Kühl, per­fekt, ge­heim­nis­los

Der ka­na­di­sche Rock­mu­si­ker Bryan Adams zeigt sei­ne Star-Por­träts in Ber­lin

Märkische Allgemeine - - KULTUR - Von Clau­dia Pal­ma

Ber­lin. Von Wei­tem sieht er aus wie ein Pop­star. Die Brust tä­to­wiert, bei­de Ar­me läs­sig über den Kopf ge­legt, den Blick cool zur Sei­te ge­rich­tet. Doch Karl Hi­nett war Sol­dat und wur­de bei sei­nem ers­ten Ein­satz in Bas­ra, Irak, von ei­ner Ben­zin­bom­be ge­trof­fen. Ein Drit­tel sei­nes Kör­pers er­litt Ver­bren­nun­gen drit­ten Gra­des, 16 Ope­ra­tio­nen muss­te der jun­ge Bri­te über sich er­ge­hen las­sen. Die Nar­ben, die zu­rück­blie­ben, sieht man erst, wenn man ganz nah an das groß­for­ma­ti­ge Fo­to her­an­tritt. Die Na­h­auf­nah­me des Bauchs zeigt die Fol­gen ei­ner Haut­trans­plan­ta­ti­on. „Uns­car­red“steht auf dem Tat­too un­ter dem Bauch­na­bel, und das be­deu­tet „nar­ben­los“.

Auch Craig Lund­berg kämpf­te im Irak-Krieg, bis er nach ei­nem Ra­ke­ten­be­schuss er­blin­de­te. Das Fo­to zeigt ihn mit sei­nem Blin­den­hund Hu­go. Der ka­na­di­sche Rock­mu­si­ker Bryan Adams (59) hat vor Jah­ren die­se Fo­to­se­rie mit dem Ti­tel „Woun­ded“ge­macht, über ver­stüm­mel­te eng­li­sche Sol­da­ten. Ei­ni­ge da­von sind jetzt in der Ga­le­rie Camera Work in Ber­lin-Char­lot­ten­burg zu se­hen. Die Aus­stel­lung „Ex­po­sed“zeigt 40 Wer­ke, dar­un­ter auch vie­le Pro­mi-Por­träts.

Adams, mit rund 70 Mil­lio­nen ver­kauf­ter Plat­ten ab­so­lu­ter Me­gastar, kann nicht nur mit sei­ner Gi­tar­re Bryan Adams, Fo­to­graf und Rock-Star und sei­ner Stim­me gut um­ge­hen. En­de der 1990er Jah­re be­ginnt er nach ei­ner lan­gen Welt­tour­nee zu fo­to­gra­fie­ren. Mit gro­ßer Lei­den­schaft. Zu­nächst por­trä­tiert er Schau­spie­ler, Mo­dels und Mu­si­ker. Be­rühmt­hei­ten, mit de­nen er be­freun­det ist: Man sieht Ka­te Moss, nur mit Netz­strümp­fen be­klei­det. Mi­ckey Rour­ke, Rammstein und Chris­toph Waltz. Amy Wi­ne­hou­se im Pro­fil und ei­nen hüp­fen­den Mick Jag­ger. Lind­say Lo­han mit ei­ner Zi­ga­ret­te im Mund­win­kel und ei­ne Akt­fo­to­gra­fie der Sän­ge­rin Pink.

Adams in­sze­niert die Stars als Iko­nen. Die Fo­tos zei­gen ei­ne klas­si­sche Äs­t­he­tik, ori­en­tie­ren sich an Vor­bil­dern wie Pe­ter Lind­bergh, Herb Ritts und An­nie Lei­bo­witz. Sie sind kühl, per­fekt, ge­heim­nis­los, stets mit ei­nem pu­ris­ti­schen Hin­ter­grund, der nicht von der Per­son ab­lenkt. Sei­ne Auf­trag­ge­ber sind Ma­ga­zi­ne wie „Vo­gue“, „Va­ni­ty Fair“, „Har­per’s Ba­zar“, „GQ“und an­de­re. Was dort nicht ge­zeigt wird, er­scheint in dem von ihm vor 15 Jah­ren in Ber­lin ge­grün­de­ten Ma­ga­zin „Zoo“. „Sei­ne Spiel­wie­se“, wie es da­zu heißt.

Vie­le Fo­tos spie­len mit Ero­tik, Sex und Voy­eu­ris­mus. Et­wa wenn die Sän­ge­rin La­na Del Rey las­ziv in ei­nen Spie­gel haucht oder der To­kio-Ho­tel-Sän­ger Bill Kau­litz sich in High Heels und Sei­den­strümp­fen ab­lich­ten lässt. Der Kon­trast zu den Auf­nah­men ver­stüm­mel­ter Sol­da­ten könn­te nicht grö­ßer sein. Ge­ra­de die­se Mi­schung macht die Aus­stel­lung so se­hens­wert. Hier der schö­ne Schein, da die Spu­ren, die das Le­ben ein­ge­gra­ben hat. Wie bei Ri­cky Fur­gus­son, der in Af­gha­nis­tan Bei­ne, ein Au­ge und Fin­ger ver­lor. Aber stolz steht er da in sei­ner Uni­form. Er und auch die an­de­ren Män­ner drü­cken in ih­rer Hal­tung ei­nen Op­ti­mis­mus aus, der ver­stö­rend wirkt. „Kei­ner hat­te das Ge­fühl ge­schla­gen zu sein. Sie las­sen nicht zu, dass ih­re Be­hin­de­rung sie vom Le­ben trennt“, sagt Bryan Adams. Er rich­tet sein Ob­jek­tiv auf ih­re Nar­ben, ih­re Ver­let­zun­gen und Ver­stüm­me­lun­gen. Auf­grund die­ser be­drü­cken­den Un­mit­tel­bar­keit sind die Por­träts ei­ne Her­aus­for­de­rung für den Be­trach­ter. Lan­ge be­kommt man sie nicht aus dem Kopf.

Bryan Adams hat es mit sei­ner Fo­to­kunst weit ge­bracht – bis in den Bucking­ham Pa­last. 2008 wur­de er aus­ge­wählt, Queen Eliz­a­beth II. an­läss­lich ih­res gol­de­nen Thron­ju­bi­lä­ums zu por­trä­tie­ren. Man sieht ei­ne ge­lös­te, lä­cheln­de Kö­ni­gin auf ei­nem Stuhl. Ein hin­rei­ßen­des Fo­to, weil es auch ei­ne schel­mi­sche Sei­te des Fo­to­künst­lers zeigt.

Sie las­sen nicht zu, dass ih­re Be­hin­de­rung sie vom Le­ben trennt.

In­fo Die Aus­stel­lung in der Ga­le­rie, Kant­stra­ße 149, läuft bis 9. Fe­bru­ar. Ge­öff­net: Die.-Sa. 11 bis 18 Uhr.

FO­TO: BRYAN ADAMS

Die Queen, Bucking­ham Pa­lace, 2008

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