Rus­si­schen Exi­lan­ten tot auf­ge­fun­den

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Lon­don (AFP) Kurz nach dem Gift­an­schlag auf den rus­si­schen Ex-Spi­on Ser­gej Skri­pal ist in Groß­bri­tan­ni­en der rus­si­sche Exi­lant Ni­ko­lai Glusch­kow tot auf­ge­fun­den wor­den. Bei dem in Lon­don ge­fun­de­nen Mann hand­le es sich um ei­nen frü­he­ren Mit­ar­bei­ter des Kreml-Kri­ti­kers Bo­ris Be­re­sow­ski, der sei­ner­seits 2013 un­ter un­ge­klär­ten Um­stän­den na­he Lon­don ge­stor­ben war, be­rich­te­ten bri­ti­sche und rus­si­sche Me­di­en am Di­ens­tag. Die bri­ti­sche An­ti-Ter­ror-Po­li­zei lei­te­te ei­ne Un­ter­su­chung ein. Es sei „noch nicht klar, ob es sich um ei­nen Mord oder Selbst­mord han­delt“. Ein Spre­cher der Po­li­zei be­ton­te, es ge­be „kei­ne Hin­wei­se auf ei­ne Ver­bin­dung zu dem Vor­fall in Sa­lis­bu­ry“.

Am Sonn­tag wäh­len die Rus­sen Wla­di­mir Pu­tin zum vier­ten Mal zu ih­rem Prä­si­den­ten. Spä­tes­tens dann wird man hier­zu­lan­de ein­mal mehr die Gleich­gül­tig­keit und das Ph­leg­ma des rus­si­schen Wahl­volks kri­ti­sie­ren. Auch wenn dort Op­po­si­ti­on un­ter­drückt und freie Mei­nungs­äu­ße­rung im­mer wie­der hart be­straft wird, so wird man Müt­ter­chen Russ­land doch vor­wer­fen, sich in wun­der­ba­rer Oblo­mow­scher-Tra­di­ti­on mit sei­nem mä­ßig kom­for­ta­blen und ver­ant­wor­tungs­ar­men Le­ben zu ar­ran­gie­ren, statt für ei­ne bes­se­re Zu­kunft auf­zu­ste­hen, et­was zu wa­gen, auch wenn‘s an­stren­gend wä­re. Man wird ihm vor­hal­ten, in Träg­heit zu ver­har­ren und sich ganz ge­nau­so zu ver­hal­ten, wie der Schrift­stel­ler Iwan Gontscha­row mit dem Ade­li­gen Il­ja Il­jitsch Oblo­mow in sei­nem gleich­na­mi­gen Ro­man den Rus­sen den Spie­gel vor­hielt: teil­nahms­los und pas­siv. Aber ist die­se Kri­tik über­haupt zu­läs­sig, nach­dem Deutsch­land be­reits heu­te, wie Pu­tin zum vier­ten Mal, sei­ne ei­ge­ne Oblo­mo­wa zur Kanz­le­rin wählt?

Die­je­ni­gen, für die An­ge­la Mer­kel im Lau­fe ih­rer Amts­zeit seit 2005 nicht zur Reiz­fi­gur mu­tiert ist, al­so die, für die Mer­kel im­mer noch „Mut­ti“, Leit­fi­gur oder gar Iko­ne ist, nen­nen als ih­re Qua­li­tä­ten zu­recht Sta­bi­li­tät, Aus­dau­er und Ge­duld. Sie ka­schie­ren da­mit aber Mer­kels De­fi­zi­te, ih­re feh­len­de Vi­si­on für Deutsch­lands Zu­kunft, und dass sie kei­ner­lei Sprin­ter­qua­li­tä­ten be­sitzt zur Lö­sung von Pro­ble­men. Ex­em­pla­risch ge­nannt sei hier die Di­gi­ta­li­sie­rung. Das Schlüs­selthe­ma der Ge­gen­wart und Zu­kunft führt am deut­lichs­ten die Halb­her­zi­gund Mut­lo­sig­keit des Ko­ali­ti­ons­ver­trags vor Au­gen.

Nicht, dass Mer­kels ru­hi­ge Po­li­tik nicht lan­ge gut und rich­tig für Deutsch­land ge­we­sen wä­re. Aber dann ver­ne­bel­te das „Wei­ter so“den Blick für die erst auf­kei­men­den, dann wach­sen­den Pro­ble­me. Aus Sta­bi­li­tät wur­de Sta­gna­ti­on, und die­se zu prei­sen wä­re ver­ant­wor­tungs­los. Wie lie­ße sie sich auch lo­ben, an­ge­sichts wach­sen­der Frem­den­feind­lich­keit und zu­neh­men­den An­ti­se­mi­tis­mus? Wie lie­ße sie sich gut­hei­ßen, das la­bi­le Eu­ro­pa, die Bil­dungs- und Be­treu­ungs­män­gel vor Au­gen, wie könn­te das sein an­ge­sichts fort­wäh­rend feh­len­der Chan­cen­gleich­heit in Ost und West und der Tat­sa­che, dass der Frie­den in Eu­ro­pa durch neu­er­li­ches Rüs­ten, feh­len­de Dia­log­be­reit­schaft und na­tio­na­le Klein­geis­te­rei in Ge­fahr ge­rät?

Dar­um, wenn Sie heu­te wie­der zur Bun­des­kanz­le­rin ge­wählt wer­den, ste­hen Sie nun bit­te auf von Ih­rem Di­wan, Oblo­mo­wa Mer­kel, und zei­gen Sie, dass sie ver­stan­den ha­ben! Zei­gen Sie, dass Sie es schaf­fen! Da­mit ih­re Kanz­ler­schaft nicht en­det, wie Gontscha­rows Ro­man.

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