Schwie­ri­ge Job­su­che für Schwer­be­hin­der­te

Ar­beits­agen­tur ap­pel­liert an Ar­beit­ge­ber

Märkischer Zeitungsverlag Oranienburger Generalanzeiger - - VORDERSEITE - Von Burk­hard kee­Ve

Ora­ni­en­burg. Dia­be­tes, Rheu­ma, ei­ne über­stan­de­ne Krebs­er­kran­kung – Be­hin­de­run­gen sind häu­fig nicht sicht­bar. Nicht so bei Dr. Soya­ra Krohn. Die As­sis­tenz­ärz­tin sitzt nach ei­nem schwe­ren Un­fall im Roll­stuhl. In Berlin schei­ter­te die quer­schnitts­ge­lähm­te 31-Jäh­ri­ge nach dem Stu­di­um bei der Job­su­che. Erst in der Ora­ni­en­bur­ger Au­gen­ta­ges­kli­nik von Dr. Eckhard Be­cker fand sie ein auf­ge­schlos­se­nes Team. Hier hat die Ar­beits­agen­tur beim Um­bau den Ar­beits­plat­zes die Kli­nik fi­nan­zi­ell un­ter­stützt.

Gleich­zei­tig weist der Lei­ter der Ora­ni­en­bur­ger Ar­beits­agen­tur, Chris­toph Fi­sche­dick, dar- auf hin, dass Men­schen mit Han­di­cap „oft gut qua­li­fi­ziert und mo­ti­viert sind.“Doch noch im­mer pro­fi­tier­ten Men­schen mit Be­hin­de­run­gen nicht vom der­zeit güns­ti­gen Ar­beits­markt. In Ober­ha­vel sind 426 Be­hin­der­te auf Ar­beits­platz­su­che. Mit Blick auf den Fach­kräf­te­man­gel ap­pel­liert Fi­sche­dick an die Ar­beit­ge­ber der Re­gi­on „Vor­be­hal­te auf­zu­ge­ben und Schwer­be­hin­der­te mehr in den Fo­kus zu neh­men.“Die­ses Po­ten­zi­al dür­fe „nicht lie­gen ge­las­sen wer­den“, so Fi­sche­dick wei­ter. Die Ar­beits­agen­tur be­rät und un­ter­stützt Ar­beit­ge­ber bei der Su­che nach ge­eig­ne­ten schwer­be­hin­der­ten Be­wer­bern.

Ora­ni­en­burg. Un­ter der Ho­se zeich­nen sich die be­we­gungs­lo­sen dün­nen Bei­ne von Sora­ya Krohn ab. Von der Hüf­te an ab­wärts ist sie ge­lähmt. „Ab dem un­te­ren Len­den­wir­bel 1“, sagt sie. Seit ei­nem Un­fall vor vier Jah­ren sitzt die heu­te 31-Jäh­ri­ge im Roll­stuhl.

Mit­ten im Stu­di­um sorg­te das Schick­sal für ei­ne ra­di­ka­le Kehrt­wen­de in ih­rem Le­ben. Doch sie kämpf­te sich zu­rück. Ein­ein­halb Jah­re dau­er­te ihr Kran­ken­haus­auf­ent­halt und die Re­ha, be­vor sie zu En­de stu­die­ren konn­te. Heu­te ist sie As­sis­tenz­ärz­tin in der Ora­ni­en­bur­ger Au­gen­ta­ges­kli­nik und glück­lich, im Team von Dr. Eckhard Be­cker zu sein. Den Weg da­hin eb­ne­te ihr auch die Ora­ni­en­bur­ger Ar­beits­agen­tur. Doch in ers­ter Li­nie hat sie es ih­rem star­ker Wil­len zu ver­dan­ken und der Un­vor­ein­ge­nom­men­heit ge­gen­über Schwer­be­hin­der­ten ih­res heu­ti­gen Ar­beit­ge­bers, dass sie seit Fe­bru­ar Men­schen mit Au­gen­pro­ble­men be­han­delt.

Auf der Su­che nach ei­nem Job als As­sis­tenz­ärz­tin hat sie ganz an­de­re Er­fah­run­gen ge­sam­melt. Mit ei­nem ab­ge­schlos­se­nen Staats­ex­amen der Me­di­zin in der Ta­sche lern­te sie die Kehr­sei­te ei­ner of­fe­nen Ge­sell­schaft ken­nen, die In­klu­si­on pre­digt, aber Aus­gren­zung prak­ti­ziert. Mehr als ein hal­bes Jahr such­te und be­warb sie sich in Berlin er­folg­los.

„Na­tür­lich ha­be ich im­mer an­ge­ge­ben, dass ich im Roll­stuhl sit­ze“, sagt Dr. Sora­ya Krohn. Das brems­te die Be­reit­schaft der Ar­beit­ge­ber of­fen­sicht­lich aus, sie zum Be­wer­bungs­ge­spräch ein­zu­la­den. Es ha­gel­te Ab­sa­gen. Selbst ei­ne ge­ge­be­ne Zu­sa­ge zum Ge­spräch in der Ber­li­ner Cha­rité sei „oh­ne er­klär­ba­ren Grund“, so ihr heu­ti­ger Chef, wi­der­ru­fen wor­den. Das sei ein „un­halt­ba­rer Vor­gang“, so Be­cker.

Ge­ra­de das Schick­sal und ih­re Qua­li­fi­ka­tio­nen ha­ben Dr. Eckhard Be­cker be­wo­gen, Sora­ya Krohn auch ein­zu­la­den, nach­dem sie sich bei ihm in Ora­ni­en­burg be­wor­ben hat­te. Für ihn sei es ei­ne Art Ver­pflich­tung ge­we­sen, et­was von sei­nem be­ruf­li­chen Er­folg wei­ter­zu­ge­ben. Auf staat­li­che Hil­fe hat­te er es nicht ab­ge­se­hen. „Von ei­ner Un­ter­stüt­zung durch das Ar­beits­amt ha­be ich da noch nichts ge­wusst. Die fiel dann al­ler­dings groß­zü­gig aus“, sagt Be­cker. Al­lein der Um­bau zu au­to­ma­ti­schen Ein­gangs­tü­ren ha­be 25 000 Eu­ro ge­kos­tet, die die Agen­tur über­nom­men ha­be. Zu­dem gab es Zu­schüs­se für ei­nen be­hin­der­ten­ge­rech­ten Ar­beits­platz.

Sora­ya Krohn zeigt, wie hoch sich ihr Ar­beits­roll­stuhl ver­stel­len lässt, und lä­chelt. So kommt sie oh­ne Schwie­rig­kei­ten an die Un­ter­su­chungs­ge­rä­te, um ih­ren Pa­ti­en­ten mit der Spalt­lam­pe tief in die Au­gen zu schau­en. Die­se be­geg­nen der Ärz­tin im Roll­stuhl „durch­weg po­si­tiv. Ich ha­be noch kei­ne ne­ga­ti­ve Re­ak­ti­on er­hal­ten. Im Ge­gen­teil. Sie fin­den es toll, dass ich hier ar­bei­te“, sagt Sora­ya Krohn. Ei­nen heil­sa­men Ne­ben­ef­fekt sieht

ihr Chef noch. Beim An­blick der schwer­be­hin­der­ten Ärz­tin blie­ben ei­ni­ge Pa­ti­en­ten mit „Ba­ga­tell-Be­schwer­den die ei­ge­nen Pro­blem­chen im Hal­se ste­cken“, so Dr. Be­cker.

Knapp 30 Mit­ar­bei­ter, dar­un­ter neun Ärz­te, sind in der Ora­ni­en­bur­ger Au­gen­ta­ges­kli­nik be­schäf­tigt. „Ich füh­le mich sehr wohl in dem Team“, sagt Sora­ya Krohn. Sie will hier ih­re Fach­arzt­aus­bil­dung in der Au­gen­heil­kun­de ab­schlie­ßen.

Der Um­bau der Ein­gangs­tü­ren wur­de mit 25 000 Eu­ro un­ter­stützt

Fo­to: Burk­hard Kee­ve

De­mons­tra­ti­on: Mit ih­rem hö­hen­ver­stell­ba­ren Roll­stuhl kann Sora­ya Krohn ih­ren Chef, Dr. Eckhard Be­cker, mit der Spalt­lam­pe un­ter­su­chen.

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