Die sau­ren Wur­zeln der Ma­fia

Wie Zi­tro­nen und Ver­bre­chen zu­sam­men­hän­gen

Märkische Oderzeitung Eisenhüttenstadt - - Meinungen Und Hintergrund - Ina Mat­thes Nach­ge­forscht

Schiffs­rat­ten ha­ben vie­len See­leu­ten das Le­ben ge­ret­tet. Ge­kocht oder roh. Denn Rat­ten pro­du­zie­ren Vit­amin C, der Mensch nicht. Er muss Vit­amin C es­sen oder trin­ken. Die See­leu­te, die vor Rat­ten­ta­tar nicht zu­rück­schreck­ten, wuss­ten das in den Zei­ten der Se­gel­schiff­fahrt zwar nicht. Aber sie hat­ten bes­se­re Chan­cen zu über­le­ben als ih­re Mit­fah­rer. Von de­nen wa­ren vie­le an der Vit­amin­man­gel-Krank­heit Skor­but ge­stor­ben. Bis der bri­ti­sche Arzt Ja­mes Lind kam. Er ent­deck­te ein ve­ge­ta­ri­sches Mit­tel ge­gen Skor­but: Zi­tro­nen.

Um 1795 ver­ord­ne­te die bri­ti­sche Ad­mi­ra­li­tät ih­ren See­fah­rern täg­lich rund 30 Gramm Zu­cker mit 30 Gramm Zi­tro­ne. Das wie­der­um kos­te­te auch vie­le Men­schen das Le­ben. Aber nicht auf See und nicht in En­g­land, son­dern in dem Land „wo die Zi­tro­nen blü­hen.“Ita­li­en. Ge­nau­er ge­sagt: in Si­zi­li­en. Denn dort lös­te die ge- stie­ge­ne Nach­fra­ge nach sau­ren Früch­ten ei­nen Zi­trus-Boom aus. Zeit­gleich mit den Plan­ta­gen blüh­te die si­zi­lia­ni­sche Ma­fia auf. Die Er­kennt­nis über die Ver­bin­dung zwi­schen Zi­tro­nen und Pa­ten ha­ben die Wis­sen­schaft­ler Ola Ols­son, Ales­sia Iso­pi und Ar­can­ge­lo Di­mi­cio aus al­ten Akten her­aus­ge­schält. Sie nah­men sich Un­ter­la­gen ei­nes par­la­men­ta­ri­schen Un­ter­su­chungs­aus­schus­ses von 1886 vor. Dort wur­de nach Kri­mi­nal­fäl­len im Lan­de ge­fragt. Das Ver­bre­chen ver­teil­te sich durch­aus un­ter­schied­lich. So wie auch die Ma­fia nicht über­all in Si­zi­li­en gleich ak­tiv war. Aber es gibt auf­fäl­li­ge geo­gra­fi­sche Über­ein­stim­mun­gen zwi­schen Zi­tro­nen­an­bau­ge­bie­ten und Ma­fia-Clans. Ei­ne Hoch­burg von bei­dem war die Ge­gend rund um Pa­ler­mo.

Für die „eh­ren­wer­ten Her­ren“, die einst als Vieh­die­be an­ge­fan­gen hat­ten, wa­ren sau­re Früch­te viel lu­kra­ti­ver als ge­stoh­le­ne Rin­der. Zi­tro­nen­plan­ta­gen wa­ren Mit­te des 19. Jahr­hun­derts die pro­fi­ta­bels­ten land­wirt­schaft­li­chen Flä­chen, schreibt der Ma­fia­Ex­per­te John Di­ckie. Zi­trus­früch­te wur­den bis nach New York ver­schifft. Ein Bauer ver­dien­te da­mit 35 Mal so viel wie mit Oli­ven. Des­halb wur­de die Zi­tro­nen oft vom Baum weg ge­klaut. Plan­ta­gen­be­sit­zer brauch­ten Wäch­ter. Da­für bo­ten sich Ma­fio­si ger­ne an. Über­lie­fert ist der Fall des Arz­tes Ga­la­ti, der ei­nen Zi­tro­nen­hain erb­te. Der Wäch­ter dort ent­pupp­te sich als Ma­fio­so, der die Plan­ta­ge her­un­ter­wirt­schaf­te­te, um sie selbst zu über­neh­men. Da­mals gän­gi­ge Pra­xis. Der Arzt leg­te sich mit dem Wäch­ter an, hat­te aber kei­ne Chan­ce. Die Ma­fia schmier­te längst Po­li­zis­ten, Po­li­ti­ker, Rich­ter. Und brach­te die um, die sich ihr ent­ge­gen stell­ten.

Ga­la­ti muss­te flie­hen. Die Ma­fia über­nahm die Plan­ta­ge, stieg in den Han­del ein und auf – zu ei­ner Macht, de­ren Ver­tre­ter in höchs­ten Krei­sen sa­ßen. Doch, wie ei­ner der schärfs­ten Ma­fia-Geg­ner, der 1992 er­mor­de­te Rich­ter Gio­van­ni Fal­co­ne, sag­te: „Die Ma­fia ist ein mensch­li­ches Phä­no­men. Und wie al­le mensch­li­chen Phä­no­me­ne hat es ei­nen An­fang und wird auch ein En­de ha­ben.“Die mas­sen­haf­ten Mor­de in den 1980er Jah­ren lie­ßen den Rück­halt der Ma­fia in der Be­völ­ke­rung brö­ckeln. In­zwi­schen ster­ben die ers­ten Pa­ten hin­ter Git­tern.

Auch die Zi­tro­nen­pro­duk­ti­on in Ita­li­en ist ge­schrum­pelt. An­de­re pro­du­zie­ren heu­te ef­fek­ti­ver und mo­der­ner. Wer das Land sucht, in dem die meis­ten Zi­tro­nen blü­hen, der muss nach In­di­en rei­sen.

Fo­to: dpa/Se­bas­ti­en No­gier|

Viel­sei­ti­ge Frucht: Aus Zi­tro­nen kann man Skulp­tu­ren bau­en, wie beim Le­mon-Fes­ti­val in Frank­reich. Oder dar­auf Ver­bre­cher­syn­di­ka­te grün­den, wie es die Ma­fia schaff­te.

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