Pau­scha­le Sicht

Aus­sa­gen von An­na Ka­mins­ky for­dern Le­ser zum Wi­der­spruch her­aus

Märkische Oderzeitung Eberswalde - - Leserbriefe -

Zu „Selbst Kaf­fee war hoch­po­li­tisch“(Aus­ga­be vom 2. No­vem­ber):

Ich bin im sel­ben Land wie Frau Ka­mins­ky groß ge­wor­den, ha­be auch an der­sel­ben Uni und so­gar an der­sel­ben Sek­ti­on stu­diert. Aus ei­ge­ner Er­fah­rung weiß ich, dass man an der Sek­ti­on Theo­re­ti­sche und An­ge­wand­te Sprach­wis­sen­schaft nur er­folg­reich sein konn­te, wenn man auch die ent­spre­chend ge­wünsch­ten po­li­ti­schen Stand­punk­te ver­trat. Of­fen­sicht­lich hat das auch Frau Ka­mins­ky ge­tan und spä­ter höchst er­folg­reich ih­re per­sön­li­che Wen­de voll­zo­gen, um sich nun zum Sprach­rohr ei­ner ge­schichts­klit­tern­den Darstel­lung des All­tags in der DDR zu ma­chen. Da­für wur­de sie ja letz­ten En­des auch mit der gut do­tier­ten Stel­le der Ge­schäfts­füh­re­rin der Stif­tung zur Au­f­ar­bei­tung der SED-Dik­ta­tur be­lohnt.

Auf den Ein­wurf des In­ter­view­ers, dass es in der DDR kei­ne Ar­beits­lo­sig­keit gab, die Mie­ten nied­rig und aus­rei­chend Kin­der­gar­ten­plät­ze vor­han­den wa­ren, muss sie gleich dar­auf fest­stel­len, dass aber in den Kin­der­gär­ten da­mit be­gon­nen wur­de, „so­zia­lis­ti­sche Per­sön­lich­kei­ten zu er­zie­hen“. Na was denn sonst? Schließ­lich war die DDR ein so­zia­lis­ti­scher Staat und nicht dar­an in­ter­es­siert, klei­ne Spie­ßer mit Rei­hen­haus her­an­zu­zie­hen. andre­aS wa­gner StrauS­Berg Woll­te man sich der Ter­mi­no­lo­gie von Frau An­na Ka­mins­ky bei ih­rer Kaf­fee­satz-Le­se­rei be­die­nen, so müss­te es wohl hei­ßen: Die­ser Ar­ti­kel ist das Pa­pier nicht wert, auf dem er ge­druckt wur­de. In­fla­tio­när ge­braucht wird dar­in das schreck­li­che Wort Dik­ta­tur, auch ge­kop­pelt als „DDR-Dik­ta­tur“, „SED-Dik­ta­tur“u. ä., da­mit nie­mand über al­ler Nost­al­gie ver­ges­sen mö­ge, dass es sich hier um ei­ne sol­che ge­han­delt ha­be. Un­säg­lich ist da­bei al­ler­dings die For­mu­lie­rung „die zwei­te deut­sche Dik­ta­tur“. Hier­mit wer­den 40 Jah­re DDR auf ei­ne Stu­fe ge­stellt mit der NS-Zeit.

Un­säg­lich auch die Be­haup­tung, wer das an­ders se­he, ha­be „es ge­schafft, die po­li­ti­schen Ver­hält­nis­se, die Rei­se­be­schrän­kun­gen, die staat­li­chen Re­gle­men­tie­run­gen in Schu­le, Uni und Be­trieb aus­zu­blen­den“, er ha­be eben ein­fach ein „ver­klär­tes Bild“der DDR. Die In­ter­view­te spricht von ei­ner In­dok­tri­na­ti­on in den Schu­len. Mir ist kein Fall be­kannt, wo sich ei­ner mei­ner Schü­ler oder Stu­den­ten von mir in­dok­tri­niert ge­fühlt hät­te.

An­de­rer­seits ha­be ich mich stets ge­gen ähn­li­che Ver­su­che mir ge­gen­über zur Wehr ge­setzt, oh­ne dass ich dar­auf­hin in ei- nem DDR-Ge­fäng­nis hät­te ESDAS­trümp­fe für den Ex­port in den Wes­ten pro­du­zie­ren müs­sen. Um­ge­kehrt füh­le ich mich jetzt durch die­se pau­scha­le Sicht ei­ner An­na Ka­mins­ky ent­mün­digt. hei­ke la­win pe­terSha­gen Kaum zu glau­ben, die „Dik­ta­tur­be­auf­trag­te“hat es end­lich be­stä­tigt: „Es ist un­be­strit­ten, dass man auch in der DDR ein schö­nes Le­ben ha­ben konn­te“. Dann aber kriegt sie den ge­wohn­ten Bo­gen – weit­ab von je­der DDRSchwär­me­rei. Schließ­lich ist sie Che­fin von 25 gut­do­tier­ten Mit­ar­bei­tern und ei­nem Etat von fünf Mil­lio­nen Eu­ro – ei­ner Sum­me, von der man­che So­zi­al­ein­rich­tung nur träu­men kann.

In­ter­es­sant auch, dass der In­ter­view­er sie u. a. mit der Be­mer­kung zur DDR her­aus­for­der­te: „Es gab kei­ne Ar­beits­lo­sig­keit, die Mie­ten wa­ren nied­rig und Ki­ta­plät­ze wa­ren aus­rei­chend vor­han­den“. Schreck­lich! Aber sei­ne Kon­tra­hen­tin war ja auch hier um „Klar­stel­lun­gen“nicht ver­le­gen. So be­schwört sie u. a. ei­ne ima­gi­nä­re Ar­beits­lo­sig­keit von 20 Pro­zent in der DDR. Nun gut, von ei­ner Sprach­wis­sen­schaft­le­rin muss man viel­leicht auch nicht all­zu viel an Er­kennt­nis­und Ur­teils­fä­hig­keit in öko­no­mi­schen und so­zi­al­po­li­ti­schen Din­gen er­war­ten. VOl­ker link frank­furt (Oder)

Fo­to: dpa/Soe­ren Stache

For­schungs­ar­beit: An­na Ka­mins­ky, Vor­sit­zen­de der Bun­des­stif­tung zur Au­f­ar­bei­tung der SED-Dik­ta­tur

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