Die Un­ter­grund-Mü­cken

Wie die Stadt die Evo­lu­ti­on an­treibt

Märkische Oderzeitung Strausberg - - Meinungen Und Hintergrund - Ina Mat­thes Nach­ge­forscht Neu­es aus Wis­sen­schaft und Tech­nik Fra­gen und Mei­nun­gen zu Nach­ge­forscht an: cvd@moz.de

Dar­win muss­te noch um die hal­be Welt se­geln. Bis zu den Ga­la­pa­gos-In­seln vor der Küs­te Ecua­dors reis­te er, um auf je­ne Vö­gel zu sto­ßen, die heu­te als In­be­griff für sei­ne Theo­rie von der Evo­lu­ti­on der Ar­ten gel­ten. Die Dar­win-Fin­ken. Auf den vie­len klei­nen In­seln ha­ben sich aus ei­ner ge­mein­sa­men Ur­sprungs-Art vie­le ver­schie­de­ne Fin­ken­ar­ten ent­wi­ckelt. Weil die Geo­gra­fie sie von­ein­an­der trenn­te.

Heu­te, fast 190 Jah­re spä­ter, müss­te Dar­win nur noch nach Lon­don rei­sen und U-Bahn fah­ren. Dort, in rund 180 Ki­lo­me­ter Tun­nel-Dschun­gel, haust die Lon­do­ner Un­ter­welt-Mü­cke. Und die, sa­gen Wis­sen­schaft­ler wie Kat­ha­ri­ne Byr­ne, un­ter­schei­det sich deut­lich von der Lon­do­ner Ober­welt-Mü­cke. Die Un­ter­grund-Mü­cke, mei­nen Byr­ne und der Bio­lo­ge Da­vid Rez­nick, ist ei­ne ei­ge­ne Art. Sie ver­hält sich an­ders. Mü­cken, die vor al­lem in U-Bahn-Schäch­ten brü­ten, ste­chen haupt­säch­lich Rat­ten und Men­schen. Die ober­ir­di­schen ver­schmä­hen Men­schen nicht , sau­gen be­vor­zugt aber an Vö­geln. Un­ter der Son­ne lebt man im gro­ßen Schwarm. Im düs­te­ren Kunst­licht­ge­fla­cker ist man lie­ber für sich. Da­für müs­sen sich be­fruch­te­te Mü­cken­weib­chen im Un­ter­grund win­ters auch nicht mehr in Rit­zen zwän­gen und in Star­re ver­fal­len – ech­ten Win­ter gibt es dort un­ten ja nicht. Sol­che Un­ter­grund-Mü­cken sir­ren auch in an­de­ren Un­ter­grün­den von Ka­na­li­sa­ti­on bis Kel­ler und in vie­len Län­dern. Wes­halb man­che Kri­ti­ker von Byr­ne und Kres­nick mei­nen, dass Lon­dons Blut­sau­ger im Un­ter­grund auch aus an­de­ren Ge­gen­den dort­hin ein­ge­schleppt sein könn­ten. Was Kres­nick be­strei­tet – ge­ne­ti­sche Un­ter­su­chun­gen wie­sen sie als bri­ti­sches Ei­gen­ge­wächs aus.

Un­ge­ach­tet des aka­de­mi­schen Streits zeigt die Mü­cke aber ei­nes: Der Mensch ver­än­dert Le­bens­räu­me und das Le­ben selbst. Der nie­der­län­di­sche Evo­lu­ti­ons­bio­lo­ge Men­no Schil­thui­zen hat in sei­nem neu­en Buch „Dar­win in der Stadt“Bei­spie­le zu­sam­men­ge­tra­gen. Wie die Am­sel. Seit gut 150 Jah­ren le­ben zum Bei­spiel in Deutsch­land die Stadtam­sel und die Wal­dam­sel. Bal­ko­ne als Brut­plät­ze, aus­rei­chend Fut­ter – das hat wohl die Am­sel in die Stadt ge­lockt. Und sie zum Stadt­vo­gel ge­macht. Sie singt in der Nacht, wenn die Wald­ver­wand­te noch stil­le hält. Die Stadtam­sel träl­lert hö­her und lau­ter – sie muss schließ­lich ge­gen Stra­ßen­lärm an­kom­men. Sie brü­tet frü­her als der Vo­gel aus dem Wald. Stadtam­sel und Wal­dam­sel ha­ben sich so aus­ein­an­der­ge­lebt – aus ih­nen wird des­halb wohl eher kein Paar mehr. Wis­sen­schaft­ler stel­len auch schon ge­ne­ti­sche Un­ter­schie­de zwi­schen bei­den Am­seln fest. Dar­aus folgt für die Bio­lo­gen vor al­lem eins: Le­be­we­sen ver- än­dern sich viel schnel­ler, als ge- dacht. Es braucht viel­leicht nur ein paar Jahr­zehn­te, bis neue Ar­ten ent­ste­hen. Städ­te ha­ben sich da­bei zu ganz ei­ge­nen Le­bens­in­seln ent­wi­ckelt, die sich aus­deh­nen, vie­le Tie­re und Pflan­zen­ar­ten ge­ra­de­zu an­sau­gen. Es ist er­staun­lich, wie gut Tie­re wie Am­seln mit Hek­tik und Stress der Stadt klar­kom­men kön­nen. Aber nicht an je­de mensch­li­che Ent­wick­lung kann sich das Tier an­pas­sen, wie Schil­thui­zen fest­stellt. Nicht an das vö­gel­mor­den­de Fens­ter. An der Glas­schei­be schei­tert die Evo­lu­ti­on. Den Fens­ter mei­den­den Vo­gel hat sie noch nicht er­fun­den.

Fo­to:dpa/An­dy Rain

Sie ist an­ders: In den Schäch­ten lebt die Lon­do­ner Un­ter­grund-Mü­cke.

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