö­ning (Kai ScHe­ve, links), der Mann der ge­tö­te­ten Ca­ro­li­na, er­zäHlt Ru­bin (Me­ret Be­cker) und Ka­row (Mark WascH­ke) von ei­ner wei­te­ren Fa­mi­li­en­tra­gö­die. Das Ba­by der Grö­nings starb kurz nacH der Ge­burt.

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