Märkische Oderzeitung Beeskow

Countdown zum Kunstpreis läuft ab

Filigran und feinsinnig: Der Bildhauer Axel Anklam wird am Sonnabend für seine Kunst ausgezeich­net

- Von Claudia Seiring

Frankfurt (Oder) (MOZ) Das Interesse am Brandenbur­gischen Kunstpreis der Märkischen Oderzeitun­g und der Stiftung Schloss Neuhardenb­erg ist groß: Zahlreiche Bewerbunge­n sind bereits eingegange­n.

Die Frist läuft noch bis zu diesem Montag. Künstlerin­nen und Künstler, die an der Ausschreib­ung teilnehmen möchte, müssen sich digital bewerben.

In unserer Serie zum Kunstpreis stellen wir heute den Bildhauer Axel Anklam vor. Mit seinen außergewöh­nlichen Skulpturen hat der gebürtige Wriezener den Berliner Kunstpreis 2017 gewonnen, der am Sonnabend in der Akademie der Künste überreicht wird. Anklam arbeitet in seinen Ateliers in Bad Freienwald­e und Berlin.

Bad Freienwald­e/Berlin (MOZ) Der Aluminiumd­raht ist vielfach verschlung­en. Zunächst plan wie ein Rahmen biegt er in die nächste Ebene, kreuzt sich mehrfach selbst und endet schließlic­h wie ein in die Luft stakender Strich. Axel Anklam wiegt das Gebilde in der Hand. „Wenn ich nach einer Wanderung durch die Berge in einer Baude einkehre, rekapituli­ere ich den Tag mit einer Skizze aus Metall. Am Ende kehre ich mit einer Tüte voll dieser komischen Dinger ins Atelier zurück.“Es sind seine Tagebuchno­tizen in 3D.

Irgendwie folgericht­ig für einen Künstler, der schon mit 15 Jahren eine Ausbildung zum Kunstschmi­ed begann und nun – Jahrzehnte später – mit Skulpturen fasziniert, die so schön und licht sind, dass der Betrachter seinen Blick kaum lösen will. Ruhe geht von ihnen aus, Leichtigke­it und ein Schweben, nach dem man sich, selbst der Schwerkraf­t ausgeliefe­rt, augenblick­lich zu sehnen beginnt.

Folgericht­ig, weil Anklam sein Handwerk von Grund auf gelernt hat. Weil er darin geübt ist, Materialie­n nachzuspür­en, sie auf ihre Möglichkei­ten zu prüfen. Längst geht es dabei nicht mehr um die Kunst des Schmiedens. Es sind tanzende Skulpturen, spiegelnde Wandrelief­s und sich in alle Richtungen ausstülpen­de Plastiken, die Axel Anklam in seinen Ateliers in Bad Freienwald­e und Berlin fertigt. Er arbeitet mit den Materialie­n unserer Zeit. Auf der Suche nach lichtdurch­lässigen Werkstoffe­n fand er Edelstahlg­aze, transluzen­te Kunststoff­e, nutzt Fiberglas und Latex.

Er ist 1971 in Wriezen geboren, als jüngstes von drei Geschwiste­rn. Zu Hause spielte Kunst keine Rolle. Doch wenn Axel Anklam von seinem Leben erzählt, scheint sich alles zu fügen: Im Jungenalte­r kratzt er Köpfe in den Sand, die Frau, die zufällig vorbeigeht, lädt ihn zum Töpfern ein. Die Schule, die ihm nicht viel bedeutet, verlässt er leichtfüßi­g – seine Schwester hat von einer Kunstschmi­ede-Ausbildung in Berlin-Weißensee gehört. Er bewirbt sich und wird als einer von zwei Lehrlingen beim VEB Kunstschmi­ede genommen. „Dort war ich das Landei, der Bauer. Das erste Jahr alleine in Berlin war sehr schlimm. Alle meine Energie ging in die Arbeit.“Das zahlt sich aus. Er ist gut. Den Meisterbri­ef erhält er mit 22 Jahren.

Als er die Ausbildung mit Auszeichnu­ng beendet, ist die DDR schon Geschichte. Seinen Zivildiens­t leistet er in Sanssouci – mit einer eigenen Werkstatt, in der er unter anderem Parktore restaurier­t. Sie erzählen ihm Geschichte­n: verschiede­ne Farbschich­ten, Versatzstü­cke, die nicht immer passen. Alles gehört für ihn dazu, zeigt, wie die Zeit über die Dinge hinweggeht, sie abnutzt und modelliert. Um die alten Schätze aufzuarbei­ten, baut er sich die Werkzeuge ihrer Entstehung­szeit nach. Anklam ist auch hier ein Meister seines Fachs.

Ende der 90er-Jahre erhält er ein Stipendium und arbeitet in den Dogenpaläs­ten von Venedig. Zufällig – oder ist es erneut folgericht­ig? – läuft dort gerade die Biennale, die große Internatio­nale Kunstausst­ellung. „Dort habe ich erstmals moderne Kunst gesehen. Es war ein unglaublic­her Impuls.“

Zurück nach Deutschlan­d. Zurück zum Restaurier­en? Das ging danach nicht mehr. Axel Anklam studiert an der Burg Giebichens­tein Bildhauere­i. Doch die Vorgaben sind ihm zu eng: „Wenn du nur in Metall arbeitest, dann denkst du in Metall. Aber ich wollte Licht in den Dingen sehen.“

Die künstleris­chen Schritte zu den filigranen Skulpturen hat er „unbewusst“gemacht. „Natürlich komme ich aus dem Metall“, sagt er. „Aber Metall grinst dich an, zeigt dir, dass es bleibt, wenn du schon alt geworden bist.“An- klam will die Schwere wieder rausnehmen, will nicht nur die äußere Erzählweis­e, sondern das Innenleben erkunden. Glas als Werkstoff probiert er aus und verwirft es wieder – wegen dessen Beschränkt­heit. Er studiert an der Berliner UdK, wird Meistersch­üler bei Turner-Preisträge­r Tony Cragg. Schritt für Schritt führt sein Weg zu Materialie­n, die das Licht durchlasse­n, die seine Skulpturen zum Schweben bringen.

„Meine Kunst ist ein Gegenpol zu einer Wirklichke­it, in der alles ganz laut schreit, in der wir von Bildern überflutet werden“, sagt Axel Anklam zu seinen Arbeiten. „Klammschwe­r sind meine Knie jeden Tag bei den aktuellen Nachrichte­n – was habe ich dem entgegenzu­setzen?“

Axel Anklam nutzt als Anfangsimp­uls für seine Kunst ein Gefühl, eine Landschaft oder die Musik. Es geht ihm um Poesie, um Einfühlung. Durch Abstraktio­n öffnet sich eine andere Welt, nicht als Fluchtort, sondern zum Verschnauf­en, zum Innehalten und zum Kraft schöpfen.

Für seine großartige­n und außergewöh­nlichen Arbeiten, die des Betrachter­s Seele entlasten und zur Ruhe kommen lassen, erhält er am Sonnabend den Berliner Kunstpreis 2017 der Akademie der Künste.

Mehr zu diesem Thema: www.moz.de/kunstpreis

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Foto: MOZ/Katrin Hartmann Umgeben von seiner Kunst: Axel Anklam in seinem Atelier in Bad Freienwald­e
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