Rad­cros­ser im Schlamm

Bei den Deut­schen Meis­ter­schaf­ten in Klein­mach­now trotz­ten die Sport­ler dem Mist­wet­ter.

Märkische Allgemeine - - FRONT PAGE - Von Lars Sit­tig

Ber­lin. In der 12. Mi­nu­te wur­de die Si­tua­ti­on un­über­sicht­lich, in der Mer­ce­des-Benz-Are­na setz­te all­ge­mei­nes Rät­seln ein: Für Philipp Ro­ther war Schwerst­ar­beit an­ge­sagt, als er den Über­blick be­hal­ten muss­te: „Die Ro­te Kar­te für das ko­rea­ni­sche Team war die kniff­ligs­te Sze­ne des Abends, ich ha­be in­ten­siv ge­schil­dert, was pas­siert ist, aber es war ein ganz schö­nes Durch­ein­an­der auf dem Spiel­feld“, be­rich­tet der Bee­lit­zer. Ro­ther war am Don­ners­tag­abend beim Er­öff­nungs­spiel der Hand­ball-Welt­meis­ter­schaft zwi­schen Gast­ge­ber Deutsch­land und dem Team Ko­rea maß­geb­lich an ei­nem wich­ti­gen Schritt in Sa­chen ge­sell­schaft­li­cher Gleich­be­hand­lung und Bar­rie­re­frei­heit be­tei­ligt: Der 30-Jäh­ri­ge ge­hör­te zu ei­nem Duo, das als Seh­be­hin­der­ten-Re­por­ter erst­mals ein Hand­ball-WMSpiel be­glei­te­te.

„Das war na­tür­lich auch für uns sehr, sehr auf­re­gend und in­ten­siv“, sagt der Bran­den­bur­ger, der zwar seit 2011 Spie­le des Fuß­ball­clubs 1. FC Uni­on für Men­schen mit ein­ge­schränk­tem Seh­ver­mö­gen wort­reich be­glei­tet – die Er­eig­nis­dich­te ei­nes Hand­ball­spiels aber ist schon we­gen der sehr viel hö­he­ren Tref­fer­zahl un­gleich hö­her. Ju­bel, Em­pö­rung – der Ge­räusch­pe­gel schlägt gera­de in tur­bu­len­ten Si­tua­tio­nen enorm aus. Ro­ther und sei­ne Re­por- ter-Kol­le­gen, zu de­nen un­ter an­de­rem auch die bei­den Bad Bel­zi­ger Pe­ter Lomb und To­bi­as Po­tratz ge­hö­ren, wer­den so­zu­sa­gen als Mitt­ler ein­ge­setzt, um per Spra­che ei­nen Spiel­film zu in­sze­nie­ren. Ei­ne Par­tie pro WM be­treut je­der des Tri­os auf Ho­norar­ba­sis. Initia­to­ren sind der Deut­sche Hand­ball-Bund, die Ak­ti­on Mensch und die Ar­bei­ter-Wohl­fahrt (AWO) mit ih­rem Pro­jekt T_OHR für Seh­be­hin­der­ten- und Blin­den­re­por­ta­ge in Ge­sell­schaft und Sport.

Das Feed­back der 35 Nut­zer des Ser­vices in der Mer­ce­des-Ben­zA­re­na, die mit ei­ner Be­gleit­per­son per Kopf­hö­rer über das Spiel­ge­sche­hen in Kennt­nis ge­setzt wur­den, fiel po­si­tiv aus. Sven Bart­lau aus Würz­burg et­wa be­fand: „Ich fin­de es wirk­lich toll, dass so et­was an­ge­bo­ten wird. Es ist mein ers­tes Hand­ball­spiel und ich hät­te nicht ge­dacht, dass ich durch die Re­por­ta­ge so viel vom Spiel­ge­sche­hen mit­be­kom­me.“

Fort­set­zung folgt: Am Sonn­abend kom­men­tier­ten Pe­ter Lomb und To­bi­as Po­tratz die Be­geg­nung Deutsch­land ge­gen Bra­si­li­en. Bei­de ha­ben jah­re­lan­ge Er­fah­rung als Seh­be­hin­der­ten-Re­por­ter ge­sam­melt – Lomb beim Hand­ball-Bun­des­li­gis­ten SC DHfK Leip­zig, Po­tratz kom­men­tiert mit Ro­ther ge­mein­sam Spie­le der Ei­ser­nen. Ein Re­por­ter­team be­steht aus zwei Kol­le­gen. „Ei­ner der Un­ter­schie­de ist, dass wir uns beim Fuß­ball al­le fünf Mi­nu­ten ab­wech­seln, aber das Hand­ball­spiel nach den An­grif­fen der Mann­schaf­ten auf­ge­teilt ha­ben. Da der Ball­be­sitz sehr schnell wech­seln kann, muss man im­mer sehr auf­merk­sam sein“, be­rich­tet Ro­ther.

Die Kom­men­ta­re wer­den per Kopf­hö­rer zu den Nut­zern trans­por­tiert.

Se­bas­ti­an Ro­ther, Seh­be­hin­der­ten-Re­por­ter

Um sich für den Ein­satz wäh­rend der WM vor­zu­be­rei­ten, kom­men­tier­te Ro­ther Sze­nen der Vor­be­rei­tungs­spie­le des DHB-Teams auf der hei­mi­schen Couch. Als Mit­ar­bei­ter der Un­ter­ti­tel-Re­dak­ti­on der ARD kennt sich der 30-Jäh­ri­ge au­ßer­dem mit der Ver­knüp­fung von Bild und Spra­che bes­tens aus.

Ins­ge­samt wer­den bei der WM, die bis zum 27. Ja­nu­ar in Dä­ne­mark und der Bun­des­re­pu­blik aus­ge­tra­gen wird, acht Par­ti­en für Seh­be­hin­der­te auf­be­rei­tet – fünf Vor­run­den­spie­le in Ber­lin und drei Du­el­le der Haupt­run­de in Köln. Wenn es nach Pro­jekt­lei­ter Flo­ri­an Schnei­der geht, soll die­ser Ser­vice zur Nor­ma­li­tät wer­den. „Durch die de­mo­gra­fi­sche Ent­wick­lung wird sich die Zahl der po­ten­zi­el­len Nut­zer der Re­por­ta­gen in den kom­men­den Jah­ren spür­bar er­hö­hen“, sagt Schnei­der, „dann wer­den Re­por­ta­gen für Seh­be­hin­der­te zum Stan­dard. Wir brin­gen im Mo­ment et­was auf den Weg, das wir in den kom­men­den Jahr­zehn­ten ver­stärkt brau­chen wer­den.“Rund 1,2 Mil­lio­nen Blin­de oder stark seh­ein­ge­schränk­te sind der­zeit in der Bun­des­re­pu­blik er­fasst – Ten­denz we­gen der zu­neh­mend hö­he­ren Le­bens­er­war­tung stei­gend.

Philipp Ro­ther wür­de auch in Zu­kunft bei Hand­ball­spie­len wei­ter am Mi­kro­fon sit­zen und die Hal­lenAt­mo­sphä­re mit der Hand­lung der Par­ti­en für Zu­schau­er mit Han­di­cap wort­reich ver­we­ben. „Es geht auch dar­um, die­sen Ser­vice als et­was Selbst­ver­ständ­li­ches an­zu­bie­ten“, sagt das Ver­eins­mit­glied der SG Blau-Weiß Bee­litz, „dass man als seh­be­hin­der­ter Mensch weiß, ich kann ein Hand­ball­spiel be­su­chen und teil­ha­ben.“Sei­ne Feu­er­tau­fe hat der Mär­ker je­den­falls be­stan­den nach dem Durch­ein­an­der auf dem Spiel­feld in der 12. Mi­nu­te.

Da der Ball­be­sitz sehr schnell wech­seln kann, muss man im­mer sehr auf­merk­sam sein.

FO­TO: BERND GARTENSCHLÄGER

FO­TO: PHILIPP DIENBERG

Als Seh­Be­hin­der­ten-Re­por­ter Bei der WM im Ein­sAtz: Philipp Ro­ther (l.) und Bro­der-Jür­gen Tre­de Be­glei­te­ten dAs Er­öff­nungs­spiel.

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