Märkische Allgemeine

Waldpapst Wohlleben: Tesla sollte auf dem Acker bauen

Der Bestseller-Autor bezeichnet es als paradox, Vegetation für die Herstellun­g von Elektroaut­os zu vernichten – Kritik auch an Monokultur­en in Brandenbur­g

- Von Karim Saab

Deutschlan­ds bekanntest­er Waldexpert­e Peter Wohlleben rügt Brandenbur­g wegen der Rodung eines Kiefernbes­tands für die neue TeslaFabri­k in Grünheide (Oder-Spree).

Potsdam. Er ist Deutschlan­ds bekanntest­er Waldexpert­e: Peter Wohlleben, Autor des Bestseller­s „Das geheime Leben der Bäume“. Am Montag präsentier­te er in Potsdam die Verfilmung des Sachbuchs, die am Donnerstag in den Kinos anläuft. Am Rande der Veranstalt­ung im Kino „Thalia“äußerte sich Wohlleben auch zur umstritten­en Rodung eines Kiefernwal­des in Grünheide (Oder-Spree). Dort soll eine sogenannte Giga-Fabrik des amerikanis­chen E-Autoherste­llers Tesla entstehen.

„Schade ist es um jeden Wald“, so Wohlleben gegenüber der MAZ. Er sei absoluter Elektrowag­en-Fan. „Aber dafür die klimaschüt­zende Vegetation abzuholzen, ist paradox.“Brandenbur­g opfere den Wald, weil das planerisch am leichteste­n sei, weil er allein dem Land gehöre. Für ein Areal aus vielen Parzellen von verschiede­nen Eigentümer­n hätte man mehr Zeit einplanen müssen.

Wohlleben betonte, der Bau der Tesla-Fabrik sei aus seiner Sicht völlig in Ordnung. „Aber ich sage: Macht das doch bitte auf dem Acker. Wenn wir alle etwas weniger Fleisch essen würden, bräuchten wir auch nicht so viel landwirtsc­haftliche Nutzfläche. Aber einen bestehende­n Wald für eine Fabrik zu roden, das ist 19. Jahrhunder­t!“

Bereits 2019 hatten andere Naturschüt­zer appelliert, bei aller Freude über die Milliarden­investitio­n die Belange der Tier- und Pflanzenwe­lt ausreichen­d zu berücksich­tigen. Und Tesla scheint diesen Appell ernst zu nehmen. Die Brandenbur­ger Landesregi­erung gab bekannt, dass der amerikanis­che EAutoherst­eller die dreifache Menge des gerodeten Waldes wieder aufforsten lassen will.

Doch welche Qualität wird dieser Wald haben? Für Wohlleben ist Wald nicht gleich Wald, das ist der Kern seiner Botschaft. Plantagenw­älder aus relativ schnell wachsenden Nadelgehöl­zen lehnt der Diplom-Forstingen­ieur ab. Ein solcher Wald wird für das Tesla-Werk gerodet. Die Rede ist von mehreren hunderttau­send Bäumen auf 90 Hektar. „Aber ein Kiefernwal­d ist besser als kein Wald“, so Wohlleben.

Monokultur­en seien durch Trockenhei­t, Schädlinge und Waldbrände besonders gefährdet. Die meisten Nadelbäume, betont Wohlleben, sind in Deutschlan­d nicht heimisch. Deshalb habe es mit Kiefern, Fichten und Douglasien hierzuland­e immer schon Probleme etwa durch Borkenkäfe­r oder Stürme gegeben. In seinem Film, der mit hochintere­ssanten und wunderschö­nen Landschaft­saufnahmen aufwartet, erklärt Wohlleben eindringli­ch, warum er gerade in Zeiten des Klimawande­ls Laubbäume für die bessere Wahl hält. Forschunge­n hätten gezeigt, dass alte Laubwälder im Vergleich zur offenen Landschaft um etwa zehn Grad herunterkü­hlten, im Vergleich zu Städten sogar um 15 Grad. „Wenn Sie also in Berlin 40 Grad haben, dann ist es daneben in einem alten Buchenwald nur 25 Grad warm.“

Brandenbur­gs Forst-Verwaltung kommt in seinem Film denkbar schlecht weg. Wohllebens Kritik kratzt um so mehr am Image des Landes, da er ansonsten viel Optimismus versprüht. Zum Ende sieht man den groß gewachsene­n Mann in einem sechs Quadratkil­ometer großen Forst bei Treuenbrie­tzen zwischen verkohlten Baumstämme­n stehen. Statt die Ascheschic­ht und die verkohlten Stämme als Feuchtigke­itsbinder zu belassen und einen Mischwald anzupflanz­en, wurden hier Forstfläch­en planiert und mit staatliche­r Unterstütz­ung eine neue Fichtenpla­ntage angelegt. Wohlleben prophezeit­e den Setzlingen kein langes Leben.

Die Differenze­n zwischen Wohllebens Positionen und den Praktiken der Holz- und Forstwirts­chaft kamen gestern auch in Braunschwe­ig zur Sprache. Dort weigerten sich die Niedersäch­sischen Landesfors­ten im Zusammenha­ng mit Wohllebens Film öffentlich aufzutrete­n, berichtete die Braunschwe­iger Zeitung. Zentrale Aussagen Wohllebens widerspräc­hen wissenscha­ftlich belegten Erkenntnis­sen, so die Begründung.

Als Beispiele hierfür wurden die „zahlreiche­n Vermenschl­ichungen“in Wohllebens Argumentat­ion angeführt. So spreche der Autor etwa von „der Buche und ihren Kindern“. Zwar seien anschaulic­he Vergleiche durchaus legitim. „Jedoch zwischen den Bäumen eine soziale Mutter-Kind-Beziehung zu zeichnen, ist schlicht falsch“, sagte Sprecher Mathias Aßmann. „Ab dem Punkt, an dem die Samen keimen und wachsen, ist es ein knallharte­r Kampf ums Überleben.“

Ein Kiefernwal­d ist besser als kein Wald.

Peter Wohlleben, Forstexper­te

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FOTO: CONSTANTIN FILM/DPA Peter Wohlleben in einer Szene des Films „Das geheime Leben der Bäume“, der morgen in den Kinos anläuft.

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