Der lan­ge Weg aus der Kri­se

Eu­ro­pas äl­tes­te Por­zel­lan-Ma­nu­fak­tur steckt mit­ten im Wan­del und will 2021 wie­der schwar­ze Zah­len schrei­ben

Märkische Oderzeitung Fürstenwalde - - Wirtschaft - Von Chris­tia­ne raatz

Mei­ßen. Sie ist so schwer wie ein er­wach­se­ner Mensch und so teu­er wie ein Ein­fa­mi­li­en­haus: Meis­sens im­po­san­te Kra­ter­va­se ist Sym­bol für die Neu­aus­rich­tung von Eu­ro­pas äl­tes­ter Por­zel­lan-Ma­nu­fak­tur. Hilft sie der sä­chi­schen Fir­ma aus der Kri­se?

Mit fei­nen Pin­sel­stri­chen malt Ul­rich Meh­ner Blü­te um Blü­te auf die fast ei­nen Me­ter ho­he und mehr als 80 Ki­lo­gramm schwe­re Va­se. Aus der grün­lich-grau­en Far­be wird nach dem Brand das ty­pi­sche Ko­balt­blau, für das die Por­zel­lan-Ma­nu­fak­tur Meis­sen be­kannt ist. Rund drei Wo­chen braucht al­lein Meh­ner für sein Blü­ten­de­kor, be­vor die Va­se ge­brannt wird und dann Dut­zen­de Por­zel­lan­ma­ler auf die Gla­sur rund 130 Mo­ti­ve aus 300 Jah­ren Ma­nu­fak­tur-Ge­schich­te zu ei­ner mo­der­nen Col­la­ge zu­sam­men­fü­gen. „Die Va­se ist et­was Be­son­de­res, ein Kalei­do­skop der ver­schie­de­nen Küns­te“, sagt Meh­ner.

Zugleich ist die Kra­ter­va­se, wie das im­po­san­te Por­zel­lan­stück ge­nannt wird, ein Sym­bol für die Neu­aus­rich­tung des Tra­di­ti­ons­un­ter­neh­mens: Zu­rück zum Por­zel­lan, zur kunst­vol­len Por­zel­lan­ma­le­rei - mit mo­der­nen Ele­men­ten. „Al­les, was Meis­sen zu bie­ten hat, ist dar­auf ver­eint“, sagt Ge­schäfts­füh­rer Ge­org Nuss­dor­fer, zu­stän­dig für Mar­ke­ting und Ver­trieb. Wenn er und der zwei­te Chef, Till­mann Blasch­ke, über den lau­fen­den Um­bau spre­chen, fällt im­mer wie­der ein Schlag­wort: „Mo­der­ne Opu­lenz“. „Da kom­men wir her, da wol­len wir hin, das ist un­ser Kern.“

Da­hin­ter ver­ber­gen sich die Wur­zeln der gut 300 Jah­re al­ten Ma­nu­fak­tur im Ba­rock – und der Spa­gat, das an­ge­schla­ge­ne Un­ter­neh­men in die Zu­kunft zu füh­ren. Der Trend ge­he hin zu fri­scher und üp­pi­ger De­ko­ra­ti­on, da­rin sieht Meis­sen ei­ne gro­ße Chan­ce. „Wir be­ken­nen uns zu un­se­rer Tra­di­ti­on, wol­len aber auch die Rei­se nach vorn an­tre­ten. Es gilt zu zei­gen, dass Meis­sen auch mo­dern ist“, so Blasch­ke. Bei der Kra­ter­va­se, die 1856 das ers­te Mal her­ge­stellt wur­de und nun erst­mals seit vie­len Jah­ren wie­der, scheint der Plan auf­zu­ge­hen: Für das 350 000 Eu­ro teu­re Stück lie­gen welt­weit elf Be­stel­lun­gen vor.

Weil nur ein bis zwei Va­sen pro Jahr ge­fer­tigt wer­den, müs­sen sich Samm­ler schon jetzt bis zu fünf Jah­re ge­dul­den. Al­lein der Brenn­pro­zess dau­ert drei Wo­chen: Ei­ne Wo­che lang wird der Ofen auf­ge­heizt, ei­ne Wo­che wird die Va­se ge­brannt, ei­ne Wo­che lang­sam ab­ge­kühlt, da­mit kei­ne Ris­se im Por­zel­lan ent­ste­hen. Mo­na­te dau­ert es, bis sich die 29 Por­zel­lan­ma­ler auf der Va­se ver­ewigt ha­ben.

Eu­ro­pas äl­tes­te Por­zel­lanMa­nu­fak­tur mit Grün­dung 1710 steckt im Wan­del, nach­dem der Um­bau zum Lu­xus­kon­zern un­ter dem ehe­ma­li­gen Chef Christian Kurt­z­ke schei­ter­te. Die­ser ließ auch Schmuck, Klei­dung und Ac­ces­soires fer­ti­gen. Das Kon­zept miss­lang, die Ma­nu­fak­tur häuf­te Mil­lio­nen-Ver­lus­te an - al­lein im Vor­jahr lag das Mi­nus bei rund fünf Mil­lio­nen Eu­ro. Mit dem 2017 an­ge­kün­dig­ten Kurs­wech­sel will das Un­ter­neh­men ab 2021 wie­der schwar­ze Zah­len schrei­ben.

„Im Um­kehr­schluss heißt das: Bis da­hin wird es noch Ver­lus­te ge­ben“, er­klärt Blasch­ke. Das Sor­ti­ment be­kam in­zwi­schen ei­ne Fri­sche­kur, die Pro­duk­ti­on wur­de nach Un­ter­neh­mens­an­ga­ben ef­fi­zi­en­ter ge­stal­tet. Rund 60 Stel­len Ar­beits­plät­ze fie­len weg - vor al­lem durch Al­ters­ab­gän­ge und Al­ters­teil­zeit.

Im­mer wie­der wird Kri­tik laut, dass Mil­lio­nen von Steu­er­geld in die Ma­nu­fak­tur flie­ßen, de­ren al­lei­ni­ger Ge­sell­schaf­ter Sach­sen ist. Die Dar­le­hen an die Ma­nu­fak­tur be­lau­fen sich mitt­ler­wei­le auf 22 Mil­lio­nen Eu­ro und sol­len nach An­ga­ben des Fi­nanz­mi­nis­te­ri­ums ab 2021 über zehn Jah­re zu­rück­ge­zahlt wer­den. Ei­ne wei­te­re fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung sei der­zeit nicht vor­ge­se­hen, hieß es im Mi­nis­te­ri­um.

Die Lin­ke ver­langt mehr Trans­pa­renz, wo­für das Geld ver­wen­det wird. „Kri­tisch se­he ich, dass CDU, SPD und der Fi­nanz­mi­nis­ter nicht be­reit sind – nicht ein­mal im Haus­halts- und Fi­nanz­aus­schuss – den Be­tei­li­gungs­be­richt aus­zu­wer­ten“, sagt der kul­tur­po­li­ti­sche Spre­cher der Frak­ti­on, Franz So­dann. Des­halb ha­be die Frak­ti­on auch ei­nen Be­richt der Staats­re­gie­rung im Land­tag be­an­tragt. Mit der Rück­kehr zum Kern­ge­schäft be­fin­de sich die Ma­nu­fak­tur aber auf dem rich­ti­gen Weg, hieß es. Dem Un­ter­neh­men und den Mit­ar­bei­tern

Sor­ti­ment be­kam Fri­sche­kur und 60 Ar­beits­plät­ze fie­len weg

müs­se nun Zeit ge­ge­ben wer­den, die Feh­ler der Ver­gan­gen­heit zu re­pa­rie­ren.

Ma­nu­fak­tur-Chef Blasch­ke be­tont, dass jeg­li­che Fi­nan­zie­rung durch den Frei­staat im Vor­hin­ein ge­nau ge­prüft wor­den sei. So ha­be es et­wa ei­nen „Pri­va­te-In­ves­tor-Test“un­ter Hin­zu­zie­hung ex­ter­ner Wirt­schafts­ex­per­ten ge­ge­ben. Die­ser Test soll prü­fen, ob auch ein frem­der In­ves­tor Geld in das Un­ter­neh­men ge­ben wür­de. Der Wert der Ma­nu­fak­tur las­se sich zu­dem nicht nur über Ge­winn und Ver­lust­rech­nung de­fi­nie­ren. „Zu­sätz­lich zur öko­no­mi­schen Ver­ant­wor­tung geht es auch um die Si­che­rung und Wei­ter­ent­wick­lung des Kul­tur­gu­tes und der kunst­hand­werk­li­chen Por­zel­lan­her­stel­lung.“

Die bei­den Chefs sind op­ti­mis­tisch, dass ih­re Stra­te­gie bald Früch­te trägt: In ver­gan­ge­nen Jahr ist ein neu­es Ge­schäft in der Dresd­ner In­nen­stadt hin­zu­ge­kom­men, zu­dem wur­den Web­shop und In­ter­net­sei­te neu ge­stal­tet, das Lo­go über­ar­bei­tet. 2019 sol­len mit Hil­fe von In­flu­en­cern mehr jun­ge Men­schen für Por­zel­lan be­geis­tert wer­den. „Pro­duk­te des Lu­xus wer­den heu­te sehr stark über So­ci­al Me­dia ge­spielt“, so Ge­schäfts­füh­rer Nuss­dor­fer.

Zur neu­en Stra­te­gie ge­hört auch die Er­schlie­ßung neu­er, in­ter­na­tio­na­ler Märk­te. In Ja­pan und Tai­wan sind die Pro­duk­te mit den blau­en Schwer­tern im Wap­pen seit Jahr­zehn­te sehr ge­fragt. „Chi­na ist für uns der wich­tigs­te nächs­te Markt. Dort hat­ten wir ei­nen gu­ten Neu­start“, kün­digt Nuss­dor­fer an. (dpa)

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