Vor­la­ge si­cher ver­wan­delt

Für Russ­land ist die WM ei­ne Ge­le­gen­heit, sich der Welt von sei­ner bes­ten Sei­te zu zei­gen / Die Gast­ge­ber neh­men die Chan­ce wahr – auch Pu­tin

Märkische Oderzeitung Eisenhüttenstadt - - Blickpunkt - Von Ste­fan Scholl

Russ­land fei­ert die WM schon jetzt als vol­len Er­folg. Und da­mit als Er­folg Wla­di­mir Pu­tins. Da­bei funk­tio­niert das Fuß­ball­fest vor al­lem des­halb, weil die Po­li­tik sich im Hin­ter­grund hält und im öf­fent­li­chen Raum ei­ne Lo­cker­heit zu­lässt, die im All­tag sonst schnell die Si­cher­heits­be­hör­den auf den Plan ruft.

Moskau. Der Ro­te Platz ist grün. Auf den Pflas­ter­stei­nen vor dem Kreml wur­de ein Ra­sen­tep­pich aus­ge­legt, am Don­ners­tag spiel­te dort ei­ne Kras­no­jars­ker Kn­a­ben­mann­schaft ge­gen rus­si­sche und in­ter­na­tio­na­le Alt­stars, die von dem Bra­si­lia­ner Ro­nal­do ge­coacht wur­den. Im Bei­sein von Staats­chef Wla­di­mir Pu­tin und Fi­fa-Prä­si­dent Gi­an­ni In­fan­ti­no. Und wie rus­si­sche Re­por­ter auf­ge­regt be­rich­te­ten, ver­wan­del­te Pu­tin auf dem Ro­ten Platz im zwei­ten An­lauf ei­nen Straf­stoß ge­gen ei­nen Tor­war­t­ro­bo­ter, der als fast un­über­wind­lich galt. Die Fuß­ball-WM in Russ­land ist bis­her ein vol­ler Er­folg. Und da­mit auch ein Er­folg Wla­di­mir Pu­tins. Da­bei hält sich der Prä­si­dent bis­her eher im Hin­ter­grund – im Ge­gen­satz zu den Olym­pi­schen Win­ter­spie­len in Sot­schi, wo er fast täg­lich bei Wett­kämp­fen auf­tauch­te. Da­mals fei­er­ten ihn vie­le rus­si­sche Ath­le­ten als Glücks­brin­ger, bei der Fuß­ball-WM aber hat Pu­tin au­ßer dem Pro­mi-Kick auf dem Ro­ten Platz nur das Er­öff­nungs­spiel be­sucht. Auch dort brach­te er den Er­folg mit, die Sbor­na­ja schlug Sau­di-Ara­bi­en 5:0. Und bei je­dem Tor amü­sier­ten Pu­tins breit ver­gnüg­te Ent­schul­di­gungs­ges­ten ge­gen­über dem sau­di­schen Prinz Mo­ham­med bin Sal­man, der mit ihm in der Eh­ren­lo­ge saß, die ge­sam­te TV-Na­ti­on. Das öf­fent­li­che Russ­land ju­belt. Die­se WM ha­be sich schon jetzt als gran­di­os er­wie­sen, schrei­ben die Zei­tun­gen, al­le Fuß­bal­ler und Trai­ner sei­en be­geis­tert von der Or­ga­ni­sa­ti­on. Und das Mas­sen­blatt „Mos­kow­ski Kom­so­mol­jez“zi­tiert die aus­län­di­schen Fans kol­lek­tiv: „Man hat uns an­ge­lo­gen über al­les in Russ­land. Das ist ein präch­ti­ges Land mit of­fen­her­zi­gen Men­schen.“

Tat­säch­lich lo­ben die Fans durch­weg die Freund­lich­keit und Hilfs­be­reit­schaft der Rus­sen. Aber per­plex ist des­halb kei­ner, Gast­freund­schaft ge­hört schließ­lich zu den po­si­ti­ven Vor-Ur­tei­len ge­gen­über Russ­land.

Die Rus­si­sche Ei­sen­bahn bringt al­le Kar­ten­be­sit­zer kos­ten­los zu den Spiel­or­ten, Pu­tins Staat lässt sich die­se WM wirk­lich et­was kos­ten. Die Ver­an­stal­tung ist nicht per­fekt, klei­ne­re Stö­run­gen in­be­grif­fen, wie sie über­all pas­sie­ren kön­nen. So fuhr ein Mos­kau­er Ta­xi­fah­rer – aus völ­li­ger Über­mü­dung, wie er an­gab – in ei­ne Men­schen­men­ge, Ar­gen­ti­ni­er schlu­gen ei­nen Kroa­ten zu­sam­men, ein be­trun­ke­ner Rus­se ei­nen Schwe­den. Die Trieb­wer­ke ei­nes Flug­zeugs mit der sau­di­schen Mann­schaft an Bord fin­gen Feu­er, beim ers­ten Spiel im Wol­go­gra­der Sta­di­on quäl­ten Wol­ken von Klein­mü­cken die Fuß­bal­ler.

Aber sol­che Rand­mo­men­te ver­der­ben die Par­ty-Lau­ne der aus­län­di­schen Fans nicht. Sie sind nicht ge­kom­men, um über hun­ger­strei­ken­de po­li­ti­sche Ge­fan­ge­ne zu dis­ku­tie­ren, auch nicht, um den Ein­fluss der Ro­ma­ne Dos­to­je­w­skis auf das Den­ken der mo­der­nen Rus­sen zu be­grei­fen. Sie sind ge­kom­men, um zu fei­ern, To­re mit Bier. Die WM ist ein Fest, herz­lich, aber un­ver­bind­lich und wie sehr vie­le Fes­te ober­fläch­lich. Be­zeich­nend der Irr­tum zwei­er ar­gen­ti­ni­scher Fans, die das Spiel ge­gen Kroa­ti­en ver­pass­ten, weil sie den Aus­tra­gungs­ort Ni­sch­ni Now­go­rod mit dem 800 Ki­lo­me­ter ent­fern­ten We­li­ki Now­go­rod ver­wech­selt hat­ten, oh­ne dass sie je­mand dar­auf auf­merk­sam ge­macht hät­te. Pu­tin ließ ih­nen Ein­tritts- und Fahr­kar­ten für das nächs­te Spiel der Ar­gen­ti­ni­er in Sankt Pe­ters­burg aus­hän­di­gen. Ge­schick­te PR, die wie die gan­ze WM vor al­lem das Selbst­bild Russ­lands schönt.

Pu­tin hat in­zwi­schen er­klärt, er wer­de sich auch das mor­gi­ge Ach­tel­fi­na­le Russ­lands ge­gen Spa­ni­en an­se­hen. Ob­wohl dies­mal der spa­ni­sche Kö­nig Fe­li­pe VI. da sein wird, ließ der Prä­si­dent of­fen, ob er ins Sta­di­on kommt. Die spa­ni­sche Mann­schaft ist ein ernst­haf­te­rer Kon­kur­rent als die Sau­dis. Und Wla­di­mir Pu­tin ver­liert nicht ger­ne, schon gar nicht in der Öf­fent­lich­keit.

Die an­ge­reis­ten Fans lo­ben Freund­lich­keit und Hilfs­be­reit­schaft der Rus­sen

Fo­to: ima­go/Mi­kail Met­zel

Ent­spann­ter Bum­mel über den Ro­ten Platz: Russ­lands Staats­chef Wla­di­mir Pu­tin (M.) mit Fi­fa-Prä­si­dent Gi­an­ni In­fan­ti­no (2.v.l.) und wei­te­ren Gäs­ten

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