Der Un­ge­scho­re­ne

Im Ros­to­cker „Po­li­zei­ruf 110“wird ver­sucht, ei­nen fälsch­lich frei­ge­spro­che­nen Mör­der zu über­füh­ren

Märkische Allgemeine - - MEDIEN / WETTER - Von Lars Gro­te

Ros­tock. „Das war hier mal der Ru­he­raum für Frau­en“, sagt Ur­su­la Stö­cker (Hil­de­gard Schmahl), ein gro­ßer Satz mit reich­lich Pa­ti­na gleich zu Be­ginn des „Po­li­zei­ruf 110“aus Ros­tock. Stö­cker hat einst bei der Po­li­zei ge­ar­bei­tet, bis 1988. Ru­he­räu­me gibt es auf der Wa­che längst nicht mehr, spä­tes­tens seit der deut­schen Ein­heit. Auch für Frau­en nicht, spä­tes­tens seit An­ne­ke Kim Sarnau den La­den als Kom­mis­sa­rin Ka­trin Kö­nig grund­über­holt hat.

In Ros­tock ha­ben sie das Glück, ne­ben An­ne­ke Kim Sarnau mit Char­ly Hüb­ner ei­nen zwei­ten groß­ar­ti­gen Schau­spie­ler zu ha­ben – und mit der Ost­see­luft die Frei­heit, die Dia­lo­ge et­was der­ber aus­zu­for­mu­lie­ren, die Din­ge schnel­ler auf die Spit­ze zu trei­ben und nach dem Streit (ei­ner Kon­stan­te im Ros­to­cker „Po­li­zei­ruf“) wie­der gut Wet­ter zu ma­chen. Denn der Wind weht stär­ker an der Küs­te, Wol­ken kom­men und ge­hen.

Ja­ni­na, die Toch­ter von Ur­su­la Stö­cker, wur­de er­mor­det, kurz vor der Wen­de, nach ei­nem Kon­zert von Bru­ce Springs­teen in Ost-Ber­lin. Ja­ni­na fuhr mit dem Zug nach Hau­se, woll­te vom Bahn­hof nach Hau­se lau­fen. Und wur­de Ta­ge spä­ter nackt und er­mor­det im Ge­büsch ge­fun­den. „Seit 15 Jah­ren küm­mert sich nie­mand mehr um das Ver­bre­chen“, sagt Stö­cker. Und sticht da­mit hin­ein in die Be­klom­men­heit des Po­li­zei­re­viers, das mit Henning Rö­der (Uwe Preuss) ei­nen selbst für Sonn­tag­abend­kri­mis un­ge­wöhn­lich grau an­ge­stri­che­nen Vor­ste­her hat. Rö­der ist ein Mann der DDR, der in der neu­en Zeit sein Aus­kom­men sucht, oh­ne von die­ser Zeit über­zeugt zu sein.

Rö­der hat da­mals die Er­mitt­lun­gen im Fall Ja­ni­na ge­lei­tet, oh­ne Er­geb­nis. Es gab ei­nen Ver­däch­ti­gen, Gui­do Wachs, er wur­de an­ge­klagt und frei­ge­spro­chen, denn die Rei­fen­spu­ren sei­nes Mo­tor­rads und die am Tat­ort stimm­ten nicht über­ein.

Un­ge­lös­te Fra­gen aus der DDR möch­te Rö­der nicht wie­der auf­wär­men, ei­ner­seits aus ei­nem Nost­al­gie­emp­fin­den, an­de­rer­seits aus Miss­trau­en ge­gen­über der Ge­gen­wart, die den Ver­bre­chern mit zu

DAs Ros­to­Cker Kri­mi­no­lo­gen­teAm im Uhr­zei­ger­sinn von links .nten: An­ton Pö­sChel (Andre­As G.ent­her), Vol­ker Thies­ler (Jo­sef Heynert), KA­trin Kö­nig (An­ne­ke Kim SArnA.), Alex­An­der B.kow (ChAr­ly HüB­ner), Henning Rö­der (Uwe Pre.ss).

viel Schnick­schnack auf die Sch­li­che kommt: La­b­or­test, DNA, das ist nichts für Rö­der, der sei­ne Fäl­le lie­ber am Schreib­tisch und drau­ßen bei den Fuß­ab­drü­cken löst, nicht im Re­agenz­glas. Dar­um ist ihm die Kom­mis­sa­rin Kö­nig nicht ge­heu­er, die den Fall neu auf­rol­len will. Wie­der mit so ei­nem gro­ßen Satz in die­sem an gro­ßen Sät­zen nicht ar­men Film: „Ich er­in­ne­re an die­ser Stel­le ger­ne an mei­ne 100-pro­zen­ti­ge Auf­klä­rungs­quo­te“, wirft Kö­nig ein, die ihr Ge­fühl, dass man den Mör­der selbst nach all den Jah­ren durch­aus fin­den kön­ne, mit ei­ner Form von Re­nom­mee er­här­ten will.

Kö­nigs Ei­gen­lob kos­tet ih­ren Kol­le­gen Bu­kow (Char­ly Hüb­ner) die Be­herr­schung. Sei­ne Wu­t­aus­brü­che ge­hö­ren zur tra­gen­den Säu­le der Ros­to­cker Kri­mis, Bu­kows Ta­lent zum Jäh­zorn ist min­des­tens so aus­ge­prägt wie je­nes zur hand­werk­lich sau­be­ren Spu­ren­su­che. „Wis­sen Sie, war­um ich Sie noch nie lei­den konn­te? Ihr Blick reicht nur bis zur ei­ge­nen hüb­schen Na­se. Sie sind was Bes­se­res“, dik­tiert er Kö­nig ins Ge­sicht. An der Küs­te ist es ei­ne Sün­de, sich über an­de­re zu stel­len, weil der Wind den Leu­ten oh­ne Un­ter­schied in die Kla­mot­ten bläst.

„Po­li­zei­r6f 110: Für Ja­ni­na“| ARD Mit Char­ly Hüb­ner und An­ne­ke Kim Sarnau Sonn­tag, 20.15 Uhr

Der Film (Re­gie: Eo­in Moo­re, der mit Ani­ka Wan­gard auch das Dreh­buch schrieb) er­zählt uns schnell, dass Gui­do Wachs (Pe­ter Tr­ab­ner) halt doch Ja­ni­nas Mör­der ist, da­für wird Wachs zu deut­lich aus­staf­fiert als ar­me, ar­ro­gan­te Wurst. Sei­ne Spei­chel­pro­be über­führt ihn dank mo­der­ner Tech­nik. Die drän­gen­de Fra­ge des Films lau­tet nicht, wer es ge­tan hat, son­dern wie man ihn da­für be­langt. Weil Wachs sei­ner­zeit ei­nen Frei­spruch er­rang, ver­bie­tet es die Rechts­si­cher­heit, das Ur­teil zu re­vi­die­ren.

Kom­mis­sa­rin Kö­nig sucht ei­nen Weg, Wachs doch noch zu ver­ur­tei­len. Hat er auch an­de­re Frau­en um­ge­bracht, bie­tet sich hier ein An­satz, ihn doch noch zu krie­gen? Kö­nig ist sich si­cher, Wachs sei ein „wü­ten­der Ver­gel­tungs­ver­ge­wal­ti­ger“, der Frau­en um­bringt, die ihn aus­ge­lacht ha­ben. „Sie sind ei­ne wü­ten­de Ver­gel­tungs­po­li­zis­tin“, hält Bu­kow ihr ent­ge­gen. Die­ser stän­dig schwe­len­de Dis­put be­lebt den aber­mals sehr gu­ten „Po­li­zei­ruf“aus Ros­tock, und lei­se lie­gen Bru­ce Springs­teens Zei­len „I’ve got a bad de­si­re, oh, I’m on fi­re“un­ter den Bil­dern. Das Lied vom Mäd­chen, dem Mann und sei­nem bö­sen Ver­lan­gen.

FO­TO: CHRIS­TI­NE SCHRO­EDER/NDR

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