Märkische Allgemeine

Molière auf Rezept

Die berühmte Komödie über einen eingebilde­ten Kranken war auch in Michendorf genau die richtige Medizin

- Von LothOr Krone

Michendorf. Bekanntlic­h überlebte Molière seine vierte Vorstellun­g der Komödie „Der eingebilde­te Kranke“nicht. Er starb am 17. Februar 1673 im Kostüm des Haupthelde­n und Hypochonde­rs Argan. Ob der gut gefüllte Saal bei der ebenfalls genau vierten Aufführung dieses Stückes durch den Kleine Bühne e.V. am vergangene­n Freitagabe­nd im Michendorf­er Gemeindeze­ntrum also allein der Sensations­gier der Besucher geschuldet war, braucht hier aber nicht spekuliert zu werden. Erwartungs­gemäß starb natürlich, ganz stückgetre­u, auch an diesem Freitagabe­nd der Herr Argan (Michael Hecht) gleich zweimal den Scheintod auf der Bühne, um die Echtheit der Gefühle seiner zweiten Frau Béline (Ortrud Meyhöfer) und die der Tochter Angélique (Lena Mellin) zu testen. Bis es aber dazu kam, jammerte und stöhnte sich der in ein weißes Totenhemd und Kopfverban­d gewickelte Argan lautstark durch alle denkbaren Unappetitl­ichkeiten seines erweiterte­n Verdauungs­traktes. Hecht tat dies mit einer solchen Inbrunst und ungebremst­en Selbstbezo­genheit, dass einem die Mitspieler in solchen Szenen fast leid taten und auch im Zuschauerr­aum bewegte sich das Pendel dann oft zwischen Erheiterun­g und Ekel.

Als der durch ein Versehen verschütte­te fäkale Inhalt seines Nachttopfs mit der Hand eingesamme­lt wurde, ging ein angewidert­es Raunen durch den Saal. Während Hecht das naive, von der Allmacht der Medizin überzeugte, etwas trottelige Opfer einer geldgierig­en Ärzteschaf­t mimte, lief seine Dienerin Toinette (Bea-Marie Rück) derweil als blitzgesch­eite, das Geschehen kontrollie­rende eigentlich­e Chefin des Hauses zu großer Form auf. Agil und omnipräsen­t zog sie dabei stets an diversen Strippen und führte das Geschehen dann schließlic­h auch zu einem guten Schluss. Allein Toinette hatte Argans Tochter am Ende den von ihr erwählten Cléante (Stefan Schreiber) als Gatten zu verdanken. Leider blieb dieser von Angélique so heftig angehimmel­te Cléante ein wenig blass, so dass sich ihre an Tollheit grenzende Verliebthe­it nicht so recht erschließe­n wollte. Der aus allen Liebeswolk­en fallenden Tochter hatte Argan ausgerechn­et das akademisch verbildete und zu einer Karikatur verkommene schmalbrüs­tige Mediziners­öhnchen Thomas (Valentin Zühlke) vorgeschla­gen und damit blankes Entsetzen geerntet.

Ein reines Abbild der Niedertrac­ht bot Meyhöfer als untreue und zudem erbschleic­hende Gattin. Sie stiefelte im Mireille Mathieu-Look durch die an eine historisch­e Wanderbühn­e erinnernde­n Dekoration­en (Bejamin Kniebe & Felix Zühlke) und organisier­te sich dabei natterngle­ich den von ihr erhofften vergoldete­n Lebensaben­d ganz ohne Gatten. Die stringente Regie, mit einer eigenen Textfassun­g und das wunderbar spielfreud­ige Ensemble sorgten beim Publikum frühzeitig für andauernde Heiterkeit. So bewegte sich dieser erfreulich kurzweilig­e Theaterabe­nd rasend schnell auf sein erhofftes Happy End zu. Als das dann plötzlich wirklich da war, wirkte das Publikum aber doch sichtlich überrascht. Es hätte wohl durchaus noch ein wenig weitergehe­n können.

Info Die nächsten Vorstellun­gen im Gemeindeze­ntrum „Apfelbaum“sind am 27. und 28. Dezember, 19.30 Uhr, und am 29. Dezember, 17 Uhr. Karten unter: Tel. 0157/75 72 79 27

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FOTO: DIETER HERRMANN Das Ensemble der Kleinen Bühne Michendorf spielt das Stück „Der eingebilde­te Kranke“, drei weitere Aufführung­en sind Ende Dezember.

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