Die Ki­ta, die nie schläft

In der Tel­tower Kin­der­ta­ges­stät­te „Traum­reich“wer­den Kin­der auch nachts be­treut. Für vie­le El­tern ist das ei­ne gro­ße Hil­fe, für die Klei­nen kann es sehr an­stren­gend sein

Märkische Allgemeine - - LAND&LEUTE - Von Dia­na Ba­de

Tel­tow. Cla­ra kann es kaum er­war­ten. Sie hebt ih­re Zahn­bürs­te in die Luft, Er­zie­he­rin Ines Fren­kel-Gott­wald beugt sich zu dem zar­ten Mäd­chen her­un­ter und gibt ihr ei­nen erb­sen­gro­ßen Klecks auf die Zahn­bürs­te. Schon schrubbt die Zwei­jäh­ri­ge los. „Schön put­zen“, sagt die Er­zie­he­rin und wen­det sich ei­nem an­de­ren Mäd­chen zu. Ne­ben­an am Wi­ckel­tisch be­kommt ge­ra­de der ein­jäh­ri­ge Eli­as ei­ne fri­sche Win­del von Frau Diez, ei­ner an­de­ren Er­zie­he­rin, ver­passt. Cla­ra ist fer­tig mit Zäh­ne­put­zen. Jetzt greift ih­re Hand nach der von Ines Fren­kelGott­wald. Ge­mein­sam geht es den lan­gen Flur ent­lang in den Schlaf­raum.

Ein ganz nor­ma­ler Tag in der Tel­tower Kin­der­ta­ges­stät­te „Traum­reich“. Und doch ist es kei­ne nor­ma­le Ki­ta. Denn hier kön­nen die Klei­nen auch über Nacht und am Wo­che­n­en­de be­treut wer­den – so­fern die El­tern recht­zei­tig Be­scheid sa­gen. Das An­ge­bot ist in die­ser Form ein­ma­lig in Pots­damMit­tel­mark.

21 Kin­der kom­men täg­lich in die Ein­rich­tung am Ran­de ei­nes Wäld­chens auf dem Ge­län­de des Dia­ko­ni­schen Zen­trums Be­thes­da. Vier Er­zie­her küm­mern sich Tag und Nacht um die Mäd­chen und Jun­gen. Ein Er­zie­her-Kind-Schlüs­sel, der an­dern­orts nei­disch macht, doch in Ki­tas mit Über­nach­tungs­mög­lich­kei­ten un­er­läss­lich ist. „Die Kin­der ha­ben gro­ßes Ver­trau­en zu uns und ei­ne en­ge Bin­dung“, sagt Ines Fren­kel-Gott­wald. Im „Traum­reich“ge­he es fa­mi­liä­rer zu als in vie­len grö­ße­ren Ein­rich­tun­gen.

Vie­le al­lein­er­zie­hen­de El­tern

Die 55-Jäh­ri­ge ist seit 32 Jah­ren Er­zie­he­rin und seit an­dert­halb Jah­ren in der Tel­tower Ki­ta an­ge­stellt. Ei­ne be­wuss­te Ent­schei­dung, wie sie sagt, weil sie als jun­ge Mut­ter frü­her selbst er­fah­ren hat, was es heißt, kei­ne Groß­el­tern vor Ort zu ha­ben und be­rufs­tä­tig zu sein. „Von da­her weiß ich, in wel­chen Nö­ten El­tern sind.“

In der Ki­ta Traum­reich sind es vor al­lem Kran­ken­schwes­tern und -pfle­ger, Flug­ha­fen­mit­ar­bei­ter, Ärz­te, Po­li­zis­ten und Ver­käu­fe­rin­nen im Einzelhandel, die das An­ge­bot wahr­neh­men. Ein Drit­tel der El­tern­schaft sei al­lein­er­zie­hend, sagt Sol­veig Hal­ler, Lei­te­rin des kom­mu­na- Gabriele Scha­dow, Ki­talei­te­rin len Ki­ta-Trä­gers „Men­schen­sKin­der Tel­tow“. Im Jahr 2014 wur­de die Rund-um-die-Uhr-Ki­ta mit Blick auf die Er­öff­nung des Groß­flug­ha­fens in Ber­lin-Schö­ne­feld er­öff­net. „Im­mer wie­der gab es An­fra­gen von El­tern, die in Tel­tow und Pots­dam stu­dier­ten und auf der Su­che nach ei­nem al­ter­na­ti­ven Be­treu­ungs­an­ge­bot wa­ren“, sagt Sol­veig Hal­ler. Durch ei­ne Son­der­fi­nan­zie­rung des Land­krei­ses und Zu­schüs­se der Stadt Tel­tow konn­te es rea­li­siert wer­den. Für vie­le El­tern ein Se­gen, denn wer nachts und in Schich­ten ar­bei­tet, muss se­hen, wo die Kin­der un­ter­kom­men. Noch ist im „Traum­reich“nicht an Schla­fen zu den­ken. Em­ma hockt auf ih­rer grün be­zo­ge­nen Ma­trat­ze, zieht ih­re Strümp­fe und die Ho­se aus. „So und jetzt noch den Pull­over“, sagt Ines Fren­kel-Gott­wald. He­le­ne, drei Jah­re alt, sitzt be­reits in Hemd und Un­ter­ho­se auf ih­rer Ma­trat­ze und legt sich ihr An­na-und-El­sa-Kis­sen zu­recht. Cla­ra zieht sich ein Bil­der­buch aus dem Bü­cher­re­gal, reicht es ih­rer Er­zie­he­rin und nimmt auf ih­rem Ober­schen­kel Platz. Auf dem an­de­ren Bein hat be­reits ein an­de­res Mäd­chen Platz ge­nom­men und lauscht der Ge­schich­te.

Kin­der­gär­ten wie das „Traum­reich“in Tel­tow mit ei­ner 24-St­un­den-Be­treu­ung gab es schon in der ehe­ma­li­gen DDR. Mit dem Ge­bur­ten­knick nach der Wen­de sank der Be­darf. In Bran­den­burg gibt es der­zeit zehn Kin­der­ta­ges­stät­ten, in de­nen Kin­der über­nach­ten kön­nen. „Der Trend geht da­hin, dass Kin­der mehr Zeit in den Kin­der­ta­ges­stät­ten ver­brin­gen“, sagt Ines Fren­kel-Gott­wald. Das be­le­gen auch kürz­lich ver­öf­fent­lich­te lan­des­wei­te Zah­len des Bil­dungs­mi­nis­te­ri­ums, wo­nach im ver­gan­ge­nen Jahr in Bran­den­burg rund 70Pro­zent al­ler Krip­pen- und Kin­der­gar­ten­kin­der län­ger als sechs St­un­den be­treut wur­den.

Da­bei wird der Be­darf der El­tern genau ge­prüft. „Um ei­nen Platz in un­se­rer Ki­ta zu be­kom­men, müs­sen El­tern ih­re be­son­de­ren Ar­beits­zei­ten wie et­wa Schicht­ar­beit nach­wei­sen“, er­klärt Ki­talei­te­rin Gabriele Scha­dow. Grund­sätz­lich ist die Ki­ta von sechs bis 17 Uhr ge­öff­net. „Dar­über hin­aus­ge­hen­de Öff­nungs­zei­ten wer­den nach recht­zei­ti­ger An­mel­dung von den El­tern durch uns er­mög­licht. Dann kön­nen die­se Kin­der auch bei­spiels­wei­se das Abend­brot bei uns ein­neh­men oder bei uns schla­fen.“Wer die Vor­aus­set­zun­gen für die 24-St­un­den-Ki­ta lang­fris­tig nicht mehr er­füllt, dem wer­de na­he­ge­legt, in ei­ne „nor­ma­le“Ki­ta zu wech­seln.

„In Ge­sprä­chen füh­len wir im­mer noch ein­mal nach, ob es noch an­de­re Lö­sun­gen gibt und nicht viel­leicht doch die Oma nachts oder am Wo­che­n­en­de ein­sprin­gen kann“, sagt Ki­talei­te­rin Scha­dow. Kin­der hät­ten in der Re­gel nun ein­mal die engs­te Bin­dung zur Fa­mi­lie . „Wir be­glei­ten die Fa­mi­lie, er­set­zen sie aber nicht.“

Die Er­zie­her sind sich der Schat­ten­sei­ten der Rund-um-die-UhrKi­ta durch­aus be­wusst. Kin­der sei­en sehr in­di­vi­du­ell, sagt Fren­kelGott­wald. Wäh­rend ei­ni­ge re­la­tiv ent­spannt da­mit um­ge­hen, hät­ten an­de­re Pro­ble­me, nachts von den El­tern ge­trennt zu sein. „Ge­ra­de abends, wenn es dun­kel wird, sind Ma­ma und Pa­pa am al­ler­wich­tigs­ten für die Klei­nen. Nicht je­des Kind kann das.“Mit Sor­ge be­ob­ach­tet die Er­zie­he­rin, dass der Ar­beits­stress der El­tern grö­ßer ge­wor­den ist. Auch wenn die El­tern durch die Ki­ta ent­las­tet wür­den, sei­en zehn St­un­den in der Ki­ta für man­che der Klei­nen sehr an­stren­gend. Ein gan­zer, lan­ger Kin­der­gar­ten­tag mit vie­len tol­len Er­leb­nis­sen, aber auch Kon­flik­ten sei für Kin­der har­te Ar­beit. „Über­le­gen Sie mal, wie Sie sich nach ei­nem 10-St­un­den-Tag füh­len“, sagt Fren­kel-Gott­wald. Kin­der wür­den ei­nen Raum brau­chen, wo sie ih­re See­le bau­meln las­sen kön­nen. „Und die­sen bie­ten wir ih­nen, da wir sehr fa­mi­li­är sind.“

Ho­he Be­las­tung

Ähn­lich sieht es die Ki­talei­te­rin. „Die Ar­beits­zei­ten vie­ler El­tern ge­hen an die Gren­zen des Ver­kraft­ba­ren für die Kin­der.“Je jün­ger ein Kind sei, des­to an­stren­gen­der sei ein lan­ger Ki­ta­tag für das Kind.„Kin­der, die ei­ne en­ge emo­tio­na­le Bin­dung zu ih­ren El­tern auf­bau­en konn­ten, meis­tern die­se Ta­ges­ab­läu­fe we­sent­lich bes­ser. Sie sind psy­chisch sta­bil, ge­fes­tigt, ru­hen in sich. Dar­um ist ei­ne part­ner­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit mit El­tern so wich­tig.“

So wie mit Mi­ri­am Fi­scher, der Mut­ter von He­le­ne. Für ih­re Toch­ter such­te sie vor drei Jah­ren ei­nen Platz in ei­ner Ki­ta, die früh mor­gens und an den Wo­che­n­en­den ge­öff­net hat. „So­wohl mein Part­ner als auch ich ar­bei­te­ten als Hei­l­er­zie­hungs­pfle­ger in ei­ner Wohn­stät­te für Be­hin­der­te im Schicht­dienst.“Ein­mal im Mo­nat ga­ben sie ih­re Toch­ter auch am Wo­che­n­en­de in die Ki­ta. „Für He­le­ne war das kein Pro­blem.“Sie ha­be sich wohl­ge­fühlt. „Aber für uns als El­tern war es schreck­lich.“Die Mut­ter hat­te Ge­wis­sens­bis­se, weil das Wo­che­n­en­de „doch ei­gent­lich der Fa­mi­lie ge­hört“. Aus die­sem Grund hat sich Mi­ri­am Fi­scher, die seit fünf Mo­na­ten wie­der in El­tern­zeit ist, be­ruf­lich um­ori­en­tiert. Sie ar­bei­tet in ei­ner Ki­ta – mit re­gel­mä­ßi­gen Ar­beits­zei­ten.

In­zwi­schen ist Ru­he ein­ge­kehrt im Schlaf­saal. Frau Diez steht auf, zieht die Vor­hän­ge zu und macht den Kin­dern ei­ne CD mit Mu­sik zum Ein­schla­fen an. Zärt­lich strei­chelt Ines Fren­kel-Gott­wald ei­nem Mäd­chen übers Haar. „Träum was Schö­nes!“, flüs­tert die Er­zie­he­rin. Die Kin­der sind mü­de. Im „Traum­reich“schläft man schnell ein.

Wir prü­fen im­mer, ob es auch an­de­re Lö­sun­gen gibt.

FO­TOS: JU­LI­AN STÄHLE

Er­zie­he­rin Ines Fren­kel-Gott­wald hat beim Vor­le­sen schon mal zwei Kin­der auf dem Schoß.

Es­sen, schla­fen, spie­len: Im „Traum­land“herrscht ei­ne fa­mi­liä­re, oft so­gar sehr in­ti­me At­mo­sphä­re.

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