Die AfD lieb­äu­gelt mit dem De­xit

Die Par­tei spricht sich für ei­ne um­fas­sen­de Re­form der EU aus / Kom­me die nicht, müs­se Deutsch­land ge­hen

Märkische Oderzeitung Fürstenwalde - - Blickpunkt - Von T. La­nig a. CLasmann

Das Cha­os rund um den „Br­ex­it“schreckt vie­le Deut­sche ab. Des­halb warnt AfDChef Gau­land da­vor, das bri­ti­sche Bei­spiel als Vor­bild zu ver­kau­fen. Doch vie­le in der Par­tei träu­men vom „De­xit“. Rie­sa. Für die er­folgs­ver­wöhn­te AfD steht in die­sem Jahr viel auf dem Spiel. Bei den drei Land­tags­wah­len in Ost­deutsch­land hof­fen die Rechts­po­pu­lis­ten im Herbst auf mehr als 20 Pro­zent. Im Mai bei der Eu­ro­pa­wahl wol­len sie von den Kri­sen der EU pro­fi­tie­ren. Ih­re Um­fra­ge­wer­te wa­ren je­doch schon ein­mal bes­ser. Bun­des­weit liegt sie ak­tu­ell bei rund 14 Pro­zent.

Da kommt An­dré Pog­gen­burgs Neu­grün­dung ei­ner Par­tei rechts von der AfD höchst un­ge­le­gen. Die Par­tei hat zwar seit 2015 mit Bernd Lu­cke, Han­sOlaf Hen­kel und Frau­ke Pe­try ei­ni­ge pro­mi­nen­te Ge­sich­ter ver­lo­ren. Nach­hal­tig ge­scha­det hat ihr das bis­her aber nicht. Bei den zu­rück­lie­gen­den Land­tags­wah­len hol­te die AfD in Bay­ern 10,2 Pro­zent, in Hes­sen wa­ren es 13,1 Pro­zent. Die Angst vor Stimm­ver­lus­ten ist den­noch spür­bar auf der Eu­ro­pa­wahl­ver­samm­lung im säch­si­schen Rie­sa.

Da­bei ist die AfD al­len Füh­rungs­wech­seln und Ab­spal­tun­gen zum Trotz seit ih­rer Grün­dung im­mer ei­ne eu­ro­pa­skep­ti­sche bis EU-feind­li­che Par­tei ge­blie­ben. Kon­se­quen­ter­wei­se setzt sie nun bei der Wahl zum Eu­ro­pa­par­la­ment auf den Kampf ge­gen das „EU-Mons­ter“. Die Kan­di­da­ten­lis­te ist der ty­pi­sche AfD-Mix aus Laut-Na­tio­na­len und Pro­test­bür­ger­tum. Auf den rech­ten Ber­li­ner „Flü­gel“-Mann Thors­ten Weiß, der in sei­ner Be­wer­bungs­re­de „Re­form“mit „Re­for­ma­ti­on“ver­wech­selt, folgt auf Lis­ten­platz 15 Ha­gen Brau­er, ein ehe­ma­li­ger CDU-Kom­mu­nal­po­li­ti­ker aus Schwe­rin. Die Kan­di­da­ten­kür läuft zäh und zeit­rau­bend, manch­mal bringt auch die Stich­wahl kein Er­geb­nis. Da­bei will die AfD das Eu­ro­päi­sche Par­la­ment ei­gent­lich ab­schaf­fen.

Fast al­le Be­wer­ber für die Lis­ten­plät­ze zur Eu­ro­pa­wahl ver­su­chen sich dann auch mit knal­li­gen Sprü­chen als bein­har­te Brüs­sel-Geg­ner zu pro­fi­lie­ren – und spie­len zu­min­dest mit dem Ge­dan­ken an ei­nen deut­schen EU-Aus­tritt. Der müss­te zwar kon­se­quen­ter­wei­se „Daus­tritt“hei­ßen. Frak­ti­ons­che­fin Alice Wei­del sag­te trotz­dem: „Der De­xit wä­re ei­ne Op­ti­on.“Auch die AfD-Pro­gramm­kom­mis­si­on hat ei­nen Leit­an­trag er­ar­bei­tet, der den „De­xit“be­reits nach ei­ner Le­gis­la­tur­pe­ri­ode vor­sieht. Für den Fall, dass sich die EU bis da­hin nicht nach dem Wil­len der AfD ver­än­dert ha­ben soll­te.

Die bei­den Par­tei­chefs, Alex­an­der Gau­land und Jörg Meu­then fin­den das un­klug. Ei­ne gro­ße Mehr­heit sprach sich trotz- dem für das Eu­ro­pa­pro­gramm aus. Und ob­wohl die AfD die EU nicht mag, prä­sen­tie­ren sich auch am zwei­ten Tag der Ver­samm­lung wie­der Dut­zen­de von Be­wer­bern, die auf die Kan­di­da­ten­lis­te wol­len.

Die et­was we­ni­ger Ra­di­ka­len wol­len ei­ne Rück­kehr zur EWG – ei­ner Wirt­schafts­ge­mein­schaft oh­ne po­li­ti­sche Kom­pe­ten­zen. Gau­land sag­te: „So sehr es ei­nen ju­cken mag, den kor­rup­ten, auf­ge­bläh­ten, un­de­mo­kra­ti­schen, un­kon­trol­lier­ten und la­tent to­ta­li­tä­ren Ap­pa­rat ab­zu­schaf­fen, wir müs­sen im­mer in Rech­nung stel­len, dass die Fol­gen viel­leicht un­be­re­chen­bar wer­den.“

Auch mit dem Wi­der­stand ge­gen Fahr­ver­bo­te für Die­sel-Au­tos, In­ten­si­ve Be­ra­tung: Am drit­ten Tag des AfD-Tref­fens ha­ben die De­le­gier­ten mit gro­ßer Mehr­heit das Eu­ro­pa­pro­gramm der Par­tei be­schlos­sen. Fe­in­staub-Grenz­wer­te und Kli­ma­schutz ver­su­chen ei­ni­ge Kan­di­da­ten zu punk­ten. Der dro­hen­de „Un­ter­gang Deutsch­lands“durch die „Mas­sen­mi­gra­ti­on“ist im­mer wie­der The­ma, aber längst nicht mehr zen­tra­les Ar­gu­ment der meis­ten Be­wer­ber.

Pe­ter Wür­dig möch­te ger­ne Al­ters­prä­si­dent des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments wer­den. Der rüs­ti­ge 81-Jäh­ri­ge spricht von afri­ka­ni­schen „Müll­staa­ten“mit ka­put­ten Ge­sell­schafts­sys­te­men. Er be­fürch­tet, Eu­ro­pa kön­ne durch mas­sen­haf­te Ein­wan­de­rung zu ei­nem „afri­ka­ni­schen Müll­kon­ti­nent“wer­den.

Die AfD teilt ger­ne aus, ge­gen Mi­gran­ten, Mus­li­me und die ver­hass­ten „Alt­par­tei­en“. Den­noch zeich­net Meu­then in Rie­sa das Bild ei­ner AfD, die tap­fer ge­gen un­fai­re po­li­ti­sche Geg­ner kämpft. Die größ­ten Ri­si­ken für den Er­folg sieht auch er wohl eher im In­ne­ren der Par­tei. Er sagt: „Nur wir selbst könn­ten uns noch auf­hal­ten. Und den Ge­fal­len wer­den wir de­nen auf kei­nen Fall tun.“(dpa)

Die Par­tei setzt auf den Kampf ge­gen das „EU-Mons­ter“

Foto: dpa

Oliver Mal­chow.

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