Ge­vat­ter Tod

Jan Jo­sef Lie­fers wühlt für den ZDF-Film „To­ten­ge­bet“wie­der als der An­walt Joachim Vernau in der Ver­gan­gen­heit – dies­mal in der ei­ge­nen

Märkische Allgemeine - - MEDIEN / WETTER - Von Tilmann P. Gang­loff

Mainz. Der Zwei­te Welt­krieg, die Ab­wick­lung der DDR, die Haus­be­set­zun­gen zu Be­ginn der Acht­zi­ger­jah­re: In den Kri­mi­nal­ro­ma­nen von Eli­sa­beth Herr­mann führt die Spur häu­fig in die Ver­gan­gen­heit. 2011 hat das ZDF be­gon­nen, die Bü­cher über die Fäl­le des Ber­li­ner An­walts Joachim Vernau in lo­ser Fol­ge zu ver­fil­men; die Ad­ap­ti­on be­sorg­te die Au­to­rin re­gel­mä­ßig selbst, die Ins­ze­nie­rung über­nahm Car­lo Ro­la.

Den Auf­takt bil­de­te im Ja­nu­ar 2012 „Das Kin­der­mäd­chen“. Die Ge­schich­te ei­ner frü­he­ren Zwangs­ar­bei­te­rin, die 70 Jah­re spä­ter ei­ne Ent­schä­di­gung for­der­te, war ei­ne ge­lun­ge­ne Mi­schung aus Sit­ten­ge­mäl­de, Kri­mi und Roman­ze. An­schlie­ßend ent­wi­ckel­te die Rei­he je­doch ei­ne un­gu­te Ten­denz. Die wei­te­ren Fil­me wa­ren ge­wöhn­li­che TVK­ri­mis und leb­ten da­von, dass es grund­sätz­lich Spaß macht, Jan Jo­sef Lie­fers zu­zu­schau­en; selbst wenn er bloß mit ei­nem Stra­ßen­kreu­zer durch Ha­van­na fährt.

Mit „To­ten­ge­bet“hat die Rei­he wie­der zur Qua­li­tät des ers­ten Films zu­rück­ge­fun­den. Vernau ver­bringt dies­mal zwar zu Fuß oder per Ta­xi viel Zeit in den Stra­ßen von New York, aber die mit der ty­pi­schen Neu­gier des Eu­ro­pä­ers ge­film­ten Sze­nen sind deut­lich bes­ser in die Hand­lung in­te­griert. Die Ge­schich­te ist oh­ne­hin viel zu ver­zwickt, um Zeit für ei­ne Stadt­rund­fahrt zu ver­schwen­den. Die Er­mitt­lun­gen füh­ren den An­walt er­neut in die Ver­gan­gen­heit, doch dies­mal ist es sei­ne ei­ge­ne – und dar­in liegt der gro­ße Reiz der Ge­schich­te.

Chro­no­lo­gisch be­ginnt die Hand­lung mit dem Be­such ei­ner jun­gen Man­dan­tin: Die Ame­ri­ka­ne­rin Ra­chel Co­hen (Mer­ce­des Müller) hat auf dem Ster­be­bett ih­res Va­ters er­fah­ren, dass sie als Ba­by ad­op­tiert wor­den ist. Ih­re Mut­ter Re­bec­ca ist be­reits kurz nach der Nie­der­kunft ge­stor­ben; nun sucht Ra­chel ih­ren Er­zeu­ger. Re­bec­ca war als jun­ge Ju­ra­stu­den­tin in Bos­ton Mit­glied ei­ner Cli­que, zu der auch Vernau ge­hör­te. Ra­chel ist über­zeugt, dass ei­ner der Män­ner, die of­fen­bar al­le in die schö­ne Kom­mi­li­to­nin ver­knallt wa­ren, ihr Va­ter ist. Ge­mein­sam ma­chen sich der An- walt und sei­ne Man­dan­tin auf die Su­che nach den Kan­di­da­ten, aber die Re­cher­che steht un­ter kei­nem gu­ten Stern. Ir­gend­je­mand scheint mit Ge­walt ver­hin­dern zu wol­len, dass das Rät­sel ge­löst wird, es kommt zu meh­re­ren To­des­fäl­len, und auch Vernau wird mit sei­nem Au­to von der Stra­ße ab­ge­drängt. Mit den Fol­gen die­ses Un­falls be­ginnt der Film.

„To­ten­ge­bet“| ZDF Mit Jan Jo­sef Lie­fers Heu­te, 20.15 Uhr

Wäh­rend sich die meis­ten Thriller da­mit be­gnü­gen, ei­nen Hö­he­punkt an den An­fang zu set­zen und dann zu er­zäh­len, wie es zu die­sem Er­eig­nis ge­kom­men ist, sind die Rück­blen­den dies­mal Teil ei­ner ori­gi­nel­len Dra­ma­tur­gie: Vernau hat durch den Un­fall sei­ne Er­in­ne­run­gen an die letz­ten acht Ta­ge ver­lo­ren. Als er in ei­nem New Yor­ker Kran­ken­haus zu sich kommt, hat er kei­ne Ah­nung, war­um er nach Ame­ri­ka ge­flo­gen ist.

„To­ten­ge­bet“ist der ers­te Vernau-Ro­man, den Schrift­stel­le­rin Herr­mann nicht selbst ad­ap­tiert hat. Das Dreh­buch stammt dies­mal von An­dré Ge­or­gi, dem Au­tor für Kri­mi­rei­hen wie „Ma­rie Brand“und „Un­ter an­de­ren Um­stän­den“. Nach­fol­ger des 2016 ver­stor­be­nen Re­gis­seurs Car­lo Ro­la ist Jo­sef Rus­nak, der auch als Co-Au­tor ge­führt wird. Er hat ge­mein­sam mit Ka­me­ra­mann Ralf Noack ein in­ter­es­san­tes äs­the­ti­sches Kon­zept ent­wi­ckelt. Na­tür­lich ha­ben sie die Dif­fe­ren­zie­rung bei Licht­set­zung und Farb­ge­bung – die Ver­gan­gen­heit hell und freund­lich, die Ge­gen­wart kühl und nüch­tern – nicht er­fun­den, aber gera­de die In­nen­auf­nah­men sind sehr an­spre­chend.

Als Vernau ge­mein­sam mit Ra­chel ei­ne Sy­nago­ge auf­sucht, um dort sei­nen al­ten Freund Ru­di (Gus­tav Pe­ter Wöh­ler) zu tref­fen, ist das Got­tes­haus in ein ge­ra­de­zu sa­kra­les Licht ge­taucht. Kurz dar­auf ist Ru­di tot, und Ra­chel steht un­ter Mord­ver­dacht. Und nach ei­nem wei­te­ren To­des­fall fragt sich auch Vernau, ob sie auf ei­nem Ra­che­feld­zug ist.

Ein­zi­ger, aber nicht un­er­heb­li­cher Ma­lus ne­ben der Ver­schwen­dung Ste­fa­nie Stap­pen­becks in der Ne­ben­rol­le als Vern­aus Kanz­lei­part­ne­rin ist die er­neut miss­lun­ge­ne In­te­gra­ti­on von Vern­aus fa­mi­liä­rem Hin­ter­grund: Die Zwi­schen­spie­le mit sei­ner Mut­ter wa­ren schon in „Der Mann oh­ne Schat­ten“völ­lig über­flüs­sig. Die Lie­be­lei von Hil­de­gard Vernau (Eli­sa­beth Schwarz) mit ei­nem ame­ri­ka­ni­schen Trom­pe­ter (Fried­rich Liech­ten­stein) hat im­mer­hin den Vor­teil, dass Ma­rio Gri­go­rov viel Jazz in sei­ne Film­mu­sik in­te­grie­ren kann.

Un­be­frie­di­gend ist wie in fast al­len Fil­men über Deut­sche im Aus­land da­ge­gen der Um­gang mit der Spra­che: Die Ame­ri­ka­ner be­gin­nen Ge­sprä­che auf Eng­lisch („Ex­cu­se me, Sir“) und fah­ren dann auf Deutsch fort. Glaub­wür­dig ge­löst sind al­lein die Dia­lo­ge Vern­aus mit Ra­chel, denn die war auf ei­ner deut­schen Schu­le. Da­von ab­ge­se­hen ge­hört Mer­ce­des Müller oh­ne­hin zu den Plus­punk­ten des Films, zu­mal sie die jun­ge Frau an­ge­mes­sen sphinx­haft ver­kör­pert.

FO­TO: GOR­DON MUEHLE/ZDF

Oh­ne Er­in­ne­run­gen: An­walt Joachim Vernau (Jan Jo­sef Lie­fers) muss in New York ei­nen Fall auf­klä­ren, doch nach ei­nem schwe­ren Au­to­un­fall kehrt sein Ge­dächt­nis nur lang­sam zu­rück.

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