Sport To­ny Martin wie­der Zeit­fahr­meis­ter

Es wird im­mer deut­li­cher: Die Mis­si­on Ti­tel­ver­tei­di­gung des deut­schen Teams war dif­fus und ober­fläch­lich ge­plant

Märkische Oderzeitung Eisenhüttenstadt - - Vorderseite - Von Ar­min GrAsmuck

Einhausen. Der 33 Jah­re al­te ge­bür­ti­ge Cott­bu­ser To­ny Martin hat sich zum Auf­takt der deut­schen Stra­ßen­rad-Meis­ter­schaf­ten in Einhausen zum ach­ten Mal den Ti­tel im Ein­zel­zeit­fah­ren ge­holt.

Frankfurt (Oder). Mit et­was Ab­stand ist im­mer deut­li­cher nach­zu­voll­zie­hen, wie dif­fus und ober­fläch­lich die Ma­cher der deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft die von ih­nen aus­ge­ru­fe­ne „Mis­si­on Ti­tel­ver­tei­di­gung“plan­ten, die am En­de knall­hart und er­bärm­lich ge­schei­tert ist. Spe­zi­ell in den Wo­chen und Mo­na­ten vor der WM schien es um al­les Mög­li­che zu ge­hen – au­ßer um das rei­ne Fuß­ball­spiel.

Im Nach­klapp wirkt es wie ein bes­se­rer Ko­mö­di­en­stadl, den Oli­ver Bier­hoff noch zwei Ta­ge vor dem ers­ten Auf­tritt der deut­schen Mann­schaft auf­führ­te. Wir sind bes­ser! Wir sind schlau­er! Wir ha­ben es voll drauf! So soll­te wohl die Bot­schaft lau­ten, die der Te­am­m­an­ger in ei­nem of­fi­zi­el­len Me­dien­ter­min im Mann­schafts­ho­tel in Wa­tu­tin­ki ver­brei­ten woll­te. Mit ihm auf dem Po­di­um sa­ßen Na­tio­nal­spie­ler Jos­hua Kim­mich und Ste­fan Ries, Mit­glied im Vor­stand des DFB-Spon­sors SAP. Zwei Ta­ge vor dem ers­ten WM-Spiel war das gro­ße The­ma al­so tat­säch­lich die tech­ni­schen In­no­va­tio­nen, mit de­nen der Soft­ware-Her­stel­ler der deut­schen Mann­schaft den ent­schei­den­den Vor­teil im Ver­gleich mit den in­ter­na­tio­na­len Kon­kur­ren­ten ge­ben kön­ne.

Da wur­de ge­re­det von den „un­glaub­li­chen Da­ten­men­gen“, die es zu ent­schlüs­seln und zu ver­wer­ten ge­be, von ei­nem „Vi­deoCock­pit“und dem „Si­li­con Val­ley des Fuß­balls“, das im Hau­se des DFB in Frankfurt/Main ent­ste­hen soll. „Das Sys­tem kann die zeit­in­ten­si­ve Vor­be­rei­tung re­du­zie­ren“, so be­haup­te­te schließ­lich ein ge­wis­ser Fa­di Nao­um, der bei SAP pas­sen­der­wei­se für den Be­reich Sport und Un­ter­hal­tung zu­stän­dig ist.

Zwei Ta­ge spä­ter, als die deut­schen Ak­teu­re im Auf­takt­spiel ge­gen Me­xi­ko ein er­schüt­tern­des Spiel zeig­ten, von dem Au­ßen­sei­ter nach al­len Re­geln der Kunst aus­ein­an­der ge­nom­men wur­den und von Glück re­den konn­ten, dass sie nur 0:1 ver­lo­ren, schien es in der Tat, als hät­ten sich Kim­mich, Khe­di­ra und Kol­le­gen nur un­zu­rei­chend prä­pa­riert. Sie wa­ren dem kei­nes­wegs über­mäch­ti­gen Geg­ner in al­len Be­rei­chen un­ter­le­gen, zu lang­sam, zu trä­ge, zu sta­tisch – und of­fen­bar plan­los. Da hal­fen auch kei­ne In­for­ma­ti­on aus der SAP-Da­ten­bank.

„The best never rest“, die Bes­ten ma­chen kei­ne Pau­se – so lau­te­te der Wer­be­spruch, auf den sich Bier­hoff und die Mar­ke­ting­Ex­per­ten des DFB im Vor­feld der WM mit dem Au­to­mo­bil­part­ner Mer­ce­des ein­ge­las­sen hat­ten. Nach der ver­hee­ren­den Plei­te ge­gen Me­xi­ko, dem glück­li­chen Er­folg über Schwe­den (2:1) und der Nie­der­la­ge mit his­to­ri­scher Trag­wei­te ge­gen Süd­ko­rea (0:2) muss­ten die Ver­bands­obe­ren wie auch die Au­to­bau­er aus Un­ter­türk­heim nüch­tern und pein­lich be­rührt fest­stel­len: Oh weh, der Welt­meis­ter nimmt sich doch sei­ne un­er­klär­li­chen Ru­he­pha­sen, zwei­mal über sat­te 90 Mi­nu­ten, ein­mal gut 45. Aus den Bes­ten wur­den die Schlech­tes­ten, die je­mals bei ei­ner WM das deut­sche Tri­kot tru­gen.

#ZS­MMN – neu­deutsch für: zu­sam­men – heißt die Kam­pa­gne, die sich der DFB für sei­ne ers­te Mann­schaft aus­ge­dacht hat. Sie soll­te die ein­zig­ar­ti­ge Kraft, für die deut­sche Aus­wahl­Teams tra­di­tio­nell ste­hen, un­ter­strei­chen und in dem Duk­tus der Wer­be­stra­te­gen auch die An­hän­ger kurz vor der WM noch „mit ins Boot ho­len“. Pas­sen­der­wei­se heißt der neue Hit der Fan­tas­ti­schen Vier, der gera­de im Fern­se­hen und im Ra­dio rauf und run­ter läuft, eben­falls „Zu­sam­men“. Un­pas­sen­der­wei­se wirk­te die deut­sche Mann­schaft wäh­rend der WM wie ein we­nig ho­mo­ge­ner Hau­fen, dem Grüpp­chen­bil­dung nach­ge­sagt wur­de – von leis­tungs­för­dern­dem Zu­sam­men­halt auch auf dem Platz kei­ne Spur. Nach dem his­to­ri­schen To­tal­ab­sturz ti­tel­te die „Süd­deut­sche Zei­tung“fol­ge­rich­tig und neu­deutsch: #ZS­MM­N­BRCH.

Die weich­ge­spül­ten Bot­schaf­ten ab­seits des Ra­sens fan­den kei­nen Ein­klang mit den sport­li­chen Wer­ten und Er­geb­nis­sen. Sie wir­ken um­so gro­tes­ker, weil sie die An­sprü­che, die Bun­des­trai­ner Joa­chim Löw sei­nen Spie­ler seit Jah­ren und spe­zi­ell vor den gro­ßen Tur­nie­ren stets ver­mit­tel­te, größ­ten­teils kon­ter­ka­rie­ren. Vol­le Kon­zen­tra­ti­on auf die WM. Der Fuß­ball und sonst nichts. Im­mer schön be­schei­den blei­ben. So leb­te es Löw vor. So ver­lang­te er es von den Pro­fis in sei­nem Ka­der. Es ist rät­sel­haft, war­um aus­ge­rech­net der sonst so wohl­über­leg­te und pro­fes­sio­nell agie­ren­de Trai­ner in den ent­schei­den Pha­sen selbst die kla­re Li­nie ver­lor.

Spe­zi­ell den Fall Er­do­ga­nÖ­zil-Gün­do­gan, der – wie ei­ni­ge Spie­ler in­zwi­schen be­stä­ti­gen – die Mann­schaft in der Vor­be­rei­tung auf die Welt­meis­ter­schaft schwer be­las­te­te, ha­ben Bier­hoff und Löw kom­plett falsch ein­ge­schätzt. Sie ver­pass­ten es, deut­li­che Zei­chen zu set­zen. Spä­tes­tens als klar wur­de, dass das Tref­fen der Na­tio­nal­spie­ler mit dem tür­ki­schen Prä­si­den­ten kein nai­ver Aus­rut­scher war, hät­ten die DFB-Obe­ren re­agie­ren müs­sen. Löw ver­such­te sich auf sport­li­che Ar­gu­men­te zu stüt­zen. Doch Özil und Gün­do­gan ent­täusch­ten in Russ­land wie die meis­ten der Kol­le­gen. Das Ver­sa­gen kann auch mit Da­ten aus dem Com­pu­ter un­ter­mau­ert­wer­den.

Aus den Bes­ten wur­den die Schlech­tes­ten, die je ein WM-Tri­kot tru­gen

Fo­to: dpa/Frank Augstein

Ha­ben sie das Un­heil schon kom­men se­hen? Tor­wart­trai­ner Andre­as Köp­ke, Te­am­ma­na­ger Oli­ver Bier­hoff und Trai­ner Joa­chim Löw (von links)

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