Frank­reich in Auf­ruhr

Pa­ris be­rei­tet sich auf ein wei­te­res Wo­che­n­en­de schwe­rer Kra­wal­le vor

Märkische Oderzeitung Bad Freienwalde - - Blickpunkt - Von peter heu­Sch

Seit Wo­chen be­herr­schen die Pro­test­ak­tio­nen der so­ge­nann­ten Gelb­wes­ten die Schlag­zei­len in Frank­reich. Ei­ne Wel­le schwappt über das Land, die von zu­neh­men­der Ge­walt be­glei­tet wird. Prä­si­dent Ma­cron steht un­ter Druck. Pa­ris. „Die Ra­di­ka­len un­ter den ,Gel­ben Wes­ten‘ mö­gen nur ei­ne klei­ne Min­der­heit dar­stel­len, aber wir be­fürch­ten trotz­dem das Schlimms­te“, gab der fran­zö­si­sche In­nen­mi­nis­ter Christoph Cas­ta­ner am Frei­tag zu. Da­bei hat die Staats­spit­ze den „Gelb­wes­ten“die­se Wo­che gleich zwei­mal nach­ge­ge­ben. Erst kün­dig­te Re­gie­rungs­chef Edouard Phil­ip­pe an, dass die für Ja­nu­ar ge­plan­te und hef­tig um­strit­te­ne Er­hö­hung der Kraft­stoff­s­teu­er für sechs Mo­na­te aus­ge­setzt wer­de, dann gab Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron be­kannt, dass er die Steu­er­er­hö­hung völ­lig ein­kas­siert.

Zum ers­ten Mal hat sich der for­sche Haus­herr im Ely­sée-Pa­last dem Druck der Stra­ße ge­beugt, doch ge­fruch­tet ha­ben die Ges­ten der Be­sänf­ti­gung of­fen­bar nicht. An den Ver­kehrs­sper­ren im gan­zen Land herrsch­te am Frei­tag Ei­nig­keit: Die Pro­tes­te wer­den fort­ge­setzt. Die „Gelb­wes­ten“set­zen auf wei­te­re Kon­zes­sio­nen wie ei­ne An­he­bung des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns und die Wie­der­ein­füh­rung der ver­gan­ge­nes Jahr ab­ge­schaff­ten Ver­mö­gens­steu­er. Ma­cron, den sie als Prä­si­den­ten der Rei­chen be­schimp­fen, soll in die Knie ge­zwun­gen wer­den.

Um ih­ren For­de­run­gen Nach­druck zu ver­lei­hen, rie­fen die „Gelb­wes­ten“in den so­zia­len Netz­wer­ken den „Akt IV“aus. Zum vier­ten Mal in Fol­ge will die vor al­lem in der Pro­vinz und in den Vor­städ­ten ver­tre­te­ne Pro­test­be­we­gung in Pa­ris de­mons­trie­ren. Und ob­wohl es da­bei an den ver­gan­ge­nen bei­den Wo­che­n­en­den zu schwers­ten Aus­schrei­tun­gen kam, soll dies­mal nicht nur die Prach­ta­ve­nue Champs-Ely­sées „ge­stürmt“wer­den, son­dern auch die Place de la Bas­til­le und die Place de la Ré­pu­bli­que. In ei­ni­gen In­ter­ne­tAuf­ru­fen wird so­gar ein Marsch auf den Ely­sée-Pa­last pro­pa­giert.

Die Re­gie­rung setzt auf ei­ne seit Jahr­zehn­ten bei­spiel­lo­se Mo­bi­li­sie­rung der Ord­nungs­kräf­te, um ei­ner er­neu­ten Ge­walt­or­gie vor­zu­beu­gen. 89 000 Po­li­zis­ten und Gen­dar­men wer­den an die­sem Sonn­abend lan­des­weit im Ein­satz sein, da­von 8000 in der Sei­ne­me­tro­po­le, wo ne­ben Was­ser­wer­fern zwölf ge­pan­zer­te Rä­um­fahr­zeu­ge in Stel­lung ge­bracht wur­den, um das Er­rich­ten von Bar­ri­ka­den zu ver­hin­dern. „Wir wer­den un­an­ge­mel­de­te De­mons­tra­tio­nen nicht dul­den und al­les tun, um die Si­cher­heit der Bür­ger, der In­sti­tu­tio­nen und der Re­pu­blik zu ge­währ­leis­ten“, er­klär­te Pre­mier­mi­nis­ter Phil­ip­pe.

An­ge­sicht der Tat­sa­che, dass bis­lang al­le Pro­test­ak­tio­nen der über kei­ner­lei Füh­rungs­struk­tu­ren ver­fü­gen­den „Gelb­wes­ten“un­an­ge­mel­det wa­ren, zeich­nen die­se Wor­te ei­ne neue, of­fen­si­ve­re Stra­te­gie der Ord­nungs­macht vor. Statt auf Dee­s­ka­la­ti­on set­zen die Be­hör­den dies­mal of­fen­sicht­lich auf ein ro­bus­te­res Vor­ge­hen ge­gen Ge­walt­tä­ter und auf de­ren Fest­nah­me. Hin­ter dem Be­mü­hen, Stär­ke zu zei­gen, ver­birgt sich in­des die Angst vor ei­ner Aus­wei­tung der Steu­er­re­vol­te. Seit dem Di­ens­tag blo­ckie­ren Schü­ler 200 der 4200 Gym­na­si­en, um ge­gen ei­ne Bil­dungs­re­form zu pro­tes­tie­ren, und Stu­den­ten be­setz­ten drei Hoch­schu­len. Am Don­ners­tag kam es im Um­feld der Schü­ler­pro­tes­te zu schwe­ren Aus­schrei­tun­gen in zwei Pa­ri­ser Vo­r­or­ten und in Tou­lou­se. Auch die Land­wir­te so­wie die Fern­fah­rer dro­hen mit Pro­test­ak­tio­nen, zwei Ge­werk­schaf­t­or­ga­ni­sa­tio­nen rie­fen erst­mals zur Un­ter­stüt­zung der „Gelb­wes­ten“auf.

Es herr­sche „ein äu­ßerst erup­ti­ves Kli­ma“, warnt An­nie Ge­ne­vard, ei­ne Ab­ge­ord­ne­te der Prä­si­den­ten­par­tei LREM. Gleich­zei­tig

Im In­ter­net wird zum Sturm auf die Champs Ely­sées auf­ge­ru­fen

Der Staat will mit de­mons­tra­ti­ver Stär­ke ei­ner Aus­wei­tung der Re­vol­te ent­ge­gen­tre­ten

spricht Lau­rent Nuñez, Staats­se­kre­tär im In­nen­mi­nis­te­ri­um, von „ex­trem be­un­ru­hi­gen­den“Be­rich­ten der Ge­heim­diens­te und von sich häu­fen­den Mord­dro­hun­gen ge­gen Ord­nungs­hü­ter und LREM-Ab­ge­ord­ne­te. Zwar dis­tan­zie­ren sich die meis­ten „Gelb­wes­ten“, die seit drei Wo­chen an den über­wie­gend ge­walt­lo­sen Stra­ßen­sper­ren teil­neh­men, von den Kra­wal­len in Pa­ris und vie­le wol­len des­halb lie­ber nicht nach Pa­ris rei­sen. Da- durch al­ler­dings steigt die Wahr­schein­lich­keit, dass die ra­di­kals­ten Ak­ti­vis­ten er­neut den Ton an­ge­ben wer­den.

Grund ge­nug, in Pa­ris die Git­ter run­ter­zu­las­sen. Zahl­rei­che Ge­schäf­te blei­ben an die­sem Sonn­abend ge­schlos­sen. La­den-, Ca­fé- und Re­stau­rant­be­sit­zer auf den Champs-Ely­sées so­wie im Um­kreis des Bas­til­le- und Re­pu­bli­que-Plat­zes ver­bar­ri­ka­dier­ten Fens­ter und Glas­tü­ren. Ge­schlos­sen blei­ben der Eif­fel­turm, Mu­se­en wie der Lou­vre und vie­le öf­fent­li­che Ge­bäu­de, wäh­rend das Erst­li­ga­spiel des Fuß­ball­clubs Pa­ris Saint Ger­main eben­so ver­tagt wur­de wie sechs wei­te­re Erst­li­gaBe­geg­nun­gen in Bor­deaux, Tou­lou­se, Lyon oder Lil­le.

So an­ge­spannt ist die La­ge, dass der Re­gie­rungs­chef vor der Na­tio­nal­ver­samm­lung An­sin­nen zu­rück­wei­sen muss­te, den Aus­nah­me­zu­stand zu ver­hän­gen oder in Pa­ris die Ar­mee ein­zu­set­zen. Statt­des­sen ap­pel­lier­te er an die Volks­ver­tre­ter, zur Ge­walt­lo­sig­keit auf­zu­ru­fen. Doch die Kom­mu­nis­ten und die Links­ra­di­ka­len der Par­tei „Un­beug­sa­mes Frank­reich“leh­nen dies als po­li­ti­sches Ma­nö­ver ab. Sie wol­len nun nächs­te Wo­che ge­mein­sam mit den So­zia­lis­ten ei­nen Miss­trau­ens­an­trag ge­gen die Re­gie­rung ein­brin­gen.

Fo­to: AFP/Re­my Ga­bal­da

St­ei­ne­wer­fer in Ak­ti­on: Be­reits am ver­gan­ge­nen Wo­che­n­en­de kam es in Pa­ris zu schwe­ren Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Po­li­zei und ge­walt­tä­ti­gen De­mons­tran­ten. Für die­ses Wo­che­n­en­de wird ei­ne Neu­auf­la­ge be­fürch­tet.

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