Von Her­zen und Hau­fen

Com­pu­ter­spie­le sind längst kei­ne Ni­schen­pro­duk­te mehr – sie sind Kul­tur- und Wirt­schafts­gut / Preis­ver­lei­hung auf der Ga­mes Week

Märkische Oderzeitung Strausberg - - Blickpunkt - Von

Com­pu­ter­spie­le sind raus aus der Nerd-Ni­sche. Je­der zwei­te Deut­sche greift ab und an zu di­gi­ta­len Spie­len. Die Bran­che ist ei­ne der in­ter­es­san­tes­ten – für Wirt­schaft, Kul­tur und Wis­sen­schaft. Beim Com­pu­ter­spiel­preis fei­ert sie heu­te sich selbst und ih­re In­no­va­tio­nen, und ein Ber­li­ner Spiel könn­te gro­ßer Ge­win­ner wer­den.

Ma­thi­as Pud­dig Ber­lin (MOZ) El­vis ist ein Op­por­tu­nist. Das muss er auch sein, wenn er über­le­ben will. Denn El­vis’ Welt ist feind­lich. Nicht nur, dass der klei­nen ro­ten Me­tall­py­ra­mi­de ihr Haus von ei­nem grü­nen Me­teo­ri­ten weg­ge­bombt wur­de. Um ein neu­es Heim zu be­kom­men, muss El­vis sich durch ei­ne Welt vol­ler Re­gen und Ras­sis­mus schla­gen. Bei­de tun dem Zwerg aus Ei­sen na­tur­ge­mäß nicht gut. Da­mit er über­haupt ei­ne Chan­ce hat, wirft er sich je nach Be­darf die pas­sen­de Tar­nung über: mal rot, mal blau. El­vis ist der Held des Com­pu­ter­spiels „On Rus­ty Trails“, das heu­te Abend mit bis zu drei Com­pu­ter­spiel­prei­sen aus­ge­zeich­net wer­den kann.

Der Ga­meDe­si­gner To­bi­as Bil­ge­ri und der Il­lus­tra­tor Se­bas­ti­an Stamm sind die

Köp­fe hin­ter dem Spiel. Black Pants heißt ihr Ga­me­stu­dio, das sein ge­müt­li­ches Ber­li­ner Bü­ro der­zeit im Os­ten Neu­köllns hat – da, wo der Be­zirk noch so rich­tig dre­ckig ist. Black Pants teilt sich mit der Film­fir­ma Fog­ma ei­nen Flur, de­ren Strei­fen „Ti­ger Girl“Mit­te des Mo­nats in den Ki­nos an­lief und die deut­sche Film­bran­che or­dent­lich durch­ge­bürs­tet hat.

Die räum­li­che Nä­he ist Zu­fall, doch vom An­spruch her ha­ben Fil­me und Com­pu­ter­spie­le tat­säch­lich viel ge­mein. Se­bas­ti­an Stamm nennt Ga­mes „ne­ben Fil­men und Se­ri­en das be­herr­schen­de Me­di­um“. Stamm teilt sich das Bü­ro an die­sem Tag nur mit zwei Com­pu­tern, ein paar Ser­vern, ei­ni­gen Prei­sen für äl­te­re Spie­le und ei­ner ro­ten Couch. Er hat des­halb ein we­nig Zeit zum Re­den, da­bei ist es „ge­ra­de echt krass“, wie er sagt. Der Com­pu­ter­spiel­preis wirft sei­ne Schat­ten vor­aus.

An­ge­spro­chen auf „On Rus­ty Trails“, er­klärt Stamm, der auch Ge­schäfts­füh­rer des Spie­le­stu­di­os ist: „Das Spiel ist ras­sis­tisch zu dir.“Das zei­ge sich nicht nur an der Ge­schich­te, die stets mit­läuft, wäh­rend der Spie­ler El­vis durch die Le­vel ra­sen lässt: Je nach Tar­nung re­agie­ren die an­de­ren Fi­gu­ren im Spiel mit Herz­chen in Sprech­bla­sen auf ihn – oder mit Kack­hau­fen. Man­che be­wer­fen ihn auch mit St­ei­nen. Doch der Ras­sis­mus steckt auch in der Dra­ma­tur­gie des Spiels und nicht zu­letzt in sei­ner Steue­rung und Mecha­nik. „Das ist die Ker­n­idee“, er­klärt Stamm. Und tat­säch­lich ge­lingt es „On Rus­ty Trails“über­ra­schend leicht­hän­dig, erns­te The­men wie Flucht, Dis­kri­mi­nie­rung und auch Woh­nungs­not in ein me­lan­cho­li­sches und se­hens­wer­tes Spiel zu über­set­zen. „Es gibt ja ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten, an Ga­mes ran­zu­ge­hen. Wie auch an Kunst“, sagt Stamm.

Der Ver­gleich mit der Kunst ist da­bei nicht so ab­we­gig, wie er es viel­leicht zu Zei­ten von Pacman und Pong noch war. Com­pu­ter­spie­le sind als Kul­tur­gut an­er­kannt, auch der Com­pu­ter­spiel­preis gilt als Kul­tur­preis. Schon vor zehn Jah­ren stell­te der Bun­des­tag fest, dass Com­pu­ter­spie­le ein „be­deu­ten­der Be­stand­teil des kul­tu­rel­len Le­bens un­se­res Lan­des und prä­gend für un­se­re Ge­sell­schaft sind“.

An der Uni­ver­si­tät Pots­dam be­schäf­tigt sich der Me­di­en- und Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Se­bas­ti­an Mö­ring mit dem Phä­no­men. Die Rol­le von Ga­mes zwi­schen den an­de­ren Kunst­for­men fin­det er „ex­trem span­nend, weil es sich da­bei um ein neu­es Feld han­delt“. Com­pu­ter­spie­le sei­en als For­schungs­ge­gen­stand von vie­len Fach­rich­tun­gen ak­zep­tiert. „Man setzt sich auf ei­ne Art und Wei­se mit dem ei­ge­nen Le­ben aus­ein­an­der, wie man das mit an­de­ren Me­di­en nicht kann.” Ge­ra­de die In­ter­ak­ti­vi­tät, die Spie­le von an­de­ren Kunst­for­men un­ter­schei­det, sei lan­ge „ein Wunsch­traum“ge­we­sen. Weil das wis­sen­schaft­li­che In­ter­es­se an Com­pu­ter­spie­len im­mer wei­ter wächst, soll nun in Ber­linBran­den­burg so­gar die größ­te Com­pu­ter­spie­le­samm­lung der Welt ent­ste­hen. Be­reits jetzt ver­fü­gen die Uni­ver­si­tät Pots­dam, das Com­pu­ter­spiele­mu­se­um in Ber­lin-Fried­richs­hain und die Un­ter­hal­tungs­soft­ware Selbst­kon­trol­le (USK) über be­trächt­li­che Be­stän­de an Ori­gi­nal­ti­teln. Im ver­gan­ge­nen Jahr hat der Bun­des­tag Mit­tel be­wil­ligt, da­mit die­se Samm­lun­gen zu­sam­men­ge­führt wer­den kön­nen. Im ers­ten Schritt sol­len die Be­stän­de er­fasst und ka­ta­lo­gi­siert wer­den. An­schlie­ßend kom­men sie dann auch phy­sisch an ei­nen Ort. Im Ge­spräch ist bei­spiels­wei­se die Al­te Mün­ze in Ber­lin-Mit­te.

„Das ist dann für die brei­te Öf­fent­lich­keit, aber auch für Wis­sen­schaft­ler, die sich ein ge­naue­res Bild ma­chen wol­len“, er­klärt Pe­ter Tscher­ne, Ge­schäfts­füh­rer der Stif­tung Di­gi­ta­le Spie­le­kul­tur. „Wenn ich et­was über ei­nen Ge­gen­stand mit ei­ner Ge­schich­te er­fah­ren will, dann muss ich Zu­griff auf Ar­te­fak­te ha­ben“, er­gänzt Se­bas­ti­an Mö­ring. Als Me­di­en- und Kul­tur­wis­sen­schaft­ler se­he er „kei­nen Grund, war­um Spie­le nicht auf der glei­chen Hö­he wie Fil­me, Li­te­ra­tur und Mu­sik be­han­delt wer­den sol­len. Zu­mal es sich ja um Me­di­en han­delt, mit de­nen ein gro­ßer Teil der Ju­gend auf­wächst.“

Das deckt sich mit den Zah­len des Bun­des­ver­bands In­ter­ak­ti­ve Un­ter­hal­tungs­soft­ware (BIU). Der Bran­chen­ver­band hat für 2015 er­mit­telt, dass 34,4 Mil­lio­nen Deut­sche di­gi­ta­le Spie­le nut­zen – die meis­ten da­von re­gel­mä­ßig. Das Kli­schee des blas­sen, jun­gen Man­nes, der die Näch­te im Kel­ler sei­nes El­tern­hau­ses ver­zockt, ist in­des falsch. Com­pu­ter­spie­ler gibt es in al­len Schich­ten, un­ab­hän­gig von Ge­schlecht, Al­ter, Ein­kom­men und Bil­dung. „Den größ­ten An­stieg der Spie­ler­zah­len gab es in der Al­ters­grup­pe 50+“, heißt es in der Ana­ly­se. Was ge­spielt wird, un­ter­schei­det sich je­doch. Wäh­rend ein Spiel wie „World of War­craft“ei­ne ein­ge­schwo­re­ne Fan­ge­mein­de hat, ge­hört zum Bei­spiel „Farm­vil­le“zu den Ga­mes, mit de­nen in ers­ter Li­nie Zeit tot­ge­schla­gen wird. „On Rus­ty Trails“rich­tet sich eben­falls an vie­le ver­schie­de­ne Leu­te – auch wenn es lie­be­vol­ler ge­stal­tet und mit­un­ter recht kniff­lig ist. „Der An­satz war, ein Spiel zu ma­chen, das ei­ne brei­te Mas­se an­spre­chen kann“, sagt Stamm. Jump’n’Run-Spie­le sei­en ja ge­ne­rell ein Gen­re, das vie­le er­rei­chen kann.

Der Markt da­für ist da. Al­le deut­schen Spie­ler zu­sam­men ga­ben 2015 fast zwei Mil­li­ar­den Eu­ro für Ga­mes aus. „Seit Jah­ren sind Com­pu­ter- und Vi­deo­spie­le der dy­na­mischs­te Kul­tur- und Me­di­en­markt in Deutsch­land“, ana­ly­siert der BIU. Die Ki­nos in Deutsch­land, für die 2015 als Re­kord­jahr galt, setz­ten im sel­ben Zei­t­raum rund 1,2 Mil­li­ar­den Eu­ro um.

Im Ver­gleich da­zu ist die För­de­rung al­ler­dings noch spär­lich. „Wir ha­ben ge­ra­de ge­se­hen, dass Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin Mo­ni­ka Grüt­ters die Film­för­de­rung auf 150 Mil­lio­nen Eu­ro auf­ge­stockt hat. Da sind die we­ni­gen Hun­dert­tau­sen­de Eu­ro für die Ga­mes­för­de­rung zwar schon ein gu­ter Schritt, aber da ist noch Luft nach oben“, sagt Pe­ter Tscher­ne. „In an­de­ren Län­dern wie En­g­land, Frankreich und Ka­na­da gibt es deut­lich mehr För­de­rung für Ga­mes.“

Wie wich­tig dies ist, lässt sich bei­spiel­haft an Black Pants er­ken­nen. Oh­ne Grün­ders­ti­pen­di­um wä­re das Un­ter­neh­men im Jahr 2011 wohl gar nicht erst ent­stan­den. „Die Exist-För­de­rung war der Start­schuss“, sagt Stamm. „Dann hat­ten wir ein Jahr Zeit, konn­ten uns er­näh­ren und Leu­te be­zah­len.“Auch „On Rus­ty Trails“wur­de ge­för­dert – in die­sem Fall vom Me­dien­board Ber­lin-Bran­den­burg und vom Land Hes­sen. „Wir kom­men ja ur­sprüng­lich aus Kas­sel“, er­klärt Stamm, war­um sich die bei­den För­der­ge­ber zu­sam­men­ge­fun­den ha­ben. Hin­ter Black Pants steht kein gro­ßer Ver­le­ger, kei­ne gro­ße Fir­ma. Des­halb be­deu­tet die För­de­rung für das un­ab­hän­gi­ge Stu­dio mehr als nur das Geld. „För­de­rung gleich Frei­heit“, for­mu­liert Stamm. „Man kann ei­ne Idee, die in der Markt­ana­ly­se viel­leicht erst ein­mal durch­fal­len wür­de, trotz­dem um­set­zen. Und man kann for­schen, sich in Ge­bie­te vor­wa­gen, an de­nen noch nicht so vie­le ar­bei­ten.“

Was For­schung kon­kret meint, er­klärt er an­hand von El­vis: Ins­ge­samt hat es zwei Jah­re ge­dau­ert, „On Rus­ty Trails“zu pro­du­zie­ren. Al­lein fürs Lau­fen und Sprin­gen ging mehr als ein Jahr drauf. „Das klingt zwar ab­surd. Aber ge­ra­de das Um-die-Eckeund An-der-De­cke-Lau­fen hat sehr viel Zeit ge­braucht.“Im­mer wie­der muss­te ge­tes­tet wer­den: Macht der Sprung Spaß? Macht das Wech­seln Spaß? Und wenn der Sprung ver­än­dert wur­de, muss­ten auch die Le­vel an­ge­passt wer­den.

Mit dem Er­geb­nis ist Stamm zu­frie­den, er spricht von ei­ner „ganz neu­en Mecha­nik“. Und mehr noch: „Da­zu kommt der Look, un­se­re Spie­le ha­ben ei­ne sehr spe­zi­el­le vi­su­el­le Hand­schrift. Und dann ist da noch die Mu­sik, die wird auch im­mer als po­si­tiv wahr­ge­nom­men.“Da­für war der Sound­künst­ler Stef­fen Mar­tin ver­ant­wort­lich: „Al­le Ge­räu­sche sind künst­lich er­zeugt, sie sol­len aber so klin­gen, als wä­ren sie or­ga­nisch ent­stan­den. Trotz­dem ist da noch elek­tro­ni­sche Mu­sik, al­les ist sehr tech­no­id“, sagt Se­bas­ti­an Stamm.

Von gleich drei No­mi­nie­run­gen für den Com­pu­ter­spie­le­preis wa­ren er und sein Team trotz­dem über­rascht. „Das ist schon er­staun­lich“, sagt er. Und was, wenn „On Rus­ty Trails“tat­säch­lich ge­winnt? Der Haupt­preis ist im­mer­hin mit 110 000 Eu­ro do­tiert, die bei­den an­de­ren mit je­weils 40 000 Eu­ro. „Ei­ni­ge von uns wer­den sich be­trin­ken. Und dann freu­en wir uns, dass wir ein Bud­get ha­ben für un­ser neu­es Spiel. Das ist ja das Cools­te dar­an.“

Fo­to: MOZ/Ma­thi­as Pud­dig

Il­lus­tra­tor und Ge­schäfts­füh­rer: Se­bas­ti­an Stamm ist ei­ner der Köp­fe hin­ter dem Com­pu­ter­spiel „On Rus­ty Trails“.

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