Das En­de der Kran­ken-Trick­se­rei

Die Ko­ali­ti­on will ver­hin­dern, dass Ärz­te und Kas­sen sich auf Kos­ten von Pa­ti­en­ten Vor­tei­le si­chern

Märkische Oderzeitung Strausberg - - Nachrichten - Von Ha­jo Zen­ker

Ber­lin. Pa­ti­en­ten sol­len vom Arzt auf dem Pa­pier nicht mehr krän­ker ge­macht wer­den, als sie wirk­lich sind. Das will die gro­ße Ko­ali­ti­on mit ei­ner Ge­set­zes­än­de­rung si­cher­stel­len.

De­pres­si­on statt de­pres­si­ver Stö­rung, Dia­be­tes mit Nie­ren­scha­den statt ein­fa­cher Dia­be­tes – bis­her kommt es im­mer wie­der vor, dass Kran­ken­kas­sen Me­di­zi­ner da­für be­zah­len, Dia­gno­sen zu ver­schär­fen. Denn so kön­nen die Kran­ken­kas­sen mehr Geld aus dem Ge­sund­heits­fonds er­hal­ten.

In die­sen Fonds flie­ßen die Bei­trä­ge der Ver­si­cher­ten und Ar­beit­ge­ber so­wie Steu­er­gel­der, und von dort aus wer­den sie an die Kas­sen wei­ter­ge­reicht. Wie viel Geld ei­ne Kas­se be­kommt, hängt da­von ab, wie vie­le Mit­glie­der sie hat und wie alt und wie krank die­se sind. Zu­schlä­ge las­sen sich mit 80 Krank­hei­ten er­gat­tern, wes­halb ei­ni­ge Krank­heits­bil­der in den ver­gan­ge­nen Jah­ren er­staun­li­che Zu­wäch­se er­lebt ha­ben. Denn pro Pa­ti­ent las­sen sich meh­re­re Hun­dert Eu­ro im Jahr zu­sätz­lich ver­bu­chen.

Na­tür­lich macht das längst nicht je­der Arzt und je­de Kas­se. Aber für die, die es tun, ist das ein schö­nes Ge­schäft. Der Pa­ti­ent merkt erst ein­mal nichts da­von – bis sei­ne Be­hand­lung von ei­nem an­de­ren Me­di­zi­ner über­nom­men wird. Wenn die­ser das glaubt, was der Kol­le­ge zu­vor als Dia­gno­se ver­merkt hat, kann das zur Falsch­be­hand­lung füh­ren. Oder bis man ei­ne Be­rufs­un­fä­hig­keits­ver­si­che­rung ab­schlie­ßen will, die we­gen ei­ner ver­meint­lich schwe­ren Vo­r­er­kran­kung teu­rer oder ganz ver­wei­gert wird. Oder bis ei­ne be­ste­hen­de Ver­si­che­rung nicht zahlt, weil man an­geb­lich Er­kran­kun­gen ver­schwie­gen hat.

Ei­gent­lich ist das al­les längst nicht mehr er­laubt. Das Bun­des­ver­si­che­rungs­amt hat meh­re­ren Kas­sen ent­spre­chen­de Ver­trä­ge mit Ärz­ten un­ter­sagt, die Jus­tiz er­mit­telt ge­gen Kas­sen. Aber, so das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um, im­mer wie­der sei­en ent­spre­chen­de Pa­pie­re ent­deckt wor­den. Ei­ne Dia­gno­se ha­be je­doch „an­hand von me­di­zi­ni­schen Ge­sichts­punk­ten zu er­fol­gen und darf nicht durch fi­nan­zi­el­le An­rei­ze be­ein­flusst wer­den“.

Des­halb wer­de „zur Si­che­rung der Qua­li­tät der ärzt­li­chen Dia­gno­se­do­ku­men­ta­ti­on und zur Stär­kung der Ma­ni­pu­la­ti­ons­re­sis­tenz“die Kas­sen­ärzt­li­che Bun­des­ver­ei­ni­gung (KBV) als Ver­tre­tung al­ler Pra­xis­ärz­te in Deutsch­land per Ge­setz ver­pflich­tet, ver­bind­li­che Re­ge­lun­gen zur Ver­ga­be und Über­mitt­lung der Dia­gno­sen bis zum 30. Ju­ni 2020 mit Wir­kung zum 1. Ja­nu­ar 2022 zu be­stim­men.

Für KBV-Vor­stands­chef Andre­as Gas­sen wer­den die­se Re­geln, Ko­dier­richt­li­ni­en ge­nannt, „nicht ver­hin­dern kön­nen, dass ein­zel­ne Kran­ken­kas­sen Druck auf nie­der­ge­las­se­ne Ärz­te aus­üben“. Im Üb­ri­gen ste­he die Ärz­te­schaft solch all­ge­mei­nen Re­ge­lun­gen ab­leh­nend ge­gen­über.

Der obers­te Kas­sen­ver­band da­ge­gen be­tont, man „be­grü­ße aus­drück­lich den er­neu­ten Ver­such der Po­li­tik, kla­re Vor­ga­ben für die rich­ti­ge Ko­die­rung in den Arzt­pra­xen vor­zu­ge­ben“, so Flo­ri­an Lanz, Spre­cher des GKV-Spit­zen­ver­ban­des, der Da­ch­or­ga­ni­sa­ti­on al­ler 109 Kas­sen. Das wä­re gut für al­le Be­tei­lig­ten, weil „nicht zu­letzt die un­se­li­ge Dis­kus­si­on“über Dia­gno­sen auf­hö­ren wür­de.

Die größ­te deut­sche Kas­se TK, die 2016 sol­che Ma­ni­pu­la­tio­nen selbst öf­fent­lich ge­macht hat­te, ist we­ni­ger op­ti­mis­tisch. Man be­grü­ße zwar, dass die Re­gie­rung „den Raum für Ma­ni­pu­la­tio­nen“ver­rin­gern wol­le, meint Spre­cher Den­nis Chyt­rek. Al­ler­dings wol­le das Ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um „nur die Sym­pto­me be­kämp­fen“. Statt­des­sen müss­ten die Dia­gno­sen, die zu­sätz­li­ches Geld brin­gen, „auf sel­te­ne­re und teu­re Er­kran­kun­gen“be­schränkt wer­den. „Der An­reiz für ei­ne Ein­fluss­nah­me auf Dia­gno­sen bei leich­ten, aber häu­fi­gen Er­kran­kun­gen ent­fie­le.“

Foto: dpa/Ar­no Bur­gi

De­pres­si­ve Stö­rung oder De­pres­si­on? Man­che Ärz­te ha­ben es da­mit in der Ver­gan­gen­heit nicht so ge­nau ge­nom­men.

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