Bei­trä­ge für Stra­ßen­bau un­be­dingt nö­tig

Bau­de­zer­nent Frank Ol­ters­dorf for­dert ei­ne Kom­pen­sa­ti­on, soll­te das Land das Kom­mu­nal­ab­ga­ben­ge­setz än­dern

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Ora­ni­en­burg. Es sind ge­wöhn­lich sechs­stel­li­ge Be­trä­ge, die die Stadt Ora­ni­en­burg jähr­lich für Stra­ßen­aus­bau­maß­nah­men von An­woh­nern kas­siert. „Aus­bau­bei­trä­ge sind un­ver­zicht­bar, soll der Aus­bau von kom­mu­na­len Stra­ßen nicht zum Er­lie­gen kom­men“, sagt Bau­de­zer­nent Frank Ol­ters­dorf in ei­nem In­ter­view mit die­ser Zei­tung. Am Bei­spiel des ge­plan­ten Aus­baus der Bad­stra­ße er­läu­tert er die Un­ter­schie­de zwi­schen Stra­ßen­bau­und Er­schlie­ßungs­bei­trä­gen und de­ren un­ter­schied­li­che Ver­an­la­gung. Soll­te das Land die Stra­ßen­bau­bei­trä­ge, ge­gen die sich An­woh­ner weh­ren, ab­schaf­fen, for­dert Ol­ters­dorf ei­ne fi­nan­zi­el­le Kom­pen­sa­ti­on.

Die Bad­stra­ße in Ora­ni­en­burg soll 2019 aus­ge­baut wer­den. Weil sich die An­lie­ger an der Kos­ten be­tei­li­gen müs­sen, gibt es Pro­tes­te. Ei­ne Bür­ger­initia­ti­ve ist be­reits ge­grün­det. Über die Zwän­ge des Bei­trags­rechts sprach Re­dak­teur Fried­helm Brenne­cke mit Bau­de­zer­nent Frank Ol­ters­dorf (SPD).

War­um gibt es in der Bad­stra­ße zwei Bau­ab­schnit­te mit un­ter­schied­li­cher Kos­ten­ver­an­la­gung für die An­lie­ger?

Die Bad­stra­ße ver­lief zum Zeit­punkt ih­rer An­le­gung von der Ber­li­ner Stra­ße bis zur Rhein­stra­ße. Da­nach schloss sich der Au­ßen­be­reich bis zur Ha­vel an. Die Bad­stra­ße wur­de nach da­ma­li­gem Aus­bau­stan­dard mit ei­ner Groß­pflas­ter­de­cke her­ge­stellt. Stra­ßen­be­leuch­tung war am 3. Ok­to­ber 1990 vor­han­den, die ge­for­der­te Ent­wäs­se­rung je­doch nicht. Folg­lich sind für den Bau der Fahr­bahn und der Geh­we­ge Stra­ßen­bau­bei­trä­ge nach Kom­mu­nal­ab­ga­ben­ge­setz (KAG), für die Ent­wäs­se­rung je­doch Er­schlie­ßungs­bei­trä­ge nach dem Bau­ge­setz­buch (BauGB) zu er­he­ben.

Die Stre­cke zwi­schen Rhein­stra­ße und Ruhr­stra­ße war am 3. Ok­to­ber 1990 noch ei­ne Mär­ki­sche Sand­stra­ße. Es exis­tier­te kei­ne Ent­wäs­se­rung, wohl aber ei­ne Be­leuch­tung. Das Auf­brin­gen ei­ner dün­nen As­phalt­de­cke nach dem Bau der Ab­was­ser­lei­tun­gen gilt nur als Pro­vi­so­ri­um. Folg­lich gel­ten für den Bau der Fahr­bahn und der Ent­wäs­se­rung die Vor­schrif­ten des BauGB (Er­schlie­ßungs­bei­trä­ge) und für die üb­ri­gen Teil­an­la­gen, so­weit ge­plant, die Vor­schrif­ten des KAG (Stra­ßen­bau­bei­trä­ge).

Das be­deu­tet doch, wer die Stra­ßen­bau­bei­trä­ge (Lan­des­recht) ab­schafft, hat da­mit noch nicht die viel hö­he­ren Er­schlie­ßungs­bei­trä­ge (Bun­des­recht) ge­kippt?

Das ist rich­tig. Zur Dis­kus­si­on ste­hen le­dig­lich die Stra­ßen­bau­bei­trä­ge nach dem Kom­mu­nal­ab­ga­ben­ge­setz. Wer­den sie ab­ge­schafft, müs­sen wei­ter­hin Er­schlie­ßungs­bei­trä­ge nach dem BauGB er­ho­ben wer­den. Beim der­zei­ti­gen Stand noch vor­han­de­ner Sand­stra­ßen dürf­te das in Ora­ni­en­burg auch den über­wie­gen­den Teil aus­ma­chen.

Im Bau­ge­setz­buch heißt es aber, dass die Kom­mu­ne min­des­tens zehn Pro­zent des bei­trags­fä­hi­gen Er­schlie­ßungs­auf­wan­des trägt. Das be­deu­tet doch, dass die Stadt zur Ent­las­tung der An­lie­ger auch mehr als zehn Pro­zent tra­gen könn­te oder?

Tat­säch­lich steht im BauGB, dass die Ge­mein­den min­des­tens zehn von Hun­dert des bei­trags­fä­hi­gen Auf­wands tra­gen. Dies ist je­doch kein Frei­brief für die Ge­mein­den, ih­ren An­teil zu er­hö­hen und für die Grund­stücks­ei­gen­tü­mer zu sen­ken. Mit dem Er­schlie­ßungs­bei­trag soll der so­ge­nann­te Er­schlie­ßungs­vor­teil ab­ge­gol­ten wer­den. Zu be­ach­ten ist zu­dem das Haus­halts­recht, nach dem Kom­mu­nen Steu­ern, Ge­büh­ren und Bei­trä­ge zu er­he­ben ha­ben. Es ist al­so auch des­halb nicht ge­recht­fer­tigt, auf die Gel­tend­ma­chung zu ver­zich­ten oder den Er­schlie­ßungs­vor­teil nied­ri­ger zu be­wer­ten.

Im Stra­ßen­bau­bei­trags­recht ist nicht mehr der Er­schlie­ßungs­vor­teil bei­trags­be­grün­dend, son­dern sind es die In­ves­ti­tio­nen, um die­se Stra­ßen zu er­neu­ern oder zu ver­bes­sern. Auch da­bei wer­den die an­gren­zen­den Grund­stücks­ei­gen­tü­mer be­güns­tigt. Dann sol­len sie da­für aber nicht mehr 90 Pro­zent, son­dern je nach Ver­kehrs­funk­ti­on und ent­spre­chend der Ge­wich­tung der In­an­spruch­nah­me durch Grund­stücks­ei­gen­tü­mer und durch Drit­te ge­staf­felt we­ni­ger zah­len.

Auf­grund der Fest­le­gung „min­des­tens“könn­te man mei­nen, dass hier Spiel­raum nach oben zu Las­ten der Ge­mein­den und da­mit der All­ge­mein­heit be­steht. Dies ist je­doch nach gel­ten­dem Recht nicht zu­läs­sig. Denn je hö­her der An­teil der Ge­mein­de wird, des­to hö­her wird der Steu­er­zah­ler, der aber ge­ra­de nicht von die­sem kon­kre­ten Er­schlie­ßungs­vor­teil par­ti­zi­piert, be­las­tet.

Nach der Ora­ni­en­bur­ger Stra­ßen­bau­bei­trags­sat­zung über­nimmt die Stadt bei An­lie­ger­stra­ßen 45 Pro­zent al­ler Aus­bau­kos­ten. Ist die Bad­stra­ße ei­ne An­lie­ger­stra­ße oder wird sie als Haupter­schlie­ßungs­stra­ße ein­ge­stuft, bei der die Stadt 70 Pro­zent der Kos­ten für die Fahr­bahn über­neh­men wür­de?

Nach dem Ver­kehrs­ent­wick­lungs­plan der Stadt Ora­ni­en­burg ist die Bad­stra­ße zwi­schen Ber­li­ner Stra­ße und Rhein­stra­ße als Haupter­schlie­ßung ein­ge­stuft, der Ab­schnitt zwi­schen Rhein­stra­ße und Ruhr­stra­ße als An­lie­ger­stra­ße. Bei Haupter­schlie­ßungs­stra­ßen be­trägt der Ge­mein­de­an­teil für die Fahr­bahn nach der der­zei­ti­gen Stra­ßen­bau­bei­trags­sat­zung 70 Pro­zent am bei­trags­fä­hi­gen Auf­wand. Der Ge­mein­de­an­teil für die erst­ma­li­ge Her­stel­lung der An­lie­ger­stra­ße be­läuft sich nach der der­zei­ti­gen Er­schlie­ßungs­bei­trags­sat­zung auf zehn Pro­zent.

Wie vie­le Stra­ßen wur­den in Ora­ni­en­burg schon nach KAG und der Stra­ßen­bau­bei­trags­sat­zung ab­ge­rech­net und mit wel­chen Sum­men?

2015 hat die Stadt über­schlä­gig 633 000 Eu­ro, 2016 rund 353 000 Eu­ro, 2017 rund 361 000 Eu­ro und 2018 zir­ka 509 000 ver­an­lagt.

Wie vie­le Stra­ßen wur­den nach Er­schlie­ßungs­recht ab­ge­rech­net und mit wel­chen Sum­men?

Die Stadt hat 2015 und 2016 kei­ne Er­schlie­ßungs­bei­trä­ge ver­an­lagt, 2017 über­schlä­gig 23 000 Eu­ro. Das ist der Tat­sa­che ge­schul­det, dass kei­ne erst­ma­li­ge Her­stel­lung von kom­plet­ten Er­schlie­ßungs­an­la­gen in den Vor­jah­ren er­folg­te. Die­ses Jahr ha­ben wir ei­ne Ver­an­la­gung von knapp 214 000 Eu­ro zu ver­zeich­nen. Für 2019 ist ei­ne Ein­nah­me aus Er­schlie­ßungs­bei­trä­gen in Hö­he von et­wa 770 000 Eu­ro im Haus­halt ver­an­schlagt, da in den Vor­jah­ren wie­der In­ves­ti­tio­nen er­folgt sind.

Könn­te die Stadt den Aus­bau von Stra­ßen auch oh­ne An­lie­ger­bei­trä­ge fi­nan­zie­ren oder müss­te das Land dann die aus­ge­fal­le­nen Sum­men er­set­zen?

An­hand der zu­vor ge­nann­ten Zah­len wird gut er­sicht­lich, dass die Ein­nah­men für den städ­ti­sche Haus­halt un­ver­zicht­bar sind. Oh­ne die­se Ein­nah­men kann die Ge­mein­de ih­re Selbst­ver­wal­tungs­auf­ga­be, Stra­ßen her­zu­stel­len und zu er­neu­ern, nicht mehr nach­kom­men. Soll­te das Land die Er­he­bung von Stra­ßen­bau­bei­trä­gen auf­he­ben, muss hier auch ei­ne Kom­pen­sa­ti­on für die aus­fal­len­den Bei­trä­ge sei­tens des Lan­des er­fol­gen. An­de­ren­falls wä­ren dann für den Stra­ßen­bau und die Si­che­rung des kom­mu­na­len An­la­ge­ver­mö­gens im Haus­halt er­heb­li­che Ein­schnit­te zu Las­ten an­de­rer kom­mu­na­ler Leis­tun­gen vor­zu­neh­men.

Wä­re es auch denk­bar, die Bad­stra­ße nur im Be­reich zwi­schen Ber­li­ner Stra­ße und Rhein­stra­ße (dort ver­kehrt ei­ne Bus­li­nie) aus­zu­bau­en und den Ab­schnitt zwi­schen Rhein- und Ruhr­stra­ße, der im­mer­hin über ei­ne As­phalt­de­cke ver­fügt, so zu be­las­sen?

Si­cher­lich ist das denk­bar. Es ist je­doch nicht Auf­ga­be der Ver­wal­tung, hier­über zu ent­schei­den, son­dern die der Politik. Es gibt ei­nen Haus­halt, mit dem die Politik den Aus­bau der Bad­stra­ße und die Ver­an­la­gung von Stra­ßen­bau­bei­trä­gen in­zi­dent be­schlos­sen hat.

Kommt der Aus­bau von Stra­ßen in Ora­ni­en­burg völ­lig zum Er­lie­gen, nach­dem der Haupt­aus­schuss ver­langt hat, dass auf ei­ne Aus­schrei­bung der Bau­leis­tun­gen in den kom­men­den sechs Mo­na­ten ver­zich­tet wer­den soll?

Der Aus­bau der Stra­ßen kommt nicht völ­lig zum Er­lie­gen. Lau­fen­de Bau­maß­nah­men wer­den wei­ter­lau­fen. Zu­dem wer­den die Pla­nungs­leis­tun­gen für im Haus­halts­plan der kom­men­den Jah­re vor­ge­se­he­ne Bau­maß­nah­men eben­falls er­bracht. Ein Aus­schrei­bungs­stopp für Bau­leis­tun­gen für ei­ne be­grenz­te Zeit­span­ne wür­de den Aus­bau der Stra­ßen je­doch merk­lich ver­zö­gern.

Rech­nen Sie da­mit, dass der Lan­des­ge­setz­ge­ber die Stra­ßen­bau­bei­trä­ge nach KAG im kom­men­den Jahr kip­pen könn­te?

Wenn man die bun­des­wei­te Dis­kus­si­on zu die­sem The­ma ver­folgt, könn­te es sein. Ich möch­te aber nicht ora­keln.

Fo­to: Klaus D. Gro­te

Er­läu­tert die Po­si­ti­on der Ver­wal­tung: Ora­ni­en­burgs Bau­de­zer­nent Frank Ol­ters­dorf

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