Ein Fun­ken Hoff­nung

Das Ber­li­ner Maxim Gor­ki Thea­ter über­trägt Erich Ma­ria Re­mar­ques Flücht­lings­epos „Die Nacht von Lis­s­a­bon“ins heu­ti­ge Eu­ro­pa

Märkische Allgemeine - - KULTUR - Von Frank Diet­schreit

Ber­lin. Die Na­zis ha­ben ihn ge­hasst und sei­ne Bü­cher ver­brannt. Aber da war Erich Ma­ria Re­mar­que, der mit sei­nem An­ti­kriegs-Ro­man „Im Wes­ten nichts Neu­es“Welt­ruhm er­lang­te, be­reits im Exil. Zu­nächst leb­te er in der Schweiz, spä­ter, als in Eu­ro­pa der Krieg wü­te­te, zog es den Pa­zi­fis­ten wei­ter nach Ame­ri­ka. Ne­ben Li­on Feucht­wan­ger und Tho­mas Mann war er ei­ner der we­ni­gen Au­to­ren, die auch in der Emi­gra­ti­on ei­ni­ger­ma­ßen aus­kömm­lich vom Schrei­ben le­ben konn­ten. Doch die Er­fah­rung von Ver­trei­bung, Ver­fol­gung und Hei­mat­lo­sig­keit, von Angst und Aus­gren­zung hat ihn zeit­le­bens nicht mehr los­ge­las­sen. Noch 1962 hat er in ei­nem sei­ner letz­ten Ro­ma­ne von der Flucht ei­nes Deut­schen durch halb Eu­ro­pa bis nach Lis­s­a­bon er­zählt, für den Pass und Vi­sum wich­ti­ger sind als al­le ma­te­ri­el­len Gü­ter die­ser Welt. Doch als sei­ne tod­kran­ke Frau in den Selbst­mord flüch­tet, will er die über­le­bens­wich­ti­gen Rei­se-Do­ku­men­te an ei­nen an­de­ren Flücht­ling ver­schen­ken: vor­aus­ge­setzt, er ist be­reit, ei­ne lan­ge Rei­se durch die Nacht an­zu­tre­ten und sich die trau­ri­ge Ge­schich­te des an­de­ren an­zu­hö­ren.

Im Ber­li­ner Maxim Gor­ki Thea­ter in­sze­niert der deutsch-tür­ki­sche Re­gis­seur Ha­ken Sa­vas Mi­can ei­ne Büh­nen­fas­sung von Re­mar­ques „Die Nacht von Lis­s­a­bon“. Ei­gent­lich sind es gleich meh­re­re, sich über­la­gern­de und bis ins Heu­te fort­schrei­ben­de Ver­sio­nen. Denn der Re­gis­seur ist, zu­sam­men mit Vi­deo­Künst­ler Ben­ja­min Krieg, je­ne Stre­cke ab­ge­fah­ren, die im Ro­man Jo­sef und He­len auf ih­rer Flucht von Os­na­brück über Zü­rich und Pa­ris bis nach Lis­s­a­bon neh­men.

Auf der nack­ten Rück­wand der lee­ren Büh­ne se­hen wir die Vi­deoSchnip­sel die­ser Odys­see durch ein Eu­ro­pa, das neu­er­dings wie­der Grenz­zäu­ne er­rich­tet und Flücht­lin­ge zu­rück­weist. Aus­zü­ge aus dem Rei­se­ta­ge­buch des Re­gis­seurs, des­sen Va­ter vor vie­len Jah­ren als „Gas­t­ar­bei­ter“nach Deutsch­land kam, ver­mi­schen sich mit den Tex­ten von Re­mar­que. Di­mi­trij Schaad und Ana­st­a­sia Gu­ba­re­va, auch sie sind vor Jah­ren als Flücht­lin­ge in Ber­lin ge­stran­det und hier zu groß­ar­ti­gen Schau­spie­lern im Maxim Gor­ki Thea­ter ge­wor­den, schlüp­fen in di­ver­se Rol­len. Sie sind mal Ver­folg­te, mal Ver­fol­ger, mal im Ges­tern, mal im Heu­te.

Es ist ei­ner die­ser sel­te­nen Aben­de, die den Zu­schau­er be­we­gen, be­rüh­ren, er­schüt­tern – und doch nicht ver­zwei­feln las­sen. Denn das fa­cet­ten­rei­che und vor­wit­zi­ge Spiel von Schaad und Gu­ba­re­va hin­ter­lässt ei­nen Fun­ken Hoff­nung. Eu­ro­pa ist zwar hoch­gra­dig ver­wirrt, es muss aber nicht im­mer so blei­ben.

In­fo Nächs­te Vor­stel­lun­gen: 17.1., 24. 1., 7.2., 19.30 Uhr.

FO­TO: UTE LANGKAFEL

Ana­st­a­sia Gu­ba­re­va und Di­mi­trij Schaad in Re­mar­ques „Die Nacht von Lis­s­a­bon“am Maxim-Gor­ki-Thea­ter.

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