Die gan­ze Wahr­heit – ein biss­chen

Ber­li­ner Pre­mie­ren: Cast­dorf macht Brecht, Ken­ne­dy per­formt und Kat­ha­ri­na Thal­bach ist wie­der der klei­ne Ha­se

Märkische Oderzeitung Frankfurt - - Wo?hin! - Bühne -

Ber­lin. Nach den be­sinn­li­chen Fei­er­ta­gen und der Zeit „zwi­schen den Jah­ren“geht es in die­ser Wo­che an den Ber­li­ner Büh­nen mit meh­re­ren Pre­mie­ren wei­ter. Su­san­ne Ken­ne­dy stellt am Don­ners­tag (17.1.) um 19 Uhr an der Volks­büh­ne ih­re neu­es­te Ar­beit als Urauf­füh­rung vor: „Co­m­ing So­cie­ty“ist ei­ne in­stal­la­ti­ve Per­for­mance, in der der Ver­such un­ter­nom­men wird, die Zu­kunft in Form ei­ner of­fe­nen Ge­mein­schaft zu den­ken. Ken­ne­dy stellt die Fra­gen: Gibt es ei­ne in­ne­re Evo­lu­ti­on des Men­schen? Gibt es ei­nen Aus­blick auf Selbst­ent­wick­lung, auf ei­ne Über­schrei­tung des Sub­jekts?

Das Ber­li­ner En­sem­ble bringt am Sonn­abend (19.1.) um 18 Uhr den Brecht-klas­si­ker „Le­ben des Ga­li­lei“zur Pre­mie­re. Brecht hat es 1938 im dä­ni­schen Exil ge­schrie­ben. Sel­ten hat ein Thea­ter­stück ei­ne be­weg­te Ge­schich­te wie das Dra­ma um den Phy­si­ker Ga­li­leo Ga­li­lei, der 1633 vor der In­qui­si­ti­on die Aus­sa­ge wi­der­ruft, dass die Er­de um die Son­ne kreist. Brechts Ur­teil ist ein­deu­tig: „Wer die Wahr­heit nicht weiß, der ist bloß ein Dumm­kopf. Aber wer sie weiß und sie ei­ne Lü­ge nennt, der ist ein Ver­bre­cher!“Frank Cas­torf, des­sen „Les Mi­sé­ra­bles“nach Vic­tor Hu­go der­zeit am Ber­li­ner En­sem­ble zu se­hen ist, setzt sich in die­ser Spiel­zeit mit dem Ge­ni­us Lo­ci des Hau­ses aus­ein­an­der.

We­ni­ger dra­ma­tisch, da­für um so lus­ti­ger geht es am Sonn­abend um 18 Uhr bei den Wühl­mäu­sen mit der Ka­ba­rett-pre­mie­re „Ge­lo­ge­ne Wahr­hei­ten“wei­ter. Man schreibt das Jahr 2020. Vier Men­schen in ei­nem Ge­heim­bun­ker am Pots­da­mer Platz, tief un­ter der Er­de, aus­ge­wählt von An­ge­la Mer­kel selbst, sol­len die Welt ret­ten. Und es muss schnell ge­hen. Denn das De­sas­ter scheint un­auf­halt­sam. Ehen sind be­reits tau­send­fach zer­bro­chen, Welt­kon­zer­nen droht die Plei­te, die „Ta­ges­schau“muss ab­ge­schal­tet wer­den, und Horst See­ho­fer will Bay­ern in die Un­ab­hän­gig­keit füh­ren. Denn ei­ne ge­fähr­li­che Krank­heit brei­tet sich aus: das Wahr­heits­vi­rus. Die Op­fer ver­ler­nen al­les, was zi­vi­li­sier­te Men­schen im Le­ben be­nö­ti­gen: Schum­meln, Schwin­deln, Flun­kern, Lü­gen und Ver­schwei­gen. Sie müs­sen das Ge­fähr­lichs­te über­haupt tun: al­lem und je­dem die Wahr­heit sa­gen. Die Hel­den der Wühl­mäu­se ar­bei­ten fie­ber­haft an ei­ner Lö­sung. Dann streicht auch noch Olaf Scholz ihr Bud­get auf 56,50 Eu­ro plus Ver­pfle­gungs­pau­scha­le zu­sam­men. Wie soll das gut ge­hen?

Eben­falls um 18 Uhr fei­ert in der Ko­mö­die am Kur­fürs­ten- damm (Schil­ler­thea­ter) „Ha­se Ha­se“Pre­mie­re. Herr und Frau Ha­se kön­nen end­lich au­f­at­men: Drei ih­rer fünf Kin­der sind aus dem Haus, Herr Ha­se wird bald ei­ne or­dent­li­che Ren­te be­kom­men, der äl­tes­te Sohn ist da­bei, sein Me­di­zin­stu­di­um ab­zu­schlie­ßen, und der jüngs­te Ha­se ist ein Ma­the-ge­nie. Aber das Glück währt nicht lan­ge, denn in der win­zi­gen Woh­nung der Ha­ses su­chen so vie­le Hilfs­be­dürf­ti­ge Un­ter­schlupf, dass sie aus al­len Näh­ten zu plat­zen droht.

„Ha­se Ha­se“ist ei­ne Hom­mage an die Fa­mi­lie, ei­ne Ko­mö­die im bes­ten Sin­ne – amü­sant, ver­rückt und po­li­tisch ak­tu­el­ler denn je. 1992 war das Stück der Sen­sa­ti­ons­er­folg der Sai­son im Schil­ler­thea­ter. Da­mals wie heu­te spielt Kat­ha­ri­na Thal­bach den klei­nen Ha­se. Heu­te auch mit da­bei: Thal­bachs gro­ße Thea­ter­fa­mi­lie. Bis zum 24. Fe­bru­ar steht das Stück auf dem Spiel­plan der Ko­mö­die am Ku­damm. Die Fran­zö­sin Co­li­ne Ser­reau in­sze­niert ei­ne Neu­fas­sung ih­res Stü­ckes.

Ei­ne wei­te­re Urauf­füh­rung wird mit „sta­tus quo“am Frei­tag (18.1.) um 20 Uhr an der Schau­büh­ne am Leh­ni­ner Platz er­war­tet: Drei Mal gibt es die Fi­gur des Flo – als Im­mo­bi­li­en­mak­ler, als Schau­spie­ler und als Dro­ge­rie­fach­ver­käu­fer. Die drei jun­gen, hüb­schen Flos sind al­le Be­rufs­an­fän­ger und hei­ßen ei­gent­lich al­le Flo­ri­an. „sta­tus quo“zeigt die Welt, wie sie ist – nur spie­gel­ver­kehrt: Die Um­keh­rung der rea­len Macht­ver­hält­nis­se lässt in die­sem Stück von Ma­ja Za­de die Mecha­nis­men der Un­gleich­heit in ei­ner bis­si­gen Satire in al­ler Schär­fe her­vor­tre­ten. (klt)

Ber­li­ner En­sem­ble: Kar­ten­te­le­fon: 030 28408155; Volks­büh­ne: Tel. 030 24065777; Ka­ba­rett Die Wühl­mäu­se: Tel. 030 30673011; Ko­mö­die am Ku­damm (Schil­ler­thea­ter), Tel. 030 88591188, Schau­büh­ne am Leh­ni­ner Platz Tel. 030 890023

Die Cott­bu­ser Ins­ze­nie­rung un­ter­sucht den Stoff auf Ak­tua­li­tät und fo­kus­siert da­bei auf die Fra­ge, wie weit wir in Zei­ten von per­ma­nen­ter Da­ten­er­fas­sung und Be­re­chen­bar­keit durch Al­go­rith­men von Or­wells Dys­to­pie ent­fernt sind. Und wie so oft stellt sich auch hier die Fra­ge nach der Ge­wich­tung der Ver­ant­wort­lich­kei­ten von Staat, ein­zel­nem Men­schen und den Me­dienplatt­for­men.

Re­gie bei „1984“führt Andre­as Na­thu­si­us. Es spie­len Li­sa Schüt­zen­ber­ger, Rolf-jürgen Ge­bert, Gun­nar Gol­kow­ski, Ama­de­us Goll­ner und Boris Schwie­bert. Neu da­bei ist der Vi­deo­künst­ler Thomas Lip­pick.

„sta­tus quo“zeigt ei­ne Um­keh­rung der rea­len Macht­ver­hält­nis­se

Pre­mie­re: Sonn­abend (19.1.), 19.30 Uhr, Staats­thea­ter, Cott­bus, Rest­kar­ten

Foto: Micha­el Pe­ter­sohn

Zum Rein­bei­ßen: Kat­ha­ri­na Thal­bach in dem Er­folgs­stück „Ha­se, Ha­se“

Foto: Mar­lies Kross

Das Au­ge der Par­tei: Büh­nen­bild zu „1984“im Staats­thea­ter Cott­bus.

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