„Ei­ne ver­lo­ge­ne Eh­rung“

Wolf­gang Thier­se über lin­ke Spal­tung und fal­sche Hel­den

Märkische Allgemeine - - BLICKPUNKT - In­ter­view: Jan Stern­berg

Nach 100 Jah­ren ste­hen die Mor­de an Ro­sa Lu­xem­burg und Karl Lieb­knecht im­mer noch zwi­schen So­zi­al­de­mo­kra­ten und Lin­ken. War­um?

Man muss sich die La­ge ver­ge­gen­wär­ti­gen: Die Män­ner wa­ren aus ei­nem furcht­bar bru­ta­len Krieg ge­kom­men, die Ord­nung war um­ge­wälzt, der Kai­ser hat­te ab­ge­dankt, aber al­les war un­si­cher. In die­sen Wo­chen tat sich ein Zwie­spalt auf. Auf der ei­nen Sei­te stan­den ra­di­ka­le Kräf­te, die so et­was woll­ten wie die Bol­sche­wi­ki in Russ­land, ei­ne Re­vo­lu­ti­on. Auf der an­de­ren Sei­te stan­den die ge­mä­ßig­ten Mehr­heits-So­zi­al­de­mo­kra­ten, die sag­ten: Wir müs­sen erst ein­mal den Frie­den ge­win­nen, wir müs­sen da­für sor­gen, dass die Men­schen nicht ver­hun­gern, dass ei­ni­ger­ma­ßen ge­ord­ne­te Ver­hält­nis­se sind. Die Ab­scheu vor den Bru­ta­li­tä­ten der rus­si­schen Re­vo­lu­ti­on spiel­te ei­ne ganz gro­ße Rol­le. Die­ser Zwie­spalt be­herrsch­te die Ta­ge im Ja­nu­ar 1919. Im Rück­blick darf man doch wohl sa­gen kön­nen, dass die ge­mä­ßig­ten Kräf­te eher recht hat­ten, nicht auf ei­ne bru­ta­le Re­vo­lu­ti­on zu set­zen mit der Fol­ge ei­ner Dik­ta­tur, son­dern sich für die De­mo­kra­tie, den Rechts­staat, den So­zi­al­staat ein­zu­set­zen. Das könn­ten selbst die Nach­fol­ger der Kom­mu­nis­ten ein­se­hen, dass die­ser Weg der bes­se­re war.

Hat die So­zi­al­de­mo­kra­tie im Ja­nu­ar 1919 Schuld auf sich ge­la­den?

Ja, weil hier Men­schen­op­fer zu be­kla­gen wa­ren. Doch es gab kei­ne Mehr­heit in der Be­völ­ke­rung für ei­nen re­vo­lu­tio­nä­ren Weg à la Bol­sche­wi­ki. Es gab ra­di­ka­li­sier­te Ele­men­te in der Ar­bei­ter­schaft. Die wa­ren nun mit Waf­fen­ge­walt zu be­sie­gen. Das bleibt ein schmerz­li­cher Vor­gang, auch im Rück­blick, aber man kann doch wis­sen, dass der Weg, der dann ein­ge­schla­gen wur­de, der bes­se­re war. Ob­wohl die Wei­ma­rer Re­pu­blik be­las­tet blieb durch die Kluft zwi­schen So­zi­al­de­mo­kra­ten und Kom­mu­nis­ten. Die Link­s­par­tei muss ein­se­hen, dass die KPD wäh­rend der gan­zen Re­pu­blik ge­gen die So­zi­al­de­mo­kra­tie ge­kämpft hat und dass die­ser Kampf mit zum Un­ter­gang der Wei­ma­rer Re­pu­blik ge­führt hat.

Für die SED-Führung wa­ren Lu­xem­burg und Lieb­knecht Mär­ty­rer, de­rer man all­jähr­lich mit Pomp ge­dach­te. Wie ha­ben Sie das emp­fun­den?

Mir war das im­mer fremd und pein­lich, und ich fand das ver­lo­gen. Dass Ro­sa Lu­xem­burg zu­vor durch­aus de­mo­kra­ti­sche Vor­stel­lun­gen von Re­vo­lu­ti­on hat­te, spiel­te dort kei­ne Rol­le. Ih­re wich­tigs­te Aus­sa­ge „Frei­heit ist im­mer die Frei­heit der An­ders­den­ken­den“ha­ben De­mons­tran­ten dann 1988 ge­gen das SED-Regime vor sich her­ge­tra­gen. Der Marsch nach Fried­richs­fel­de ist ver­lo­gen, auch heu­te noch. Man ehrt oh­ne Un­ter­schied auch An­ti­de­mo­kra­ten wi­der bes­se­res his­to­ri­sches Wis­sen. Dass Lieb­knecht und Lu­xem­burg Op­fer ge­wor­den sind von Fehl­ent­schei­dun­gen und re­ak­tio­nä­ren Kräf­ten, das muss man fest­hal­ten.

FO­TO: BERND VON JUTRCZENKA/DPA

Wolf­gang Thier­se, SPD, ist ehe­ma­li­ger Bun­des­tags­prä­si­dent und DDR-Bür­ger­recht­ler.

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