Ziem­lich bes­te Fein­de – Kac­zyns­kis spä­ter Tri­umph über Lech Wałe­sa

Frü­he­rer Staats­prä­si­dent will Ur­teil aber nicht an­er­ken­nen / Ge­richt­li­che Aus­ein­an­der­set­zung geht wei­ter

Märkische Oderzeitung Beeskow - - Blickpunkt - Von Dietrich SchröDer

Es ist das klas­si­sche Dra­ma zwei­er po­li­ti­scher Al­pha­tie­re, die vor lan­ger Zeit mit­ein­an­der ver­bun­den wa­ren, dann aber zu im­mer grö­ße­ren Geg­nern wur­den. Ein Ge­richts­ur­teil sorgt für ei­ne Es­ka­la­ti­on die­ser Be­zie­hung.

Dan­zig/War­schau. Der eins­ti­ge Elek­tri­ker Lech Wałe­sa aus Dan­zig hat als Ar­bei­ter­füh­rer zum Sturz des Kom­mu­nis­mus bei­ge­tra­gen, ist da­für mit dem Frie­dens­no­bel­preis ge­ehrt wor­den und war 1990 der ers­te frei ge­wähl­te Prä­si­dent Po­lens. So lau­tet in Kurz­form die Er­klä­rung, wes­halb na­he­zu die ge­sam­te Welt den heu­te 75-Jäh­ri­gen für ein le­ben­des Denk­mal hält.

Für Ja­roslaw Kac­zyn­ski je­doch, der als Chef der Par­tei „Recht und Ge­rech­tig­keit“(PiS) heu­te die Ge­schi­cke sei­nes Lan­des lenkt, ist Wałe­sa ein Ver­rä­ter. Des­sen Ver­rat an den In­ter­es­sen der Ar­bei­ter be­steht an­geb­lich dar­in, dass Wałe­sa 1989 bei den Ge­sprä­chen am Run­den Tisch den frü­he­ren kom­mu­nis­ti­schen Herr­schern den wei­te­ren po­li­ti­schen Ein­fluss und vor al­lem er­trag­rei­che Pos­ten ge­si­chert ha­be.

Pi­kant dar­an ist, dass Kac­zyn­ski einst selbst dem Ar­bei­ter­füh­rer als ju­ris­ti­scher Be­ra­ter ge­dient und 1990 so­gar seine Prä­si­dent­schafts­kanz­lei ge­lei­tet hat­te. Dies be­zeich­net Kac­zyn­ski heu­te als „mei­ne größ­te po­li­ti­sche Sün­de“.

Nur vor die­sem Hin­ter­grund ist auch die ge­richt­li­che Aus­ein­an­der­set­zung zu ver­ste­hen, die sich in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten vor dem Dan­zi­ger Be­zirks­ge­richt ab­ge­spielt hat. Der un­mit­tel­ba­re An­lass wa­ren Be­haup­tun­gen Wałe­sas in Face­book-Ein­trä­gen, laut de­nen Ja­roslaw Kac­zyn­ski ei­ne Mit­schuld an der Flug­zeug­ka­ta­stro­phe von 2010 im rus­si­schen Smo­lensk tra­ge. Da­mals wa­ren Kac­zyns­kis Zwil­lings­bru­der Lech – der sei­ner­zeit Po­lens Staats­prä­si­dent war – und wei­te­re 95 Menschen ums Leben ge­kom­men. „Ob­wohl er um die schlech­ten Wet­ter­be­din­gun­gen vor Ort wuss­te (sei­er­zeit herrsch­te dich­ter Ne­bel), gab Ja­roslaw in ei­nem Te­le­fo­nat mit sei­nem Bru­der den Be­fehl, dass die Ma­schi­ne lan­den soll­te“, hat­te Wałe­sa ge­schrie­ben.

Be­wei­se da­für konn­te er na­tür­lich nicht vor­le­gen. In den Au­gen der PiS-Par­tei, die seit Jah­ren die Theo­rie ver­brei­tet, dass der Flug­zeug­ab­sturz ein rus­si­sches At­ten­tat war, ist dies na­tür­lich ei­ne un­ge­heu­re Be­haup­tung. Weil Wałe­sa die Gren­ze der Re­de­frei­heit über­schrit­ten und seine Wür­de ver­letzt ha­be, for­der­te Kac­zyn­ski vor Ge­richt ei­ne Ent­schul­di­gung da­für.

Der im Früh­jahr be­gon­ne­ne Pro­zess war von An­fang an ein Me­dien­spek­ta­kel, bei dem es Kac­zyn­ski vor al­lem dar­um ging, Wałe­sa trotz des­sen in­ter­na­tio- na­ler Be­kannt­heit die Gren­zen auf­zu­zei­gen. Der Ex-Prä­si­dent wie­der­um ließ sei­nen Kon­tra­hen­ten zap­peln, in­dem er sich gleich bei meh­re­ren Ge­richts­ter­mi­nen krank mel­de­te oder wich­ti­ge­re Ver­pflich­tun­gen vor­schob. Erst nach Mo­na­ten – am 22. No­vem­ber – kam es zur lang er­war­te­ten per­sön­li­chen Be­geg­nung der Kon­tra­hen­ten.

„Wo­zu ha­be ich Sie bloß da­mals zum Mi­nis­ter er­nannt?“, fauch­te Wałe­sa, als sich bei­de vor den Fern­seh­ka­me­ras be­geg­ne­ten. Kac­zyn­ski ent­geg­ne­te schlag­fer­tig: „Und wo­zu ich Sie zum Prä­si­den­ten?“Da­nach mo­kier­te er sich über das T-Shirt mit der Auf­schrift „Kons­ty­tuc­ja“(Ver­fas­sung), dass Wałe­sa trug, um zu zei­gen, dass die PiS-Par­tei heu­te die Ver­fas­sung des Lan­des ver­let­ze.

Am Don­ners­tag wurde nun das Ur­teil ver­kün­det. Bei­de Sei­ten lie­ßen sich durch ih­re An­wäl­te ver­tre­ten. Wałe­sa nahm am glei­chen Tag an der Be­stat­tung des US-Prä­si­den­ten Ge­or­ge Bush teil, und zeig­te da­mit Kac­zyn­ski in­di­rekt, wen die Ame­ri­ka­ner für den be­deu­ten­de­ren Po­len hal­ten.

Das Ge­richt ent­schied, dass sich das frü­he­re Staats­ober­haupt ent­schul­di­gen müs­se. „Die Re­de­frei­heit ist ein Fun­da­ment der De­mo­kra­tie, aber sie hat kei­nen ab­so­lu­ten Cha­rak­ter“, er­klär­te die Rich­te­rin zur Be­grün­dung.

Für Kac­zyn­ski ist dies zwei­fel­los ein Tri­umph. Die Zei­tung „Ga­ze­ta Pols­ka“– das täg­li­che Sprach­rohr der PiS-Par­tei – druck­te die Ent­schul­di­gung am Frei­tag schon auf ih­rer Ti­tel­sei­te ab, so als hät­te Wałe­sa das Ur­teil an­er­kannt. Des­sen An­wäl­tin gab je­doch be­kannt, dass man beim Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te in Straß­burg in Be­ru­fung ge­hen wer­de.

An­lass für den Pro­zess wa­ren Be­haup­tun­gen zum Flug­zeug­ab­sturz von Smo­lensk

Fo­to: AFP/ Kr­zy­sz­tof Mystkow­ski

Auf­ein­an­der­tref­fen zwei­er Al­pha­tie­re: Der Pro­zess zwi­schen Lech Wałe­sa (l.) und Ja­roslaw Kac­zyn­ski war für Po­lens Me­di­en ein be­son­de­res Spek­ta­kel.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.