Imp­fen in der Apotheke könn­te Le­ben ret­ten

Deut­sche Ge­sund­heits­po­li­ti­ker zei­gen sich zu­rück­hal­tend – Frank­reich da­ge­gen hat ge­han­delt

Märkische Oderzeitung Eisenhüttenstadt - - Vorderseite - Von Hajo Zenker

Ber­lin. Jähr­lich 900 000 Grip­pe­er­kran­kun­gen we­ni­ger könn­te es ge­ben, wenn ne­ben Ärz­ten auch Apo­the­ker Grip­pe­imp­fun­gen durch­füh­ren dürf­ten. Das wür­de Deutsch­land Jahr für Jahr 4700 Kran­ken­haus­ein­wei­sun­gen und 41 Grip­pe­to­te er­spa­ren. Dies hat Pro­fes­sor Uwe May von der Hoch­schu­le Fre­se­ni­us er­rech­net. Grund­la­ge da­für wa­ren Er­fah­run­gen aus Län­dern wie Ir­land, En­g­land und der Schweiz, wo in Apo­the­ken ge­impft wird. Deut­sche Ge­sund­heits­po­li­ti­ker und Kran­ken­kas­sen re­agie­ren je­doch skep­tisch auf den Vor­stoß. Frank­reich da­ge­gen führt 2019 das Imp­fen in der Apotheke ein. (hz)

Ber­lin. We­ni­ger Leid durch In­flu­en­za: Der Ge­sund­heits­öko­nom Pro­fes­sor Uwe May von der Hoch­schu­le Fre­se­ni­us hat ei­ne deut­li­che Sen­kung von Grip­pe­er­kran­kun­gen er­rech­net, wenn auch Apo­the­ker imp­fen dürf­ten. Die Po­li­tik aber ist skep­tisch. Grund­la­ge da­für wa­ren Er­fah­run­gen aus dem Aus­land. May hat dar­aus ge­schluss­fol­gert, dass sich die Impf­quo­te in der Bun­des­re­pu­blik um zwölf Pro­zent er­hö­hen las­sen könn­te. Und das Gan­ze wür­de sich so­gar ge­samt­wirt­schaft­lich rech­nen. Zwar müss­ten laut May die Kas­sen an die 340 Mil­lio­nen Eu­ro mehr be­zah­len, da­für aber wür­den knapp drei Mil­lio­nen Ar­beits­un­fä­hig­keits­ta­ge weg­fal­len. Was ei­ner jähr­li­chen Kos­ten­ein­spa­rung von über ei­ner Mil­li­ar­de Eu­ro ent­spre­chen wür­de.

Bis­her sind die Deut­schen Impf­muf­fel. Da­bei sind be­son­ders Äl­te­re ge­fähr­det. Das Ro­bert-Koch-In­sti­tut geht da­von aus, dass sich nur gut ein Drit­tel der Se­nio­ren imp­fen lässt. Die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on emp­fiehlt 75 Pro­zent. Gera­de Äl­te­re aber sind treue Apo­the­ken-Kun­den.

Trotz sol­cher Zah­len herrscht bei den Ge­sund­heits­po­li­ti­kern gro­ße Zu­rück­hal­tung. So be­kennt die ge­sund­heits­po­li­ti­sche Spre­che­rin der Uni­ons­frak­ti­on, Ka­rin Maag, sich noch kei­ne ab­schlie­ßen­de Mei­nung ge­bil­det zu ha­ben. Zwar wis­se man, dass die Impf­ra­ten stei­gen, je nied­rig­schwel­li­ger der Zu­gang sei. „Auf der an­de­ren Sei­te müs­sen wir auch ei­ne hin­rei­chen­de Be­ra­tung

und im sel­te­nen Fall gar ei­ne Nach­sor­ge bei all­er­gi­schen Re­ak­tio­nen ge­währ­leis­ten.“Sie plä­die­re zum jet­zi­gen Zeit­punkt da­für, zu­nächst auf an­de­ren We­gen zu ver­su­chen, die Impf­quo­ten zu stei­gern.

Für die ge­sund­heits­po­li­ti­sche Spre­che­rin der FDP, Chris­ti­ne Aschen­berg-Dug­nus, wä­re es bes­ser, wenn et­wa Imp­fun­gen von al­len Arzt­grup­pen vor­ge­nom­men wer­den könn­ten. So dürf­ten in ei­ni­gen Tei­len Deutsch­lands Kin­der­ärz­te kei­ne Er­wach­se­nen imp­fen. Auch wür­de sie eher be­für­wor­ten,

dass ex­ami­nier­te Kran­ken­pfle­ger Imp­fen dür­fen.

Der ge­sund­heits­po­li­ti­sche Spre­cher der AfD-Frak­ti­on, Axel Gehr­ke, hält zwar eben­falls ei­ne hö­he­re Impf­ra­te für wün­schens­wert, will sich in Sa­chen Apo­the­ken aber noch nicht fest­le­gen. Das „soll­te zu­nächst er­geb­nis­of­fen mit der Bun­des­ärz­te­kam­mer er­ör­tert wer­den. Al­lei­ni­ger Maß­stab muss hier das Pa­ti­en­ten­wohl sein.“Am Po­si­tivs­ten klingt noch die Stel­lung­nah­me der ge­sund­heits­po­li­ti­schen Spre­che­rin der Grü­nen, Kor­du­la Schulz-Asche. Gera­de an­ge­sichts der War­te­zei­ten beim Haus­arzt sei es sinn­voll zu prü­fen, wie man zu­sätz­li­che, nie­der­schwel­li­ge An­ge­bo­te un­ter­brei­ten kön­ne. Apo­the­ker mit ent­spre­chen­der Zu­satz­qua­li­fi­ka­ti­on sei­en für sie denk­bar. „Gera­de die Apo­the­ker wol­len wir in der ak­tu­el­len Dis­kus­si­on ja stär­ker mit heil­be­ruf­li­chen Tä­tig­kei­ten aus­stat­ten. Imp­fun­gen oder Impf­be­ra­tung wä­ren da si­cher ein dis­kus­si­ons­wür­di­ger Weg.“

Flo­ri­an Lanz, Spre­cher des GKV-Spit­zen­ver­ban­des, der Da­ch­or­ga­ni­sa­ti­on al­ler 110 ge­setz­li­chen Kran­ken­kas­sen, da­ge­gen zeigt sich „sehr skep­tisch, ob Imp­fen oh­ne me­di­zi­ni­schem Hin­ter­grund ei­ne gu­te Idee ist“.

Und die Apo­the­ker selbst? Das Imp­fen sei „ein span­nen­des The­ma“, sagt Frie­de­mann Schmidt, Prä­si­dent der Bun­des­ver­ei­ni­gung Deut­scher Apo­the­ker­ver­bän­de. Aber er se­he die Rol­le des Apo­the­kers eher in der Be­ra­tung. Deutsch­land sei gut mit Ärz­ten ver­sorgt, wer wol­le, kön­ne sich al­so imp­fen las­sen – an­ders als in an­de­ren Län­dern, wo die We­ge zum Arzt viel län­ger sei­en. „Wenn aber Wis­sen­schaft und Po­li­tik das wol­len, wenn das Ge­setz ver­än­dert wird, ste­hen wir be­reit.“

Was die Apo­the­ker wohl vor al­lem fürch­ten, ist ei­ne Kon­fron­ta­ti­on mit der Ärz­te­schaft. Die hat­te sich auf dem Ärz­te­tag in Erfurt ge­gen das Imp­fen durch Apo­the­ker aus­ge­spro­chen. In der Schweiz et­wa dür­fen nicht nur in 19 von 26 Kan­to­nen Apo­the­ker imp­fen. Dort dür­fen in 17 Kan­to­nen auch Ärz­te Arz­nei­mit­tel ab­ge­ben. Wes­halb FDP-Po­li­ti­ke­rin Chris­ti­ne Aschen­berg-Dug­nus für den Fall ei­ner deut­schen Imp­fer­laub­nis der Apo­the­ker sagt: „Das Fass wird dann auf­ge­macht.“

In Frank­reich da­ge­gen herrscht ein an­de­rer Re­form­wind: Ab 2019 wird die Grip­pe­imp­fung in Apo­the­ken im gan­zen Land mög­lich sein. Das ist die Re­ak­ti­on auf ei­nen Pi­lot­ver­such in zwei Re­gio­nen. Dort hat­te man wäh­rend der Grip­pe­sai­son 2017/2018 mit 35 000 Imp­fun­gen in Apo­the­ken ge­rech­net. Tat­säch­lich wa­ren es 150 000. Ei­ne da­mit ein­her­ge­hen­de Stu­die zeig­te ei­ne ho­he Zuf­rie­den­heit so­wohl bei den Apo­the­ken, als auch bei den Pa­ti­en­ten.

Fo­to: dpa/Se­bas­ti­an Goll­now

Nur ein klei­ner Piks: Ein Arzt impft ei­ne Per­son ge­gen Grip­pe.

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