Asy­l­ab­kom­men mit Spa­ni­en tritt in Kraft

Mer­kel be­sucht Mi­nis­ter­prä­si­dent Sán­chez

Märkische Oderzeitung Angerm‎ünde - - Vorderseite - VON MAR­TIN DAHMS

Ber­lin. An die­sem Sonn­abend tritt die Ver­ein­ba­rung zwi­schen Deutsch­land und Spa­ni­en in Kraft, wo­nach Mi­gran­ten an der deutsch-ös­ter­rei­chi­schen Gren­ze bin­nen 48 St­un­den nach Spa­ni­en zu­rück­schickt wer­den kön­nen. Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) reist am Wo­che­n­en­de nach Spa­ni­en. Das Ab­kom­men soll da­zu bei­tra­gen, die so­ge­nann­te Eu-bin­nen­mi­gra­ti­on zu steu­ern und zu be­gren­zen – al­so das Wei­ter­zie­hen von Flücht­lin­gen aus ei­nem Eu-land in ein an­de­res. Ähn­li­che Ab­spra­chen mit Grie­chen­land und Ita­li­en sol­len fol­gen.

Sol­che bi­la­te­ra­len Ab­spra­chen mit eu­ro­päi­schen Part­nern wa­ren nach lan­gem Streit zwi­schen Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel und Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer (CSU) mit Zu­stim­mung der SPD ver­ein­bart wor­den, um na­tio­na­le Al­lein­gän­ge bei der Zu­rück­wei­sung von Flücht­lin­gen ab­zu­wen­den. Das Ab­kom­men gilt aus­schließ­lich für Men­schen, die in Spa­ni­en be­reits ei­nen Asyl­an­trag ge­stellt ha­ben. (epd)

Eu­ro­pa und die Flücht­lings­fra­ge – wenn An­ge­la Mer­kel an die­sem Wo­che­n­en­de mit dem spa­ni­schen Pre­mier Pe­dro Sán­chez dar­über spricht, kann sie dar­auf hof­fen, dass ihm an ei­ner ge­mein­sa­men Lö­sung ge­le­gen ist.

Ma­drid. Wenn An­ge­la Mer­kel ne­ben Pe­dro Sán­chez steht, strahlt sie. Viel­leicht ist es Zu­fall, dass die Fo­to­gra­fen im­mer ent­spann­te Mo­men­te zwi­schen der deut­schen Kanz­le­rin und dem spa­ni­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten er­wi­schen. Aber es gibt jetzt, nach den gut zwei Mo­na­ten, die Sán­chez im Amt ist, schon ei­ne gan­ze Men­ge Bil­der von den bei­den. Sie ver­mit­teln Ein­ver­ständ­nis. Oder, in den Wor­ten von Sán­chez: Es gibt ei­ne „po­si­ti­ve und kon­struk­ti­ve Be­zie­hung“zwi­schen Spa­ni­en und Deutsch­land.

Das soll­te ja der Nor­mal­fall sein. Seit der Rück­kehr Spa­ni­ens zur De­mo­kra­tie ha­ben sich die bei­den Län­der im­mer or­dent­lich ver­tra­gen. Zwei, die sich be­son­ders gut ver­stan­den, wa­ren Fe­li­pe Gon­zá­lez und Hel­mut Kohl. Dem Kanz­ler tra­ten noch Jah­re spä­ter Trä­nen der Rüh­rung in die Augen, wenn er da­ran er­in­ner­te, wie ihm Gon­zá­lez zur Wie­der­ver­ei­ni­gung gra­tu­lier­te – die der Spa­nier, an­ders als ei­ni­ge an­de­re Eu­ro­pä­er, rück­halt­los be­grüß­te. Dass der So­zia­list Gon­zá­lez und der Christ­de­mo­krat Kohl un­ter­schied­li­chen po­li­ti­schen Fa­mi­li­en an­ge­hör­ten, än­der­te nichts an ih­rem grund­sätz­li­chen Ein­ver­ständ­nis.

So sieht es nun wie­der aus. Sán­chez‘ kon­ser­va­ti­ver Vor­gän­ger Ma­ria­no Ra­joy stand im Ruf, ei­ner der treu­es­ten Ver­bün­de­ten Mer­kels zu sein, doch ih­re Be­zie­hung war ei­ne pla­to­ni­sche. Ra­joy mach­te Mer­kel wäh­rend der schwe­ren Wirt­schafts­kri­se kei­nen Är­ger, er ge­hör­te nicht zu de­nen, die al­le Übel Eu­ro­pas der deut­schen Kanz­le­rin und ih­rem Fi­nanz­mi­nis­ter an­las­te­ten. Das war schon was. An­sons­ten hielt sich Ra­joy aber ger­ne aus der in­ter­na­tio­na­len Po­li­tik her­aus. Viel­leicht war er so­wie­so nicht zum Po­li­ti­ker ge­bo­ren. Nach­dem Sán­chez ihn An­fang Ju­ni per Miss­trau­ens­vo­tum ge­stürzt hat­te, kehr­te Ra­joy auf sei­nen Pos­ten als Grund­buch­be­am­ter zu­rück, den er 28 Jah­re zu­vor ver­las­sen hat­te.

Vom So­zia­lis­ten Sán­chez könn­te man sich ei­ne sol­che Ges­te nicht vor­stel­len. Er will Po­li­tik ma­chen. Und er will ei­ne ge­wich­ti­ge Stim­me in Eu­ro­pa sein. Nach sei­nem An­tritts­be­such in Ber­lin am 26. Ju­ni gab der Ma­dri­der Mon­cloa-pa­last die Mel­dung her­aus: „Pe­dro Sán­chez ver­ein­bart mit An­ge­la Mer­kel, die Kon­struk­ti­on Eu­ro­pas wie­der­zu­be­le­ben.“Selbst­be­wusst­sein ge­paart mit Op­ti­mis­mus. Das ist der rich­ti­ge Mann für Mer­kel. Das Um­feld ist heu­te ein an­de­res als zu Kohls und Gon­zá­lez‘ Zei­ten. Das Pro­jekt Eu­ro­pa ist von in­nen und au­ßen ge­fähr­det. Sán­chez‘ Au­ßen­mi­nis­ter Jo­sep Bor­rell gab vor ein paar Ta­gen ein In­ter­view, in dem er un­ter an­de­rem die „bru­ta­le Ab­schot­tungs­po­li­tik“ des ita­lie­ni­schen Au­ßen­mi­nis­ters Mat­teo Sal­vi­ni ge­gen Mi­gran­ten be­klag­te, „ei­ne Po­li­tik nicht nur auf Kos­ten von Spa­ni­en, son­dern auf Kos­ten ganz Eu­ro­pas“. Als der An­ge­spro­che­ne da­von er­fuhr, wet­ter­te er über die „Be­lei­di­gun­gen“des Spa­ni­ers. Aber im Grun­de ge­nom­men sei ihm das egal. „Wenn mich Trump oder Pu­tin an­grif­fen, wür­de ich mir Sor­gen ma­chen“, denn die ar­bei­te­ten „für das In­ter­es­se ih­rer Völ­ker“, so der Ita­lie­ner. In der ge­mein­sa­men Ab­gren­zung ge­gen ei­nen Au­to­kra­ten­freund wie Sal­vi­ni spielt es kei­ne Rol­le, dass Mer­kel Christ­de­mo­kra­tin und Sán­chez So­zia­list ist. Ih­re Hal­tung zur Mi­gra­ti­on ist ei­ne ähn­li­che: of­fe­ne Ar­me für Flücht­lin­ge, schnel­le Rück­füh­rung von il­le­gal ein­ge­reis­ten Ar­beits­mi­gran­ten, auch wenn das in der Pra­xis sei­ne Tü­cken hat. Aber eben kei­ne „bru­ta­le Ab­schot­tung“. In Spa­ni­en kom­men ge­ra­de so vie­le Boots­mi­gran­ten und Zaun­sprin­ger wie seit zwölf Jah­ren nicht mehr an, doch die Zahl ist mit bis­her rund 25 000 in die­sem Jahr noch im­mer über­schau­bar. Die Mi­gra­ti­on wird hier, an­ders als in Deutsch­land, nicht als „Kri­se“be­grif­fen. Als Her­aus­for­de­rung schon.

Mer­kel wird Sán­chez die­sen Sonn­abend für ein „Ar­beits­wo­chen­en­de“im an­da­lu­si­schen San­lú­car de Bar­ra­me­da be­su­chen. Nicht weit von dort kom­men bei­na­he täg­lich die Mi­gran­ten­boo­te aus Nord­afri­ka an. Es gibt ei­ni­ges zu be­spre­chen. Und nicht al­les ist zum Strah­len.

Auch Kohl und Gon­za­lez ka­men einst sehr gut mit­ein­an­der aus

Fo­to: dpa/tim Bra­ke­mei­er

An­ge­la Mer­kel und Pe­dro Sán­chez: Zwei, die mit­ein­an­der kön­nen.

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