Stol­pe for­dert Ge­rech­tig­keit

Man­fred Stol­pe spricht über sei­ne Ge­sund­heit, Pro­ble­me bei der Pfle­ge und den Ab­sturz sei­ner Par­tei

Märkische Oderzeitung Angerm‎ünde - - Vorderseite - BEN­JA­MIN LASSIWE

Pots­dam. Bran­den­burgs frü­he­rer Mi­nis­ter­prä­si­dent Man­fred Stol­pe (SPD) hat die Po­li­tik auf­ge­for­dert, mehr für Pfle­ge­kräf­te zu tun. Im In­ter­view mit die­ser Zei­tung sag­te der 82-Jäh­ri­ge, die Po­li­tik müs­se end­lich für Ge­rech­tig­keit sor­gen. Es sei falsch, ei­nen Mas­sen­streik ab­zu­war­ten, der in ei­ne so­zia­le Ka­ta­stro­phe füh­ren wür­de. Stol­pe selbst lebt nach ei­ner Krebs­er­kran­kung ge­mein­sam mit sei­ner Frau in ei­nem Se­nio­ren­heim in Pots­dam. Bei sei­nen Kli­nik­auf­ent­hal­ten in den ver­gan­ge­nen Jah­ren sei sein Re­spekt vor der Ar­beit der Pfle­ge­kräf­te ge­wach­sen.

Zwi­schen 1990 und 2002 war Man­fred Stol­pe der ers­te Mi­nis­ter­prä­si­dent des Lan­des Bran­den­burg. Heu­te lebt er mit sei­ner Frau in ei­nem Se­nio­ren­heim in Pots­dam. Ei­ne Krebs­er­kran­kung macht ihm zu schaf­fen. Über sei­nen Ge­sund­heits­zu­stand und die Pro­ble­me bei der Pfle­ge sprach

mit dem So­zi­al­de­mo­kra­ten.

Herr Stol­pe, wie geht es Ih­nen im Mo­ment?

Die Stim­mung ist gut, dass Be­fin­den schlech­ter: Mei­ne Stim­me ist brü­chig ge­wor­den und die Be­weg­lich­keit hat er­heb­lich nach­ge­las­sen. Aber ich hö­re gut zu, le­se viel und äu­ße­re mich schrift­lich.

Sie sind vor ei­ni­gen Jah­ren in ein Pots­da­mer Se­nio­ren­heim ge­zo­gen. Fiel Ih­nen der Schritt schwer?

Als ich vor sechs Jah­ren da­mit rech­nen muss­te, dass sich mein lang­jäh­ri­ges Krebs­lei­den ver­schlim­mern wür­de, ent­schlos­sen sich mei­ne Frau und ich, in ei­ne al­ters­ge­rech­te Woh­nung um­zu­zie­hen, in der man bei Be­darf auch Pfle­ge in An­spruch neh­men kann. Das muss­ten wir bis­her nicht.

Vie­le Men­schen ha­ben Angst da­vor, im Al­ter auf Un­ter­stüt­zung an­ge­wie­sen zu sein – wie geht es Ih­nen da­mit?

In den letz­ten Jah­ren ha­be ich meh­re­re Kli­ni­ken er­lebt und mein Re­spekt ge­gen­über den Pfle­ge­kräf­ten wuchs. Ich weiß, dass ich auf Hil­fe an­ge­wie­sen sein wer­de und ha­be Ver­trau­en zu den Men­schen, die sich um uns Al­te küm­mern.

Was be­deu­tet es für Sie, alt zu wer­den?

Alt­wer­den muss ge­lernt sein. Mit knapp 80 Jah­ren woll­te ich es noch nicht wahr ha­ben. Nach ei­ner schwe­ren Lun­gen­ent­zün­dung ver­stand ich, dass auch ich alt wer­de und das Le­ben ein En­de nimmt. Das be­deu­tet nicht, auf den Tod zu war­ten, son­dern je­den Tag mein klei­nes Pro­gramm zu er­le­di­gen.

Wie neh­men Sie die De­bat­te um die Si­tua­ti­on in der Al­ten­pfle­ge wahr?

Der schwe­re Be­ruf der Al­ten­pfle­ge ist lan­ge Zeit schlecht be­han­delt wor­den. Pfle­ge­kräf­te ha­ben ih­ren Di­enst an al­ten und ge­brech­li­chen Men­schen Tag für Tag er­füllt, ha­ben we­nig ge­klagt, sel­ten ge­streikt und wur­den zu we­nig be­ach­tet. Sie leis­ten ei­nen so­zia­len und hu­ma­ni­tä­ren Di­enst von wach­sen­der Be­deu­tung.

Denn die Zahl der Pfle­ge­be­dürf­ti­gen nimmt zu, und es wird end­lich Zeit, die hel­fen­den Hän­de und Her­zen mit ei­nem ver­bes­ser­ten Sta­tus so­wie an­ge­mes­se­ner Ver­gü­tung ge­rech­ter zu be­han­deln.

Was müss­te die Po­li­tik für die Pfle­gen­den tun?

Die Po­li­tik muss end­lich für Ge­rech­tig­keit ge­gen­über den Pfle­ge­kräf­ten sor­gen und darf nicht ab­war­ten, bis ein Mas­sen­streik uns in ei­ne so­zia­le Ka­ta­stro­phe führt. Das wä­re die bes­te Hil­fe auch für die Men­schen, die auf Pfle­ge an­ge­wie­sen sind.

The­men­wech­sel. Als Sie Mi­nis­ter­prä­si­dent wa­ren, kämpf­te Bran­den­burg ge­gen den Rechts­ex­tre­mis­mus. Wie se­hen Sie die Si­tua­ti­on heu­te?

In den 1990er-jah­ren hat­ten wir es in sehr schwie­ri­ger Um­bruch­zeit

mit Kri­mi­nel­len, mit bru­ta­len Über­grif­fen und Brand­stif­tun­gen zu tun. Ich ha­be das Aus­maß erst be­grif­fen, als ich auf­ge­reg­ten Men­schen stun­den­lang zu­ge­hört ha­be und von man­chen Me­di­en be­schimpft wur­de, weil Da­bei­sein und Zu­hö­ren als Le­gi­ti­ma­ti­on der Un­ru­he­stif­ter ge­deu­tet wur­de. Aber wie soll­te ich er­fah­ren, was die Men­schen um­trieb?

Hat das En­ga­ge­ment von Or­ga­ni­sa­tio­nen wie dem Ak­ti­ons­bünd­nis ge­gen Frem­den­feind­lich­keit et­was ge­bracht – oder ist die AFD ein Be­leg da­für, dass die Pro­jek­te eher wir­kungs­los wa­ren?

Ich bin dank­bar, dass Or­ga­ni­sa­tio­nen wie das „Ak­ti­ons­bünd­nis ge­gen Frem­den­feind­lich­keit“so­wie das „To­le­ran­te Bran­den­burg“ent­stan­den sind. Hier sam­meln sich Men­schen, die

ein welt­of­fe­nes Land an­stre­ben. Al­so Gleich­ge­sinn­te, die in Ab­wehr ge­gen Frem­den­feind­lich­keit, Rassismus und neu­en Na­tio­na­lis­mus ak­tiv sind. Ma­chen wir uns nichts vor: Wei­te Tei­le der Be­völ­ke­rung, die Über­frem­dung und per­sön­li­che Nach­tei­le fürch­ten, wur­den und wer­den von den de­mo­kra­ti­schen Par­tei­en nicht er­reicht. Hier muss der Schwer­punkt der Ar­beit lie­gen: Men­schen von De­mo­kra­tie zu über­zeu­gen und für De­mo­kra­tie zu be­geis­tern. Sonst glau­ben noch mehr Men­schen den ein­fa­chen Pa­ro­len der AFD.

Wie­so wur­den be­stimm­te Men­schen dann von den di­ver­sen Initia­ti­ven nicht er­reicht?

Die un­ver­zicht­ba­ren Initia­ti­ven für To­le­ranz und ge­gen Frem­den­feind­lich­keit scha­ren vor al­lem Gleich­ge­sinn­te um sich. Die, die an­ders den­ken, wer­den oft nicht er­reicht. Wenn hoch­mo­ti­vier­te, re­de­ge­wand­te Ver­tre­ter der Initia­ti­ven auf Wi­der­stän­de ge­gen Welt­of­fen­heit und So­li­da­ri­sie­rung mit Flücht­lin­gen tref­fen, ha­ben sie in Wor­ten im­mer ge­won­nen. Aber die Aus­wir­kun­gen der Flücht­lings­wel­len von 2015/2016 sind Was­ser auf die Müh­len von Zweif­lern. Hier ist noch viel Ar­beit zu tun.

Müs­sen wir uns da­mit ab­fin­den, dass wir im­mer ei­nen be­stimm­ten Bo­den­satz an Rechts­ex­tre­mis­ten in der Ge­sell­schaft ha­ben wer­den?

Die­ser Bo­den­satz von Frem­den­feind­lich­keit war im­mer vor­han­den, aber er ist jetzt öf­fent­lich ge­wor­den und hat Zu­lauf. Es ist nö­tig, sich der meist so­zia­len Angst der Un­ter­stüt­zer zu­zu­wen­den und das Ge­spräch mit ih­nen zu su­chen. Das ist sehr müh­sam, aber nö­tig.

Wie neh­men Sie die Si­tua­ti­on Ih­rer Par­tei, der SPD, wahr?

Mei­ne Par­tei, die SPD, ist auf ei­nem Tief­punkt in der Wähler­zu­stim­mung im Bund und auch in Bran­den­burg. Eu­ro­pa­weit geht es „Volks­par­tei­en“so. Das darf uns nicht läh­men, son­dern wir müs­sen im­mer wie­der neu die wich­ti­gen Fra­gen stel­len und be­ant­wor­ten: Was ma­chen wir falsch? Sind wir zu sehr bei The­men, die die Men­schen we­ni­ger in­ter­es­sie­ren? Wel­che Par­tei kämpft für ge­rech­te Löh­ne, be­zahl­ba­re Mie­ten, si­che­re Ren­ten und ge­gen Kri­mi­na­li­tät? Mein Rat: Ge­sprä­che mit den Wäh­le­rin­nen und Wäh­lern dür­fen nicht von vor­ge­fer­tig­ten Po­si­tio­nen aus ge­führt wer­den, son­dern in ih­nen müs­sen die Pro­ble­me der Men­schen ernst ge­nom­men wer­den. Es geht um er­kenn­ba­re Lö­sun­gen für die Men­schen.

In Bran­den­burg steht Diet­mar Wo­id­ke erst­mals in der Ge­schich­te sei­ner Par­tei vor der Si­tua­ti­on, even­tu­ell nicht Wahl­sie­ger zu wer­den. Was ra­ten Sie ihm für den Wahl­kampf 2019?

Diet­mar Wo­id­ke hat bei der Kreis­ge­biets­re­form ge­zeigt, dass er an­de­re Mei­nun­gen ernst nimmt, hat die Re­form ge­stoppt und ei­ne deut­li­che Stim­mungs­ver­än­de­rung er­reicht. Das ist die Me­tho­de, mit der die SPD ge­win­nen wird. Auf die Be­völ­ke­rung hö­ren und de­ren Sor­gen deut­lich er­kenn­bar an­pa­cken – wie et­wa bei der Si­che­rung der Vieh­be­stän­de in der Dür­re­pe­ri­ode. Das be­wegt nicht nur die Bau­ern, son­dern wird von vie­len an­de­ren Men­schen eben­so auf­merk­sam be­ob­ach­tet.

Fo­to: dpa/gre­gor Fi­scher

Im Al­ter noch viel be­schäf­tigt: Bran­den­burgs frü­he­rer Mi­nis­ter­prä­si­dent Man­fred Stol­pe lebt im Pots­dam in ei­nem Al­ters­heim. Zei­tun­gen liest er noch je­den Tag.

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