Bay­ern ist ein Seis­mo­graph für ganz Deutsch­land

Märkische Oderzeitung Erkner - - Meinungen Und Hintergrund -

Seit über 60 Jah­ren re­giert in Bay­ern die CSU und stellt den Mi­nis­ter­prä­si­den­ten. Un­wahr­schein­lich, dass sich das am Sonn­tag än­dert. Denn da­zu müss­ten FDP oder Lin­ke über die fünf Pro­zent sprin­gen und dann mit SPD, Grü­nen und Frei­en Wäh­lern ei­ne Ko­ali­ti­on zim­mern. Eher ver­siegt in Bay­ern das Bier. Wahr­schein­lich ist aber, dass die CSU ein bo­den­los schlech­tes Er­geb­nis ein­fährt, das zweit­schlech­tes­te al­ler Zei­ten. Nur die 27,4 Pro­zent von 1950 wer­den See­ho­fer, Sö­der, Do­brindt und Scheu­er nicht un­ter­bie­ten, auch wenn sie mit ih­rer Scharf­ma­che­rei beim Asyl, ih­rem La­vie­ren beim Die­sel und den un­ent­weg­ten Strei­te­rei­en mit der Schwes­ter CDU, mit der Kanz­le­rin und un­ter­ein­an­der wahr­lich al­les da­für ge­tan hät­ten. Die ge­nann­ten Ver­wer­fun­gen ma­chen die Bay­ern­wahl zu ei­nem bun­des­wei­ten Seis­mo­gra­phen da­für, in­wie­weit die Glaub­wür­dig­keit der Po­li­ti­ker er­lo­schen ist, und ob die Men­schen noch ei­nen Hel­ler auf de­ren Hand­lungs­fä­hig­keit und Hand­lungs­wil­len ge­ben. Oder ob selbst dort, wo der Him­mel weiß-blau scheint und die Kuh­glo­cken läu­ten, wo al­so die Idyl­le zu Hau­se ist, die Zuf­rie­den­heit stirbt. Mit Idyl­le darf sich Bay­ern brüs­ten, weil an­de­rer­seits Au­to-, Luft- und Raum­fahrt so­wie It-in­dus­trie für Wohl­stand sor­gen. Er­fah­ren wir am Sonn­tag, dass auch dort der Frust über Macht­sucht, Ego­is­mus und Stur­heit der Po­li­ti­ker schwe­rer wiegt, als jahr­zehn­te­lan­ger Auf­schwung, Sta­bi­li­tät und Si­cher­heit – Er­run­gen­schaf­ten, die zwei­fel­los mit der CSU ver­bun­den sind? Ist die­ser Durst nach ei­nem Wech­sel gar so groß, dass vie­le ih­re Stim­me auch sol­chen ge­ben, an de­nen gar nichts wahr­haf­tig, al­les op­por­tu­nis­tisch, po­pu­lis­tisch und vie­les un­wahr, ja Lü­ge ist? Gleich, wie die Wahl aus­geht, per­so­nell wird sich wohl nichts än­dern. See­ho­fer wird Par­tei­vor­sit­zen­der blei­ben, weil ein Nach­fol­ger nicht in Sicht ist. Dass ihm Sö­der nach­folgt, ver­hin­dert das schlech­te Wah­l­er­geb­nis. Alex­an­der Do­brindt fehlt es an Rück­halt in der Par­tei. Man­fred We­ber hät­te das Zeug, will aber Eu-kom­mis­si­ons­prä­si­dent wer­den. Al­so wird der streit­ba­re Hü­ne bis zum Par­tei­tag 2019 wei­ter­ma­chen. Er, der sonst schon oft für Über­ra­schun­gen gut war, hat noch ei­nen an­de­ren Grund zu blei­ben: Sei­ne Sor­ge vor ei­nem wei­te­ren Er­star­ken der AFD bei Neu­wah­len. See­ho­fer nennt das Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein.

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