Nur mal kurz auf ’s Han­dy schau­en

Ein schnel­ler Blick aufs Smart­pho­ne kann im Stra­ßen­ver­kehr töd­lich en­den. Zahl­rei­che Apps sol­len Au­to­fah­rer des­halb da­von ab­hal­ten. Doch ihr Er­folg ist frag­wür­dig

Märkische Allgemeine - - NETZWELT - Von Ca­ri­na Bahl

Die Ver­su­chung ist groß. Auf dem Bei­fah­rer­sitz im Au­to vi­briert es, leuch­tet es, klin­gelt es. Oh­ne Zwei­fel sind gera­de ei­ne neue Nach­richt oder ein An­ruf auf dem Smart­pho­ne ein­ge­gan­gen. Von wem? Ist es wich­tig? Könn­te man et­was ver­pas­sen? Spä­tes­tens an der nächs­ten ro­ten Am­pel juckt es in den Fin­gern. Nur ein­mal schnell gu­cken. Mehr nicht. Wer die­ser Ver­su­chung nach­gibt, be­gibt sich in Le­bens­ge­fahr: Die Han­dy­nut­zung am Steu­er ist nicht nur strikt ver­bo­ten, son­dern laut Sta­tis­tik mitt­ler­wei­le auch die häu­figs­te Un­fall­ur­sa­che im deut­schen Stra­ßen­ver­kehr.

Zahl­rei­che Apps sol­len Au­to­fah­rer da­her schüt­zen. Vie­le von ih­nen sind kos­ten­los. Die „Stop­pApp“et­wa muss nur in­stal­liert wer­den – da­nach springt sie au­to­ma­tisch an. Über GPS merkt die App, wenn das Smart­pho­ne sich in ei­nem fah­ren­den Au­to be­fin­det. So­fort wer­den al­le an­de­ren Apps auf Stand-by ge­schal­tet. Kein Licht, kein Ton. Es springt zu­dem ein Bild­schirm­scho­ner wäh­rend der Fahrt an, den der Au­to­fah­rer nicht um­ge­hen kann – erst wenn das Au­to wie­der dau­er­haft steht. Nur noch No­t­ru­fe sind mög­lich. Ein wei­te­rer Plus­punkt: Die App er­kennt au­to­ma­tisch ei­ne Frei­sprech­an­la­ge und lässt in die­sem Fall An­ru­fe zu. Ab­zü­ge gibt es al­ler­dings da­für, dass die App auch an­springt, wenn man sich als Bei­fah­rer in ei­nem Au­to be­wegt. Zu­dem wer­den Bahn- und Bus­fahr­ten nicht im­mer von der App er­kannt. Wer sich so fort­be­wegt, muss die App vor Fahrt­an­tritt

aus­schal­ten.

Man­che Apps „pet­zen“bei den El­tern

Die „Stop­pApp“ist nur ei­ne von vie­len An­wen­dun­gen, die es ak­tu­ell auf dem Markt gibt. Ne­ben der Stand-by-Funk­ti­on, die sich au­to­ma­tisch bei Fahrt­an­tritt ein­schal­tet, gibt es vie­le Er­wei­te­run­gen. Man­che Apps schi­cken au­to­ma­tisch Ab­we­sen­heits­no­ti­zen bei ein­ge­hen­den An­ru­fen und Nach­rich­ten wäh­rend der Fahrt, an­de­re wie die App „AT&T Dri­ve Mo­de“ aus den USA alar­mie­ren so­gar die El­tern jun­ger Fah­rer, wenn die­se die Si­cher­heits-App aus­schal­ten.

Wie ernst der Hin­ter­grund für die­se Apps ist, be­le­gen we­ni­ge Zah­len: 500 Men­schen kom­men laut Po­li­zei­sta­tis­tik im Schnitt pro Jahr auf deut­schen Stra­ßen ums

Os­car Ovie­do-Tres­pa­la­ci­os, Wis­sen­schaft­ler

Le­ben, weil sie selbst oder ein Un­fall­be­tei­lig­ter wäh­rend der Fahrt aufs Han­dy ge­schaut ha­ben. Be­son­ders alar­mie­rend da­bei ist, dass das Schuld­be­wusst­sein beim Griff zum Han­dy sehr ge­ring ist – ganz im Ge­gen­teil zu Al­ko­hol am Steu­er oder er­höh­ter Ge­schwin­dig­keit. Bei ei­ner Um­fra­ge der bun­des­wei­ten Ver­kehrs­si­cher­heits­kam­pa­gne „Be smart“ga­ben 70 Pro­zent al­ler Be­frag­ten an, das Smart­pho­ne am Steu­er zu be­nut­zen, 20 Pro­zent sag­ten so­gar, sie tä­ten dies re­gel­mä­ßig. Die Po­li­zei setzt da­her bun­des­weit im­mer ver­stärkt auf Kon­trol­len – ein Ver­stoß kos­tet min­des­tens 100 Eu­ro Buß­geld und bringt min­des­tens ei­nen Punkt in der Ver­kehrs­sün­der­da­tei in Flens­burg. Je nach­dem, ob man ein­fach mit Han­dy am Steu­er er­wischt wur­de oder aber es be­reits zu ei­ner Ge­fah­ren­si­tua­ti­on ge­kom­men ist.

Die der­zeit er­hält­li­chen Ver­kehrs­si­cher­heits­apps beu­gen aber nur be­dingt Un­fäl­len im Stra­ßen­ver­kehr vor. Das fan­den For­scher der Queens­land Uni­ver­si­ty of Tech­no­lo­gy in ei­ner neu­en Stu­die her­aus. 29 un­ter­schied­li­che An­wen­dun­gen wur­den ge­tes­tet. „Vie­le die­ser Apps ar­bei­ten mit der An­nah­me, dass Au­to­fah­rer der Ver­su­chung nicht wi­der­ste­hen kön­nen, wäh­rend der Fahrt ans Te­le­fon zu ge­hen, wenn es klin­gelt“, sagt der Stu­di­en­lei­ter Os­car Ovie­do-Tres­pa­la­ci­os. Wer sein Mo­bil­te­le­fon aber wirk­lich für un­ver­zicht­bar hal­te, la­de sich erst gar nicht solch ei­ne App her­un­ter. „Wir glau­ben, ein bes­se­rer An­satz wä­re es, An­wen­dun­gen zu ver­ein­fa­chen, da­mit sie kom­pa­ti­bel zum Au­to­fah­ren wer­den. Das könn­te zum Bei­spiel durch sprach­ge­steu­er­te Nut­zung ge­sche­hen, da die Fah­rer so wei­ter­hin den Blick auf die Stra­ße rich­ten kön­nen.“So wür­den man­che An­wen­dun­gen auch trotz Au­to­fahrt le­gal mög­lich wer­den: Bei­spiels­wei­se könn­ten Nach­rich­ten vor­ge­le­sen wer­den, das Han­dy­na­vi könn­te eben­falls mit der Bord­elek­tro­nik kom­mu­ni­zie­ren.

Bei „Po­ké­mon Go“kommun­zie­ren Au­to und Han­dy di­rekt

Ei­ne au­to­ma­ti­sier­te Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Au­to und Smart­pho­ne könn­te obend­rein in Zu­kunft ei­ne Mög­lich­keit bie­ten, das Po­ten­zi­al die­ser Apps bes­ser aus­zu­schöp­fen. „Es ist denk­bar, dass Han­dy­her­stel­ler in Zu­kunft ei­ne App auf ih­ren Te­le­fo­nen in­stal­lie­ren müs­sen, die mit dem Au­to ‚spricht’ und dann au­to­ma­tisch ei­ni­ge Te­le­fon­funk­tio­nen blo­ckiert, wäh­rend das Au­to in Be­we­gung ist“, sagt Ovie­do-Tres­pa­la­ci­os. Ein Vor­bild da­für wä­re das Spiel „Po­ké­mon Go“. In die­sem Fall ar­bei­ten Han­dy­her­stel­ler und App-Ent­wick­ler schon eng zu­sam­men. Die Ent­wick­ler be­merk­ten, dass vie­le das Spiel auch wäh­rend des Au­to­fah­rens nutz­ten. Da­her wur­de ein Up­date ein­ge­führt, das dem ent­ge­gen­wirkt. „Das ist ei­ne Sa­che der so­zia­len Ver­ant­wor­tung, und wir als Nut­zer kön­nen Druck aus­üben“, so der Lei­ter der Stu­die, die im Ja­nu­ar im Fach­ma­ga­zin „Trans­por­ta­ti­on Re­se­arch“ver­öf­fent­licht wur­de.

Tat­säch­lich ist das das of­fen­sicht­lichs­te Pro­blem von Ver­kehrs­si­cher­heits-Apps wie der „Stop­pApp“: Sie funk­tio­nie­ren – al­ler­dings nicht au­to­ma­tisch. Viel­mehr braucht es noch den Men­schen, der will, dass die­se Apps funk­tio­nie­ren. Die­je­ni­gen, die sich aber be­wusst ei­ne sol­che App her­un­ter­la­den, um sich selbst vom Smart­pho­ne fern­zu­hal­ten, wür­den im Zwei­fels­fall eh nicht wäh­rend der Fahrt aufs Han­dy schau­en. Die ak­tu­el­len Apps ma­chen es trotz­dem ein­fa­cher, sich rich­tig zu ver­hal­ten. Und das ist ja auch schon

mal was.

Ein bes­se­rer An­satz­wä­rees, An­wen­dun­gen zu ver­ein­fa­chen.

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