Pi­lo­ten­streik trifft Rya­nair

Doch jetzt muss Rya­nair mit der größ­ten Kri­se des Un­ter­neh­mens fer­tig wer­den

Märkische Oderzeitung Angerm‎ünde - - Vorderseite - VON DO­RO­THEE TO­REB­KO DIE­TER KEL­LER

Schö­ne­feld. Mit ei­nem ab­ge­stimm­ten Streik in fünf eu­ro­päi­schen Län­dern ha­ben Pi­lo­ten am Frei­tag den Bil­lig­flie­ger Rya­nair emp­find­lich ge­trof­fen. Mit­ten in der Ur­laubs­zeit muss­ten die Iren je­den sechs­ten Flug eu­ro­pa­weit ab­sa­gen und da­mit rund 55 000 Pas­sa­gie­re ent­täu­schen. Auf Deutsch­land ent­fie­len 250 von 400 ge­stri­che­nen Ver­bin­dun­gen, so dass am Mor­gen an den Schal­tern auf deut­schen Flug­hä­fen wie in Schö­ne­feld na­he­zu ge­spens­ti­sche Ru­he herrsch­te. Ein Cha­os in den Ter­mi­nals blieb aus. (dpa)

Ber­lin. Rya­nair hat sich von ei­nem in­sol­ven­ten Un­ter­neh­men zu Eu­ro­pas größ­tem Bil­lig­flie­ger ge­wan­delt. Das ver­dankt die iri­sche Flug­ge­sell­schaft ih­rem Chef, dem 57-jäh­ri­gen Micha­el O’lea­ry. Der ist nicht nur für sei­ne bru­ta­len Ein­spar­mo­del­le be­kannt, son­dern auch für sei­ne Mar­ke­ting-ak­tio­nen.

„Ihr Deut­sche wür­det nackt über Glas krie­chen, um bil­lig flie­gen zu kön­nen.“„Wir ma­chen kei­ne Er­stat­tun­gen für un­ge­nutz­te Ti­ckets, al­so ver­pisst euch“: Die­se Sät­ze stam­men vom Chef des größ­ten eu­ro­päi­schen Bil­lig­flie­gers, von Rya­nair-boss Micha­el O’lea­ry. Das En­fant ter­ri­b­le der Flug­bran­che ist be­kannt für sei­ne re­spekt­lo­sen Sprü­che und ein bru­ta­les Ein­spar­mo­dell, mit dem er die Flug­li­nie zum Mil­li­ar­den-kon­zern mach­te. Doch nun muss die Ge­sell­schaft ei­ne der größ­ten Kri­sen ih­rer Ge­schich­te über­ste­hen.

Denn die Pi­lo­ten ha­ben die Na­se voll. Von den schlech­ten Ar­beits­be­din­gun­gen. Vom ge­rin­gen Ge­halt. Von den mi­se­ra­blen Ar­beits­zei­ten. Des­halb tra­ten sie für 24 St­un­den bis Sonn­abend­früh in den Streik. 250 Ver­bin­dun­gen von und nach Deutsch­land wur­den an­nul­liert, eu­ro­pa­weit wa­ren es 400. Auch in Schwe­den, Ir­land, Bel­gi­en und den Nie­der­lan­den leg­ten die Pi­lo­ten ih­re Ar­beit nie­der. Es ist der größ­te Un­ter­neh­mens­streik in der Ge­schich­te der Flug­li­nie. Und den hat sich Rya­nair selbst zu­zu­schrei­ben, sa­gen die Ge­werk­schaf­ten.

Von den 14 500 Mit­ar­bei­tern ist ein er­heb­li­cher Teil bei Zeit­ar­beits­fir­men be­schäf­tigt – sie sind da­mit Schein­selbst­stän­di­ge. Rya­nair bil­det kei­ne Pi­lo­ten aus. Sie müs­sen ih­re Aus­bil­dung selbst zah­len – für 60 000 Eu­ro und mehr. Auch das Ein­stiegs­ge­halt lässt zu wün­schen üb­rig: Es lag laut Ver­ei­ni­gung Cock­pit lan­ge un­ter 30 000 Eu­ro brut­to im Jahr. Seit An­fang des Jah­res sind es 39 000 Eu­ro. Ma­xi­mal kön­nen sie auf 110 000 Eu­ro kom­men. Bei der Luft­han­sa ist es dop­pelt so viel.

Doch um ei­ne Er­hö­hung geht es den Ge­werk­schaf­ten nicht nur, son­dern um die Ge­halts­struk­tur. Pi­lo­ten be­kom­men ih­ren Lohn leis­tungs­ab­hän­gig. Das heißt, wenn sie krank sind, be­kom­men sie we­ni­ger. Des­halb for­dern die Ge­werk­schaf­ten mehr Fest­ge­halt und ei­ne we­ni­ger va­ria­ble Ver­gü­tung. Au­ßer­dem wol­len sie ei­nen Man­tel­ta­rif­ver­trag eta­blie­ren, in dem Di­enst­zei­ten fest­ge­schrie­ben sind.

Dass O’lea­ry das nicht schmeckt, be­wies er, in­dem er jah­re­lang Ver­hand­lun­gen blo- ckier­te. Eher frie­re die Höl­le zu, als dass es bei Rya­nair Ge­werk­schaf­ten gä­be, sag­te er einst. Im De­zem­ber war es dann aber doch so­weit: Der 57-Jäh­ri­ge muss­te ein­len­ken. Mit­ten im Weih­nachts­ge­schäft droh­ten die Ar­beit­neh­mer mit Streiks. Zu­dem muss­te er im Herbst mas­siv Flü­ge strei­chen, weil Per­so­nal fehl­te. Die Fol­ge: Die Pi­lo­ten be­ka­men 20 Pro­zent mehr Ge­halt.

Doch mehr will der Ire den Ge­werk­schaf­ten nicht zu­ge­ste­hen. Nach au­ßen hin wirkt er ge­las­sen. Vor zwei Wo­chen sag­te er un­ver­hoh­len, dass er die gan­ze Auf­re­gung um die Streiks eh nicht ver­ste­he. Bis zum Win­ter wür­de Kon­kur­rent Nor­we­gi­an Air­lines plei­te­ge­hen. Da könn­te Rya­nair die Pi­lo­ten der Nor­we­ger über­neh­men. „Sol­che Sprü­che bringt nur O’lea­ry zu­stan­de. Nur, wer sich für den Größ­ten hält, kann so et­was sa­gen“, ur­teilt Uwe Hi­en von der Un­ab­hän­gi­gen Flug­be­glei­ter Or­ga­ni­sa­ti­on UFO.

Der Bran­chen­ken­ner hält den Iren für ei­nen Mar­ke­ting-pro­fi, der Auf­merk­sam­keit sucht. Zum Bei­spiel, in­dem er Pas­sa­gie­re als dumm be­zeich­net und ih­nen an­droht, sie müss­ten bei feh­len­dem Ti­cket-aus­druck 60 Eu­ro zah­len. Oder in­dem er pro­vo­kant für Rya­nair wirbt: 2003 zog O’lea­ry mit ei­nem Pan­zer aus dem Zwei­ten Welt­krieg vor den Haupt­sitz des Kon­kur­ren­ten Ea­sy­jet und ver­kün­de­te, dass er „das Volk von Ea­sy­jets ho­hen Prei­sen be­frei­en“wol­le.

Mit die­ser Ma­sche und ei­nem Spar­mo­dell son­der­glei­chen hat der 57-Jäh­ri­ge das Un­ter­neh­men vom Plei­te­kan­di­da­ten zur fünft­größ­ten Flug­li­nie der Welt ge­macht. 1985 wur­de Rya­nair von To­ny Ryan, mit des­sen Kin­dern O’lea­ry sich an­freun­de­te, ge­grün­det. Be­reits vier Jah­re spä­ter lag die Flug­ge­sell­schaft am Bo­den. Es droh­te die In­sol­venz. Die konn­te To­ny Ryan mit­tels staat­li­cher Hil­fen zu­nächst ab­wen­den. Doch es war O’lea­ry, der das Un­ter­neh­men auf Kurs brach­te. Er im­por­tier­te aus den USA das Bil­lig­flie­ger-mo­dell und per­fek­tio­nier­te es. Da­zu ge­hört, dass Rya­nair ab­ge­le­ge­ne Flug­hä­fen an­steu­ert und Kun­den für Ex­tras wie Ge­trän­ke und Ge­päck zah­len lässt. Doch nicht nur das: Auch die Mit­ar­bei­ter müs­sen für ih­re Uni­for­men und Ver­pfle­gung an Bord in die Ta­sche grei­fen. Zu­dem wer­den die Flug­be­glei­ter bes­ser be­zahlt, wenn sie vie­le Ar­ti­kel an Bord ver­kau­fen. O’lea­ry kam so­gar auf die Idee, Geld für Toi­let­ten­gän­ge zu ver­lan­gen und Steh­plät­ze ein­zu­füh­ren.

Bis­her ist es nicht da­zu ge­kom­men. Doch das Un­ter­neh­men ge­rät zu­neh­mend un­ter Druck. Auch durch an­de­re Flug­li­ni­en, die ihr An­ge­bot aus­wei­ten. Ob O’lea­ry mit sei­ner Hin­hal­te­tak­tik und sei­nen mar­ki­gen Sprü­chen Kün­di­gun­gen ab­wen­den wird? Die Ge­werk­schaf­ten je­den­falls ha­ben wei­te­re Streiks in Aus­sicht ge­stellt.

Fo­to: dpa/si­las Stein

„Rya­nair muss sich än­dern“: Das steht auf den Pla­ka­ten und T-shirts der strei­ken­den Pi­lo­ten, die sich am Frei­tag vor dem Head­quar­ter in Frank­furt/main plat­ziert ha­ben. Sie for­dern mehr Fest­ge­halt und we­ni­ger Flug­stun­den.

Fo­to: AFP

Rya­nair-chef Micha­el O´lea­ry

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