Kum­pel pro­tes­tie­ren in der Lau­sitz

Ex­per­ten­kom­mis­si­on tagt in der Lau­sitz / Kum­pel for­dern, erst den Struk­tur­wan­del in Gang zu brin­gen

Märkische Oderzeitung Strausberg - - Vorderseite - Von Chris­ti­na Peters unD an­na ring­le Mehr zum The­ma un­ter: www.moz.de/ener­gie­wen­de

Groß­räs­chen. Un­ter De­mons­tra­tio­nen von Tau­sen­den Braun­koh­le-Mit­ar­bei­tern hat sich die Koh­le­kom­mis­si­on zu ei­ner aus­wär­ti­gen Sit­zung in der Lau­sitz ge­trof­fen. Ei­ner der vier Kom­mis­si­ons­vor­sit­zen­den, Mat­thi­as Platz­eck (SPD), sag­te am Ran­de der Sit­zung in Groß­räs­chen, ei­ne der schwie­rigs­ten Punk­te sei, Struk­tur­zu­sam­men­brü­che zu ver­hin­dern. Die Kom­mis­si­on „Wachs­tum, Struk­tur­wan­del und Be­schäf­ti­gung“soll Vor­schlä­ge für den Struk­tur­wan­del im Rhein­land, in der Lau­sitz und im Süd­os­ten Deutsch­lands im Zu­ge der schwin­den­den Be­deu­tung der Braun­koh­le vor­le­gen. (dpa)

Ber­lin/Cott­bus. Der Wir­bel um den Ham­ba­cher Forst hat sich kaum ge­legt, da kommt der nächs­te Auf­schlag: Der Welt­kli­ma­rat for­dert ra­sches Han­deln, um die Er­der­wär­mung zu be­gren­zen – pünkt­lich zum Be­such der Koh­le­kom­mis­si­on in der Lau­sitz. Tau­sen­de Braun­koh­le-Mit­ar­bei­ter emp­fan­gen sie laut­stark.

Das The­ma Braun­koh­le-Aus­stieg in Deutsch­land ist auf heik­lem Ter­rain an­ge­langt – im dop­pel­ten Sin­ne. Erst pro­tes­tier­ten Koh­le­geg­ner ge­gen die Ro­dung des Ham­ba­cher Forsts im Rhei­ni­schen Re­vier. Nun be­such­te die von der Bun­des­re­gie­rung ein­ge­setz­te Koh­le­kom­mis­si­on die Lau­sitz. Am Don­ners­tag tag­te sie im zweit­größ­ten deut­schen Braun­koh­le-Re­vier, in dem Tau­sen­de ih­ren Job ver­lie­ren könn­ten – we­ni­ge Ta­ge, nach­dem der Welt­kli­ma­rat ei­ne deut­li­che War­nung aus­sprach.

„Bei­spiel­lo­se Ve­rän­de­run­gen“sei­en welt­weit nö­tig, um die Er­wär­mung der Er­de noch auf 1,5 Grad zu be­schrän­ken, er­klär­te das Gre­mi­um der Ver­ein­ten Na­tio­nen am Mon­tag. An­dern­falls dro­he ne­ben Dür­ren und stei­gen­den Mee­ren mög­li­cher­wei­se der Zu­sam­men­bruch des ge­sam­ten Kli­ma­sys­tems. Ein­zi­ger Aus­weg: Der Aus­stoß von Treib­haus­ga­sen wie Koh­len­di­oxid (CO2) müs­se welt­weit be­trach­tet von 2010 bis 2030 um 45 Pro­zent fal­len und 2050 net­to bei Null lie­gen.

Um sei­nen Bei­trag da­zu zu leis­ten, muss Deutsch­land als welt­weit größ­ter Braun­koh­le­Pro­du­zent bis 2030 größ­ten­teils aus der Kohle aus­stei­gen – an­ders geht die Rech­nung aus Sicht von Kli­ma­ex­per­ten nicht auf. „Die Zie­le, die wir uns bis zum Jahr 2030 im Strom­sek­tor ge­setzt ha­ben, müs­sen wir auf je­den Fall er­rei­chen“, sagt der Di­rek­tor des Pots­dam-In­sti­tuts für

Kli­ma­fol­gen­for­schung, Ott­mar Eden­ho­fer. Aber: „Wir sind weit, weit, weit da­von ent­fernt.“Für die Ener­gie­spar­te heißt das Spar­ziel 60 Pro­zent bis 2030. „Das be­deu­tet na­tür­lich, dass wir da­für Brau­n­und St­ein­koh­le­kraft­wer­ke vom Netz neh­men müs­sen“, sagt Eden­ho­fer. Rund 80 Pro­zent al­ler Treib­haus­ga­se des Strom­sek­tors kom­men aus der Kohle – am Koh­le­aus­stieg kommt der Kli­ma­schutz­plan nicht vor­bei.

Auch des­halb soll die Koh­le­kom­mis­si­on mit dem of­fi­zi­el­len Ti­tel „Wachs­tum, Struk­tur­wan­del und Be­schäf­ti­gung“bis Jah­res­en­de ein Kon­zept vor­le­gen,

wie der Struk­tur­wan­del in den Re­vie­ren im Rhein­land, in der Lau­sitz und in Mit­tel­deutsch­land ge­lin­gen kann.

In der Lau­sitz steht da­bei ei­nes im Vor­der­grund: Tau­sen­de In­dus­trie­jobs, die auf dem Spiel ste­hen. Der Bus aus Ber­lin mit den Koh­le­kom­mis­si­ons-Mit­glie­dern schlän­gel­te sich am Don­ners­tag an den Ta­gungs­or­ten in Weiß­was­ser und Groß­räs­chen vor­bei an Hun­der­ten Braun­koh­le-Mit­ar­bei­tern mit Tril­ler­pfei­fen und Trom­meln. Ih­re Bot­schaft auf den Pla­ka­ten: Die Braun­koh­le gibt Si­cher­heit und bringt Wohl­stand in die Re­gi­on.

In­dus­trie­jobs sind in der Lau­sitz nicht ge­ra­de üp­pig ge­sät. Die Ge­gend ist länd­lich ge­prägt und gilt als eher struk­tur­schwach. Die Braun­koh­le-In­dus­trie bringt vie­le gut be­zahl­te Jobs, was auch die Ak­zep­tanz vie­ler für den fos­si­len Ener­gie­trä­ger mit­er­klärt. Beim Ener­gie­un­ter­neh­men Le­ag, das vier Ta­ge­baue und meh­re­re Braun­koh­le-Kraft­wer­ke be­treibt, ar­bei­ten rund 8000 Men­schen. Vie­le wei­te­re Fir­men pro­fi­tie­ren durch Auf­trä­ge von der Kohle. Von ei­ner Wert­schöp­fung in der Braun­koh­le-In­dus­trie von rund 1,4 Mil­li­ar­den Eu­ro im Jahr ist die Re­de.

Die Re­gie­run­gen in Bran­den­burg und Sach­sen, die vor Land­tags­wah­len im nächs­ten Jahr ste­hen, for­dern vom Bund ei­nen Er­satz für die weg­fal­len­den Jobs – auch aus Angst vor mög­li­chen Stimm­ge­win­nen für die AfD. Und eben­so wie Ge­werk­schaf­ter wol­len sie, dass die De­bat­te so ge­führt wird: erst den Struk­tur­wan­del in den Braun­koh­le­re­gio­nen wei­ter in Gang brin­gen und Jobs schaf­fen – und dann über ei­nen Koh­le­aus­stieg re­den. (dpa)

Fo­to: dpa/Mo­ni­ka Sko­li­mow­s­ka

Pro­test in Weiß­was­ser: Mit­ar­bei­ter der Lau­sitz Ener­gie Berg­bau AG (LE­AG) de­mons­trie­ren vor der Sit­zung der Koh­le­kom­mis­si­on. Die Kom­mis­si­on soll Vor­schlä­ge zum Aus­stieg aus der Braun­koh­le­ver­stro­mung vor­le­gen.

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