Das miss­lun­ge­ne Ex­pe­ri­ment mit der „Pots­da­mer Stan­ge“

Vor 50 Jah­ren brach­te das Pots­da­mer Braue­rei­kom­bi­nat das un­ter­gä­ri­ge Bier nach ei­nem al­ten Re­zept her­aus – die­ses er­wies sich in­des als „un­aus­ge­go­ren“

Märkische Allgemeine - - FRONT PAGE - Von Kurt Bal­ler

Vor 50 Jah­ren brach­te das Pots­da­mer Braue­rei­kom­bi­nat das un­ter­gä­ri­ge Bier „Pots­da­mer Stan­ge“nach ei­nem al­ten Re­zept auf den Markt. Das Bier er­wies sich in­des als „un­aus­ge­go­ren“, die Pro­duk­ti­on wur­de schnell ein­ge­stellt.

Pots­dam. Zu Be­ginn des Jah­res 1969 ver­kün­de­te Hein­rich Lo­renz, da­ma­li­ger Werk­lei­ter des VEB Braue­rei­kom­bi­nats Pots­dam, vol­ler Stolz, dass das Pots­da­mer Ge­trän­ke­an­ge­bot um ei­ne Spe­zia­li­tät er­wei­tert wer­de – die „Pots­da­mer Stan­ge“. Es sei, so sag­te er, „...der so­zia­lis­ti­schen Ar­beits­ge­mein­schaft un­ter Lei­tung des Tech­ni­schen Di­rek­tors, Kol­le­gen Wäch­ter, ge­lun­gen, aus dem sehr ge­rin­gen In­for­ma­ti­ons­ma­te­ri­al frü­he­rer Jah­re die „Pots­da­mer Stan­ge“neu zu ent­wi­ckeln.

Et­wa ein Jahr lang hat­te die „So­zia­lis­ti­sche Ar­beits­ge­mein­schaft“, wie es da­mals im DDR-Jar­gon hieß, an der Re­zep­tur ge­tüf­telt, be­vor im De­zem­ber 1968 die „Pots­da­mer Stan­ge“„...mit ei­nem zu­stim­men­den Prost!“aus der Tau­fe ge­ho­ben wer­den konn­te. Die Brau­er mein­ten, das im Krie­ge ver­lo­ren­ge­gan­ge­ne Re­zept ge­fun­den zu ha­ben.

Die ei­gent­li­chen Vä­ter der „Pots­da­mer Stan­ge“sind die Brau­er W. Ade­lung und A. Hoff­mann. Sie hat­ten ihr Hand­werk in Bay­ern er­lernt und über­nah­men 1829 die im 18.Jahr­hun­dert ge­grün­de­te Kö­nigs­braue­rei, die sich in der heu­ti­gen Spei­cher­stadt be­fand. Ade­lung und Hoff­mann hat­ten in den Brau­haus­berg hin­ein Kel­ler an­le­gen las­sen, um dort die für das Brau­en des un­ter­gä­ri­gen Bie­res nö­ti­ge nied­ri­ge Tem­pe­ra­tur zu si­chern. Die­se Kel­ler sind teil­wei­se noch heu­te vor­han­den.

Stark schäu­men­des Bit­ter­bier

Ihr Bier, die „Pots­da­mer Stan­ge“, wird be­schrie­ben „...als al­ko­hol­rei­ches, in der Fla­sche wei­ter gä­ren­des, stark schäu­men­des Bit­ter­bier“. Sein er­fri­schen­des Ge­heim­nis be­stand in ei­ner fein aus­ge­wo­ge­nen Mi­schung aus La­ger­bier und Kräu­sen, al­so Jung­bier. Der Na­me lei­te­te sich her aus dem Glas, in dem das Bier ser­viert wur­de – es war na­he­zu 30 Zen­ti­me­ter hoch und hat­te ei­nen Durch­mes­ser von et­wa sie­ben Zen­ti­me­tern, al­so ei­ne Stan­ge!

Die Tra­di­ti­on von Ade­lung und Hoff­mann setz­te spä­ter die Kind­lBraue­rei in der Al­ten Braue­rei am Leip­zi­ger Drei­eck fort – dort wur­de die „Pots­da­mer Stan­ge“bis in die 1930er-Jah­re pro­du­ziert. Aber auch die klei­nen Braue­rei­en wie Senst in der Wai­sen- (heu­te Dor­tu­stra­ße), Sei­bert in der Pa­s­teur­stra­ße und Lamm, Am Ka­nal, stell­ten das Stan­gen­bier her.

Je­de Braue­rei brau­te nach ei­ge­ner Re­zep­tur, von de­nen nicht ei­ne ge­nau­er über­lie­fert ist. Am 10. Fe­bru­ar 1969 er­leb­te die „Pots­da­mer Stan­ge“ih­re Gast­stät­ten­pre­mie­re im „At­las“in der Hein­rich-Rau-Al­lee (heu­te Am Ka­nal), sei­ner­zeit ein mo­der­nes Re­stau­rant mit ge­ho­be­nem Ni­veau. Be­reits am ers­ten Tag wur­den 200 Halb­li­ter­fla­schen aus­ge­schenkt.

„Nicht ganz ein­fach“, be­rich­te­ten Zeit­zeu­gen, „war es, den ho­hen Koh­len­säu­re­ge­halt zu zü­geln.“Auch durf­te der durch die Fla­schen­gä­rung ent­stan­de­ne Bo­den­satz nicht in das Glas des Gas­tes! Um die­ses „Zü­geln“und das „Brem­sen des Bo­den­sat­zes“zu be­herr­schen, wur­de ei­gens ein Lehr­gang in der Pots­da­mer Braue­rei zum fach­ge­rech­ten Aus­schank des Bie­res durch­ge­führt. An ihm nah­men Kell­ner des „At­las“, der Gast­stät­te des Kul­tur­hau­ses „Hans March­witza“, das sich im Al­ten Rat­haus be­fand, und der Ba­bels­ber­ger „Zil­le­stu­be“teil.

Auch „Stan­ge-Glä­ser“stan­den für die Gäs­te be­reit. Sie zeig­ten un­ter der Auf­schrift „Pots­da­mer Stan­ge“das Em­blem des Pots­da­mer Braue­rei­kom­bi­nats - als Sou­ve­nir gab es die­se auch mit Gold­rand. Am 12. Fe­bru­ar be­dau­er­te die „Mär­ki­sche Volks­stim­me“, dass „lei­der be­reits vier Glä­ser ent­wen­det“wor­den wa­ren.

Lehr­gang zum Zap­fen

Nicht nur zu ei­nem ein­fa­chen Durst­lö­scher brach­te es die „Stan­ge“– als die Ober­bür­ger­meis­te­rin Pots­dams, Brun­hil­de Han­ke, am 8.Ju­li 1969 den Grund­stein für die künf­ti­ge Schwimm­hal­le am Brau­haus­berg leg­te, avan­cier­te das Ge­tränk zum Pro­to­koll­bier, die rund 250 Gäs­te durf­ten „mit der tra­di­tio­nel­len „Pots­da­mer Stan­ge“an­sto­ßen.

Doch der „Pots­da­mer Stan­ge“war in Pots­dam kein lan­ges Le­ben be­schie­den. Be­reits zwei Jah­re nach dem Brau­be­ginn wur­de die Pro­duk­ti­on ein­ge­stellt. Vor al­lem die in Fol­ge der Fla­schen­gä­rung ent­stan­de­nen – nicht zu be­herr­schen­den – „Schaum­pro­ble­me“führ­ten zu die­ser Ent­schei­dung.

Nicht an­ders er­ging es der Kind­lBraue­rei in West­ber­lin. 1977 wag­te auch sie das „Pots­da­mer-Stan­geEx­pe­ri­ment“, um es nach vier Jah­ren wie­der auf­zu­ge­ben. Der Grund: „Schaum­pro­ble­me“.

Heu­te ist es die auf dem Ter­ri­to­ri­um Pots­dams ge­le­ge­ne Brauma­nu­fak­tur Forst­haus Tem­plin, die die „Pots­da­mer Stan­ge“wie­der zu be­acht­li­chem Le­ben er­weckt hat. Die Fra­ge aber, ob ihr Ge­schmack dem der „Pots­da­mer Stan­ge“von Ade­lung und Hoff­mann ent­spricht, muss un­be­ant­wor­tet blei­ben.

FO­TO: FRIED­RICH BUNGERT

Bier­tul­pe „Pots­da­mer Stan­ge“vom Ge­trän­ke-Kom­bi­nat Pots­dam

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.