An der Küs­te Li­tau­ens wird er­folg­reich Bern­stein ge­fischt. Auch Tou­ris­ten ha­ben dort schnell Er­folgs­er­leb­nis­se

Märkische Oderzeitung Schwedt - - Journal - Im Gold­rausch / Von Ste­fan Klug

Je­des Jahr das glei­che Bild. Gan­ze Heer­scha­ren von Ur­lau­bern wäl­zen sich in ge­bück­ter, ja schon fast de­vo­ter Hal­tung die Strän­de der Ost­see ent­lang. Den Blick starr auf die Gren­ze ge­rich­tet, an der sich Was­ser und Land kreu­zen. Ei­ne hüb­sche Mu­schel oder ei­nen Don­ner­keil gar wol­len sie fin­den, su­chen aber tat­säch­lich nach – Bern­stein. Je­nen meist bräun­li­chen Klum­pen, die sich seit Jahr­mil­lio­nen un­ter dem Bett der Ost­see ge­formt ha­ben und auch als de­ren Gold be­zeich­net wer­den. Einst stan­den hier ge­wal­ti­ge Kie­fern­wäl­der, die Bäu­me bis zu 40 Me­ter hoch. Tem­pe­ra­tu­ren wie in den Tro­pen sorg­ten da­für, dass reich­lich Harz floss. Und je­nes, das sei­ner­zeit re­la­tiv schnell von der Luft aus­ge­schlos­sen wur­de, kann rund 50 Mil­lio­nen Jah­re spä­ter ge­fun­den wer­den.

Was für die Tou­ris­ten ein rei­nes Frei­zeit­ver­gnü­gen ist, wur­de für an­de­re Le­bens­auf­ga­be. So fischt Igo­ris Os­nac schon vor dem Früh­stück an der Küs­te Li­tau­ens mehr Bern­stein aus der Ost­see, als ei­ne säch­si­sche Groß­fa­mi­lie im ge­sam­ten Cam­ping­ur­laub dem Strand von Bol­ten­ha­gen ent­rei­ßen kann. Zum ei­nen ist das dem Um­stand ge­schul­det, dass hier – nörd­lich der größ­ten Bern­stein­vor­kom­men im Ge­biet von Kaliningra­d – der Ost­see­grund deut­lich reich­hal­ti­ger mit dem fos­si­len Harz ge­seg­net ist. Aber auch das Fi­schen ist wich­tig.

Im Ge­gen­satz zu den Tou­ris­ten macht der 53-jäh­ri­ge nicht am Strand Beu­te. Er steht meist hüft­tief im Was­ser. Für Os­nac ist das Bern­stein­fi­schen nicht Zu­falls­spiel, son­dern Er­geb­nis ge­nau­er Re­cher­che. Im In­for­ma­ti­ons­zen­trum des Küs­ten­na­tio­nal­par­kes zwi­schen den Städ­ten Klai­pe­da und Pal­an­ga kann man sich nicht nur über Flo­ra und Fau­na der Re- gi­on in­for­mie­ren. Dort er­fährt man auch, wo Bern­stein zu fin­den ist und wie man ihn von Glas oder Plas­tik un­ter­schei­den kann.

Vor al­lem aber, wel­che Fak­to­ren auf Er­folg bei der Su­che ver­wei­sen. Da Bern­stein nur ei­ne ge­rin­ge Dich­te be­sitzt, schwimmt er in zehn­pro­zen­ti­ger Salz­lö­sung oben. Doch das Ost­see-Was­ser weist mit nur knapp drei Pro­zent ei­nen deut­lich ge­rin­ge­ren Salz­ge­halt auf. Da­her sinkt das Ur­zeit-Harz in die Tie­fe, lang­sam. Dort wird es, ab­hän­gig vom Wel­len­gang, Rich­tung Küs­te be­för­dert, wes­halb be­son­ders nach star­ker Dü­nung die Chan­cen für die Fi­scher gut ste- hen. Al­ler­dings nicht übe­r­all. Denn Al­gen und Treib­holz sor­gen für zu­sätz­li­chen Trans­port. Die auf­ge­wir­bel­ten Nug­gets wer­den von den Pflan­zen um­schlos­sen, und die­se wie­der­um blei­ben im Ide­al­fall am Treib­holz hän­gen, das ir­gend­wann an der Küs­te lan­det.

Igo­ris Os­nac stapft al­so nicht ein­fach los. „Ich schaue, wo sind Mö­wen, denn die su­chen in den Al­gen Nah­rung“, er­zählt der ge­bür­ti­ge Klai­pe­da­er, der schon als Ju­gend­li­cher zu So­wjet­zei­ten ver­bo­te­ner Wei­se dem Bern­stein nach­jag­te. Wenn in See­gras oder Al­gen-Nä­he auch Treib­holz ist, schlüpft er in den was­ser­fes­ten An­zug, greift sich ei­nen gro­ßen Kä­scher und geht ins Was­ser.

Dort schürft Os­nac knapp über dem Mee­res­bo­den, ei­ni­ge Ma­le, bis ein Vier­tel Netz voll ist. Am Ufer wird dann sor­tiert. Ei­ne Me­tho­de, die auch bei Tou­ris­ten schnell Er­fol­ge zei­tigt, wenn­gleich in be­schei­de­nem Ma­ße. Denn der idea­le Mo­nat fürs Bern­stein­fi­schen sei der No­vem­ber, wenn die Herbst­stür­me über die Ost­see ja­gen, er­klärt der Fach­mann. Kei­ne gu­te Zeit, um im Bal­ti­kum Ur­laub zu ma­chen.

Doch man kann Am­ber, wie Bern­stein welt­weit ge­nannt wird, in ganz Li­tau­en kau­fen. Die Prei­se rich­ten sich nach Art und Grö­ße, Far­be und Schliff und ob es Ein­schlüs­se fos­si­ler Tie­re oder Pflan­zen gibt. Auf Grund des Über­an­ge­bo­tes und der gi­gan­ti­schen Preis­span­ne wird der Laie schnell un­si­cher, ob die an­ge­prie­se­ne Wa­re tat­säch­lich echt ist. Bei Os­nac ist hier gu­ter Rat nicht teu­er, son­dern kos­ten­los. Die si­chers­te Me­tho­de sei aber zu­gleich die ris­kan­tes­te. Denn Bern­stein bren­ne.

Wer al­so sein Col­lier ab­ge­fa­ckelt ha­be, kön­ne si­cher sein, dass es echt war, gibt der Ex­per­te scher­zend zur Kennt­nis. Scho­nen­der wä­re, es in be­sag­ter Salz­lö­sung zu ver­sen­ken, in der es oben schwim­men müs­se. Ein eher we­nig prak­ti­ka­bler Weg im Ge­schäft oder am Markt­stand. Bleibt die ein­fachs­te Art, die Echt­heit zu prü­fen. Da­für wird der Bern­stein an der In­nen­hand or­dent­lich ge­rie­ben. Kurz, be­vor Bla­sen auf der Haut ent­ste­hen, soll­te die­se deut­lich nach Harz rie­chen. Wer die­ses Er­leb­nis hat, darf be­ru­higt zu­grei­fen. Zu­dem fühlt sich Bern­stein warm an – im Ge­gen­satz zu an­de­ren Edel­stei­nen oder Glas.

Al­les an­de­re ist rei­ne Ge­schmacks­sa­che. Es gibt Bern­stein in ver­schie­de­nen Far­ben, von schwarz bis weiß. Ers­te­rer ist be­son­ders wert­voll, ihm wird hei­len­de Wir­kung vor al­lem für die Schild­drü­se zu­ge­schrie­ben. Am häu­figs­ten kommt je­ner vor, des­sen gol­den-brau­nes Aus­se­hen syn­onym für die gan­ze Gat­tung ver­wen­det wird. Ge­fun­de­ne Stü­cke sind an der Ober­flä­che meist trüb und rau. Mit mitt­le­rem und fei­nem Sand­pa­pier je­doch las­sen sie sich leicht be­ar­bei­ten und er­hal­ten so schnell ei­ne glän­zen­de und trans­pa­ren­te Ober­flä­che, die auch den Blick ins In­ne­re frei­gibt. Und der ist mit­un­ter wie ei­ne Zei­t­rei­se, vie­le Mil­lio­nen Jah­re zu­rück in der Erd­ge­schich­te.

Fo­tos: MOZ/Ste­fan Klug

Er­folg­rei­cher Fisch­zug: Igo­ris Os­nac am Strand in der Nä­he von Klai­pe­da (Me­mel). Der Bern­stein­ex­per­te holt im­mer ein paar Nug­gets aus der Ost­see.

Kur­zer Ein­satz: Auch Tou­ris­ten kön­nen an der Ost­see­küs­te fün­dig wer­den. Klappt es nicht, bleibt ei­nem das um­fang­rei­che Bern­stein-An­ge­bot auf den Märk­ten.

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