Har­ken fürs Ge­mein­wohl

An­net­te Schnei­der pflegt die Ru­he­stät­te der Fa­mi­lie Marsch, eins­ti­ge Päch­ter der Hof­do­mä­ne in Strem­men

Märkische Oderzeitung Beeskow - - Oder-spree Journal - Von TaT­ja­na LiTTig

Strem­men (MOZ) Fried­hö­fe und al­te Gr­ab­stät­ten ha­ben für vie­le Men­schen et­was Fas­zi­nie­ren­des. Das Oder-Spree Jour­nal hat Ge­schich­ten rund um Fried­hö­fe re­cher­chiert – heu­te in Strem­men.

Wer über den 1838 an­ge­leg­ten Fried­hof in Strem­men streift, ent­deckt um­ge­ben von hochg ewa ch s e n e n Bäu­men und de­ko­ra­ti­ven Bü­schen ei­ne in Kreis­form er­rich­te­te Be­gräb­nis­stät­te. Es ist die letz­te Ru­he­stät­te von An­ge­hö­ri­gen der Fa­mi­lie Marsch, acht von ih­nen sind hier be­gra­ben, für vier von ih­nen wur­de ein Ge­denk­stein auf­ge­stellt. „Die Marschs wa­ren die letz­ten Päch­ter der Hof­do­mä­ne in Strem­men“, er­klärt kun­dig An­net­te Schnei­der.

Im April 1987 – al­so zu DDRZei­ten – wur­de die Gr­ab­stel­le von Fa­mi­li­en­mit­glie­dern aus dem Wes­ten in Ord­nung ge­bracht und neu ge­stal­tet. Der Va­ter von An­net­te Schnei­der, Ernst Krü­ger, ha­be da­mals eben­so wie andere aus dem Dorf das Ge­spräch mit den An­ge­hö­ri­gen ge­sucht, er­zählt sie. Seit 1991 küm­mert sich die ge­bür­ti­ge Strem­me­ne­rin im Auf­trag der Nach­fah­ren um die Be­gräb­nis­stät­te. Sie harkt, zupft und ver­schnei­det – auch im Sin­ne des Ge­mein­wohls. „Ich möch­te, dass das Dorf ge­pflegt aus­sieht und da­zu ge­hört eben auch der Fried­hof“, be­tont sie. Die Fa­mi­lie Marsch kam im Jahr 1878 nach Strem­men. Da­mals hat­te Lou­is Marsch ( 1 8 4 9 - 1 91 9 ) die Hof­do­mä­ne ge­pach­tet. „Lou­is Marsch war ein weit­hin an­er­kann­ter Land­wirt­schafts- und Sach­ver­stän­di­ger in ver­schie­de­nen Ge­sell­schaf­ten, Vor­stands­mit­glied der Deut­schen Land­wirt­schafts­ge­sell­schaft, Vor­sit­zen­der des Land­wirt­schafts­ver­ein Bees­ko­wS­tor­kow“, steht über ihn in der Chro­nik von Ernst Krü­ger von 1972/73 ge­schrie­ben.

„Als Rent­ner hat sich mein Va­ter mit Ah­nen­for­schung be­fasst“, er­zählt die 65-Jäh­ri­ge. Dass der Stam­mes­va­ter „sehr wort­karg“ge­we­sen ist, ist im Buch eben-

falls zu le­sen. Ganz an­ders im We­sen Ehe­frau Eli­sa­beth (18651947), ge­bo­re­ne Wil­de: „stam­mend aus ei­ner Stet­ti­ner Fa­mi­lie von Kauf­leu­ten, Be­am­ten. Wis­sen­schaft­lern, mit 13 Jah­ren Voll­wai­se, mit 20 Jah­ren Leh­re­rin­nen­ex­amen, mit um­fas­sen­der Bil­dung, Mut­ter von neun Kin­dern, her­vor­zu­he­ben ihr so­zia­les

En­ga­ge­ment. Sie war lan­ge Zeit Vor­sit­zen­de des Va­ter­län­di­schen Frau­en­ver­eins vom Ro­ten Kreuz, wel­cher das spä­te­re Kreis­kran­ken­haus er­bau­te.“

Nach dem Tod des Va­ters 1919 über­nahm Sohn Gün­ther (1888-1945) die Hof­do­mä­ne. 1905 wur­de diese in mas­si­ver Bau­wei­se neu er­rich­tet. Seit­dem

hat sie ihr präch­ti­ges Aus­se­hen mit zwei Eta­gen und ro­tem Klin­ker. Mit dem En­de des Zwei­ten Welt­krie­ges und der Be­sat­zung durch die So­wjets ging 1945 der Land­wirt­schafts­be­trieb den Bach run­ter. Gün­ther Marsch kam ins In­ter­nie­rungs­la­ger Ket­schen­dorf – und starb. Sein Bru­der Erich (1889-1975) war als Chef­arzt im Kreis­kran­ken­haus in Bees­kow tä­tig. Erich Marschs En­ga­ge­ment ist es zu ver­dan­ken, dass sich die Nach­fah­ren von Lou­is und Eli­sa­beth Marsch seit 1954 re­gel­mä­ßig tref­fen. „Das ers­te Tref­fen fand ich Cel­le statt“, be­rich­tet Sibylle Rolf, ei­ne ge­bo­re­ne Marsch. Seit dem ver­gan­ge­nen Jahr küm­mert sie sich ge­mein­sam mit ei­nem Ver­wand­ten um die Be­lan­ge der Fa­mi­lie – wäh­rend er die Fi­nan­zen ver­wal­tet ist sie für die Or­ga­ni­sa­ti­on zu­stän­dig.

Et­wa 200 Per­so­nen um­fas­se der Fa­mi­li­en­clan in­zwi­schen, er­zählt die 45-Jäh­ri­ge la­chend. Sie selbst stammt von Hans Hein­rich (1895-1962) ab, dem sechs­ten Sohn. „Wir Nach­fah­ren sind in der gan­zen Welt ver­streut“, sagt sie. Die meis­ten le­ben im Nor­den, Sü­den und Wes­ten Deutsch­lands, aber auch nach Ka­na­da, Aus­tra­li­en, Ita­li­en, Spa­ni­en, Bel­gi­en und Po­len bei­spiels­wei­se hat es ein­zel­ne ver­schla­gen. Al­le drei Jah­re gibt es die Mög­lich­keit, die an­de­ren bei ei­nem gro­ßen Fa­mi­li­en­tref­fen wie­der­zu­se­hen. Im ver­gan­ge­nen Sep­tem­ber fand es in Strem­men statt. Rund 40 An­ge­hö­ri­ge ka­men da­mals nach Bran­den­burg. Un­ter den Gäs­ten auch An­net­te Schnei­der. Kurz vor dem Tref­fen sei die Gr­ab­stel­le noch ein­mal her­ge­rich­tet wor­den, er­zählt sie. Ganz prag­ma­tisch hält sie fest: „Ir­gend­wann lie­ge ich dort und will, dass es gut aus­sieht.“

Fo­to: MOZ/Tat­ja­na Littig

Im Auf­trag der Nach­fah­ren: An­net­te Schnei­der küm­mert sich seit 1991 um die Be­gräb­nis­stät­te der Fa­mi­lie Marsch auf dem Fried­hof in Strem­men. Sie harkt, zupft und ver­schnei­det. Es sei ja auch in ih­rem In­ter­es­se, dass das Dorf – und da­zu ge­hört der...

Fo­to: privat

Fa­mi­li­en­tref­fen im ver­gan­ge­nen Sep­tem­ber: Nach­fah­ren von Lou­is und Eli­sa­beth Marsch auf den Stu­fen der Hof­do­mä­ne, wo die Stam­me­s­el­tern seit 1878 leb­ten

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