Wie viel Geld kommt an?

Spen­den in Mil­li­ar­den­hö­he flie­ßen jährlich Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen zu – die meis­ten In­sti­tu­tio­nen ar­bei­ten se­ri­ös

Märkische Oderzeitung Beeskow - - Wirtschaft Regional - Von Alex­An­drA Sto­ber

Ber­lin. Bei Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen fließt zu viel Geld in die Ver­wal­tung – und die Hilfs­be­dürf­ti­gen ge­hen na­he­zu leer aus. Die­sen Ein­druck ha­ben man­che Menschen. Zu Recht?

In Deutsch­land spen­den Pri­vat­leu­te jährlich schät­zungs­wei­se rund fünf Mil­li­ar­den Eu­ro. Da­bei sind Groß­spen­den von mehr als 2500 Eu­ro nicht be­rück­sich­tigt. Aber funk­tio­niert bei den Or­ga­ni­sa­tio­nen ei­gent­lich al­les so, wie es soll? Fak­ten­check ei­ner ver­brei­te­ten The­se. BE­HAUP­TUNG: Von Spen­den kommt kaum et­was bei Hilfs­be­dürf­ti­gen an.

BE­WER­TUNG: Nicht halt­bar. Wie viel Geld für die Pro­jekt­ar­beit ein­ge­setzt wird, hängt da­von ab, wel­cher Or­ga­ni­sa­ti­on man spen­det.

FAK­TEN: „Der weit­aus größ­te Teil der Or­ga­ni­sa­tio­nen in Deutsch­land ar­bei­tet se­ri­ös“, ur­teilt Burk­hard Wil­ke, der wis­sen­schaft­li­che Lei­ter des Deut­schen Zen­tral­in­sti­tuts für so­zia­le Fra­gen (DZI). Das In­sti­tut ver­gibt ein Spen­den-Sie­gel für ge­mein­nüt­zi­ge Or­ga­ni­sa­tio­nen. Ak­tu­ell dür­fen 231 das Sie­gel tra­gen.

Ei­ne wich­ti­ge An­for­de­rung ist, dass ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on ih­re Mit­tel nach­weis­lich spar­sam ver­wen­det. Be­deu­tet: Die Aus­ga­ben für Wer­bung und Ver­wal­tung be­tra­gen in der Re­gel nicht mehr als 30 Pro­zent der ge­sam­ten Aus­ga­ben. Tat­säch­lich lie­gen sie bei den Sie­gel-Trä­gern durch­schnitt­lich bei 13 Pro­zent, so Wil­ke. Wei­te­re Kri­te­ri­en für das Sie­gel sind wah­re, sach­li­che Wer­bung so­wie ein un­ab­hän­gi­ges Auf­sichts­or­gan.

Un­ter den Sie­gel-Trä­gern sind vie­le gro­ße Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen wie et­wa das Deut­sche Ro­te Kreuz, Ärz­te oh­ne Gren­zen und die Deut­sche Welt­hun­ger­hil­fe. Letz­te­re wird in der Da­ten­bank des DZI als Or­ga­ni­sa­ti­on mit nied­ri­gen Wer­be- und Ver­wal­tungs­kos­ten ge­führt. Ein Blick in den Jah­res­ab­schluss 2017 be­stä­tigt dies: Von den ge­sam­ten Aus­ga­ben der Welt­hun­ger­hil­fe gin­gen 92,8 Pro­zent di­rekt an Pro­jek­te (Pro­jekt­för­de­rung und Pro­jekt­be­glei­tung). Wei­te­re 1,5 Pro­zent flos­sen in die Bil­dungs­und Auf­klä­rungs­ar­beit. Und nur 5,7 Pro­zent wur­den für Wer­bung und Ver­wal­tung aus­ge­ge­ben.

Kein Sie­gel, lieber kei­ne Spen­de – das ist aber auch ein fal­scher Schluss. Das DZI über­prüft nur Ver­ei­ni­gun­gen, die in den ver­gan­ge­nen bei­den Ge­schäfts­jah­ren min­des­tens

25 000 Eu­ro jährlich ein­ge­nom­men ha­ben. Klei­ne, re­gio­nal ar­bei­ten­de Ver­ei­ni­gun­gen mit ge­rin­ge­ren Ein­nah­men kön­nen das Sie­gel al­so nicht be­an­tra­gen. Was na­tür­lich nicht heißt, dass man die­se nicht fi­nan­zi­ell un­ter­stüt­zen soll­te.

Man­che Or­ga­ni­sa­tio­nen ent­schei­den sich we­gen der Kos­ten des DZI-Sie­gels da­ge­gen, es zu be­an­tra­gen. Ei­ne Bei­spiel-Rech­nung: Wer Ge­samt­ein­nah­men von ei­ner Mil­li­on Eu­ro im Jahr hat, muss für den Erst­an­trag gut 1600 Eu­ro zah­len. Und da­nach jährlich gut rund 1000 Eu­ro für die Ver­län­ge­rung.

Auch un­ab­hän­gig vom Sie­gel be­wer­tet das DZI die Ar­beit von Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen. So rät das In­sti­tut der­zeit bei 23 Or­ga­ni­sa­tio­nen vom Spen­den ab. Da­bei be­ruft es sich et­wa dar­auf, dass aus­sa­ge­kräf­ti­ge In­for­ma­tio­nen über die Ar­beit nicht zu­gäng­lich sind. Oder aber es gab wie­der­holt Hin­wei­se über un­an­ge­mes­se­nes Vor­ge­hen.

Apro­pos Sam­meln: Ernst­haf­te Hür­den für das Bit­ten um Spen­den auf der Stra­ße oder an der Haus­tür gibt es in nur drei Bun­des­län­dern. In Rhein­land-Pfalz, im Saar­land und in Thü­rin­gen braucht man da­für ei­ne Ge­neh­mi­gung. Fest­ge­legt ist das in Samm­lungs­ge­set­zen. Die rest­li­chen Län­der schaff­ten die­se im Lau­fe der Zeit ab. Al­ler­dings be­deu­tet die feh­len­de Auf­sicht nicht au­to­ma­tisch, dass auf der Stra­ße vor al­lem un­se­riö­se Or­ga­ni­sa­tio­nen un­ter­wegs sind. Nichts­des­to­trotz be­grüßt das DZI ei­ne Kon­trol­le wie in Rhein­land­Pfalz. Im Bun­des­tag wurde 2017 ein An­trag der Grü­nen-Frak­ti­on ab­ge­lehnt, der un­ter an­de­rem dar­auf ab­ziel­te, in al­len Bun­des­län­dern ei­ne Samm­lungs­auf­sicht zu eta­blie­ren. (dpa)

In­sti­tut für so­zia­le Fra­gen ver­gibt an­er­kann­tes Sie­gel

Fo­to: dpa/Andrea Warnecke

Hil­fe für an­de­re im Blick: Ge­ra­de auch in der Vor­weih­nachts­zeit sind die Bun­des­bür­ger spen­da­bel.

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