Hel­den der Sonn­tags­re­den

Märkische Allgemeine - - BLICKPUNKT - Von Tim Szent-Ivanyi

Pfle­ge­rin­nen und Pfle­ger be­kom­men in der Pan­de­mie so viel Auf­merk­sam­keit wie noch nie. Po­li­ti­ker al­ler Cou­leur for­dern bes­se­re Be­zah­lung und mehr Per­so­nal. Doch der Weg da­hin ist müh­sam – und könn­te für die Ver­si­cher­ten am En­de stei­gen­de Bei­trä­ge be­deu­ten.

Nein, Jam­mern sei sei­ne Sa­che nicht. Ihm ma­che der Job Spaß. Aber Co­ro­na ha­be die Ar­beits­be­las­tung noch ein­mal er­höht, sagt Christoff Burck­hardt, der in ei­nem pri­va­ten Pfle­ge­heim in Thü­rin­gen ar­bei­tet. „Ver­su­chen Sie ein­mal, ei­nem De­menz­kran­ken be­greif­lich zu ma­chen, dass er Ab­stand hal­ten muss und sein Zim­mer nicht ver­las­sen darf“, sagt der 40-Jäh­ri­ge.

Schon vor der Pan­de­mie sei die Ar­beit kaum zu schaf­fen ge­we­sen, ob­wohl in vie­len Fäl­len die An­ge­hö­ri­gen bei Be­su­chen mit­ge­hol­fen hät­ten. „Durch die Be­suchs­be­schrän­kun­gen fällt auch das oft weg“, be­rich­tet der Al­ten­pfle­ger, der sei­nen rich­ti­gen Na­men nicht ver­öf­fent­licht se­hen möch­te. „Da­zu kommt die stän­di­ge Sor­ge, dass man durch un­vor­sich­ti­ges Ver­hal­ten selbst Be­woh­ner an­steckt und dann schuld am Tod von Men­schen ist“, sagt Burck­hardt: „Das ist ei­ne enor­me psy­chi­sche Be­las­tung, die zu der kör­per­lich an­stren­gen­den Ar­beit noch da­zu kommt.“

Und das bei un­ter­durch­schnitt­li­cher Be­zah­lung. 40 St­un­den ar­bei­tet Al­ten­pfle­ge­fach­kraft Burck­hardt pro Wo­che. Am En­de des Mo­nats be­kommt er brut­to et­wa 2400 Eu­ro. Das liegt fast 1000 Eu­ro un­ter dem mitt­le­ren Ein­kom­men von Fach­kräf­ten in Deutsch­land. Im Wes­ten sieht es bei der Be­zah­lung von Al­ten­pfle­gern zwar et­was bes­ser aus, aber auch dort sind die Ge­häl­ter un­ter­durch­schnitt­lich.

Das soll sich än­dern. Da sind sich in­zwi­schen al­le ei­nig. Zu Be­ginn der Co­ro­na-Kri­se ha­ben auch in Deutsch­land Tau­sen­de den Pfle­ge­kräf­ten vom Bal­kon aus Ap­plaus ge­spen­det.

„Bei­fall ist schön, aber mehr Geld und bes­se­re Ar­beits­be­din­gun­gen wä­ren mir lie­ber“, so re­agier­te ei­ne Al­ten­pfle­ge­rin bei Face­book auf die Ak­ti­on von Bür­gern und er­hielt viel Zu­stim­mung von ih­ren Kol­le­gen. Seit zehn Jah­ren dis­ku­tie­re das Land über den Pfle­ge­not­stand, doch pas­siert sei bis­her nichts.

Die Co­ro­na-Pan­de­mie soll nun die Wen­de brin­gen. Nie zu­vor stand der Pfle­ge­be­ruf so im Fo­kus der Öf­fent­lich­keit wie jetzt. Das Land dis

Bei­fall ist schön, aber mehr Geld und bes­se­re Ar­beits­be­din­gun­gen wä­ren mir lie­ber.

Al­ten­pfle­ge­rin

in ei­nem Face­book-Bei­trag

ku­tiert in­ten­si­ver denn je über die Fra­ge, was gu­te Pfle­ge wert ist und wie sich der Fach­kräf­te­man­gel in die­ser im­mer wich­ti­ger wer­den­den Bran­che be­he­ben lässt.

Der Vor­wurf, bis­her sei nichts pas­siert, stimmt al­ler­dings nicht. Es geht lang­sam, aber er­kenn­bar vor­an. Uni­on und SPD ha­ben in ih­rem Ko­ali­ti­ons­ver­trag auf Druck der So­zi­al­de­mo­kra­ten ver­ein­bart, da­für zu sor­gen, dass „Ta­rif­ver­trä­ge in der Al­ten­pfle­ge flä­chen­de­ckend zur An­wen­dung kom­men“.

Doch die Bran­che ist stark zer­split­tert und un­über­sicht­lich. Es gibt mehr als 14000 Hei­me und 13 000 am­bu­lan­te Pfle­ge­diens­te, in de­nen mehr als 1,1 Mil­lio­nen Be­schäf­tig­te ar­bei­ten. Auf dem Markt tum­meln sich ge­mein­nüt­zi­ge An­bie­ter wie die Ar­bei­ter­wohl­fahrt (AWO) oder das Deut­sche Ro­te Kreuz (DRK), kirch­li­che Trä­ger wie die Ca­ri­tas oder die Dia­ko­nie, kom­mu­na­le Be­trie­be und pri­va­te Un­ter­neh­men.

Zu den Be­son­der­hei­ten zählt, dass kaum ein Be­schäf­tig­ter ge­werk­schaft­lich or­ga­ni­siert ist. Ex­per­ten er­klä­ren das un­ter an­de­rem mit der Ein­stel­lung vie­ler Pfle­ge­kräf­te zu ih­rem Be­ruf: Vie­le be­trach­te­ten das Ein­tre­ten für die ei­ge­nen Rech­te als mög­li­chen Ver­rat an den Hilfs­be­dürf­ti­gen, die sie be­treu­en. Hin­zu kommt ei­ne ex­trem ho­he Teil­zeit­quo­te von rund 70 Pro­zent, was of­fen­bar den Kol­lek­tiv­geist dämpft. Le­dig­lich ein Fünf­tel der Be­schäf­tig­ten kommt in den Ge­nuss von Ta­rif­ver­trä­gen. Das sind in der Re­gel nur je­ne, die bei kom­mu­na­len und ge­mein­nüt­zi­gen Hei­men und Di­ens­ten an­ge­stellt sind.

Das soll sich än­dern. Bis zu 3000 Eu­ro für ei­ne Voll­zeit­kraft – das soll­te auch in der Al­ten­pfle­ge mög­lich sein, hat­te Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn be­reits im Herbst 2018 als De­vi­se aus­ge­ge­ben. Die ge­setz­li­chen Grund­la­gen für flä­chen­de­cken­de Ta­rif­ver­trä­ge ha­ben Uni­on und SPD ge­schaf­fen. Grund­sätz­lich soll es lau­fen wie auf dem Bau: Ar­beit­ge­ber und Ge­werk­schaft ver­han­deln ei­nen Ta­rif­ver­trag für ei­nen Groß­teil der Be­schäf­tig­ten, der dann auf die ge­sam­te Bran­che aus­ge­wei­tet wird.

Ei­ne zer­split­ter­te Bran­che

Für die Pfle­ge muss­te je­doch ein Son­der­weg ge­fun­den wer­den, denn es fehl­te auf­sei­ten der Ar­beit­ge­ber zu­nächst schlicht ein Ver­hand­lungs­part­ner für ei­nen Ta­rif­ver­trag. Die Ar­beit­ge­ber der pri­va­ten Ein­rich­tun­gen un­ter Füh­rung des frü­he­ren FDP-Po­li­ti­kers Rai­ner Brü­der­le fal­len aus, da sie Ta­rif­ver­trä­ge strikt ab­leh­nen. Die kirch­li­chen Trä­ger, die ein wei­te­res Drit­tel al­ler Ein­rich­tun­gen be­trei­ben, schlie­ßen grund­sätz­lich kei­ne Ta­rif­ver­trä­ge ab, weil die Kir­chen nicht dem nor­ma­len Ar­beits­recht un­ter­lie­gen, son­dern den so­ge­nann­ten drit­ten Weg prak­ti­zie­ren. Er sieht kein Streik­recht vor und kennt auch kei­ne un­ab­hän­gi­ge Sch­lich­tung.

In müh­sa­men Ver­hand­lun­gen ge­lang es aber, ei­ne aus­rei­chend gro­ße Ko­ali­ti­on der Wil­li­gen zu for­men. Im Som­mer wur­de ein neu­er Ar­beit­ge­ber­ver­band ge­grün­det, der Pfle­ge­an­bie­ter und Wohl­fahrts­or­ga­ni­sa­tio­nen wie den Ar­bei­ter-Sa­ma­ri­ter-Bund (ASB), die Ar­bei­ter­wohl­fahrt (AWO), die Volks­so­li­da­ri­tät und den Pa­ri­tä­ti­schen Ge­samt­ver­band ver­tritt. Ca­ri­tas und Dia­ko­nie sind über ein spe­zi­el­les Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren ein­be­zo­gen.

Der Ver­band ver­han­delt nun seit Herbst mit der Ge­werk­schaft Ver­di über ei­nen bun­des­wei­ten Ta­rif­ver­trag. Bis­her gab es vier Run­den, ein Ab­schluss soll bis zum Som­mer er­reicht wer­den. „Das ist ei­ne sehr schwie­ri­ge Auf­ga­be, weil es hier nicht nur um die In­ter­es­sen der bei­den Ver­hand­lungs­part­ner geht“, heißt es bei Ver­di. Ein Ta­rif­ver­trag muss nicht nur von den Kir­chen mit­ge­tra­gen wer­den. Er braucht auch die Un­ter­stüt­zung von Ar­beits­mi­nis­ter Hu­ber­tus Heil (SPD), weil der nur ei­nen recht­lich ab­so­lut was­ser­dich­ten Ver­tag für all­ge­mein­ver­bind­lich er­klä­ren kann. Die pri­va­ten Ar­beit­ge­ber ha­ben an­ge­kün­digt, ge­gen ei­ne Aus­wei­tung auf die ge­sam­te Bran­che bis vor das Ver­fas­sungs­ge­richt zu zie­hen.

Zu­nächst hat der Brü­der­le-Ver­band aber mit ei­ner Art Umar­mungs­stra­te­gie ver­sucht, ei­nen Ta­rif­ver­trag zu ver­hin­dern. En­de Ja­nu­ar stimm­ten die pri­va­ten Ar­beit­ge­ber in der pa­ri­tä­tisch be­setz­ten Pfle­ge­kom­mis­si­on neu­en Min­dest­löh­nen in ei­nem Um­fang zu, der selbst die Ge­werk­schaf­ten über­rascht hat. Da­nach steigt nicht nur die Lohn­un­ter­gren­ze für un­ge­lern­te Pfle­ge­kräf­te kräf­tig an. Erst­mals gibt es auch für aus­ge­bil­de­te Fach­kräf­te ei­nen Min­dest­lohn, der bis 2022 auf ein­heit­lich 15,40 Eu­ro steigt – das ent­spricht bei ei­ner 40-St­un­den-Wo­che ei­nem Mo­nats­brut­to von 2678 Eu­ro. Das wä­ren für Al­ten­pfle­ger Burck­hardt im­mer­hin fast 300 Eu­ro mehr als heu­te.

Ein Ta­rif­ver­trag wird da­mit aber nach An­sicht der Ge­werk­schaft nicht über­flüs­sig. „Ein St­un­den­lohn von 15,40 ist noch lan­ge nicht an­ge­mes­sen für die­se ver­ant­wor­tungs­vol­le und for­dern­de Tä­tig­keit“, sagt Ver­di-Vor­stand Syl­via Büh­ler. Der Maß­stab für Ver­di ist wei­ter­hin der Ta­rif­ver­trag für den öf­fent­li­chen Di­enst. Er sieht für Fach­kräf­te ein Ein­stiegs­ge­halt von 2830 Eu­ro vor. Auch Ar­beits­mi­nis­ter Hu­ber­tus Heil und Spahn hal­ten ei­nen Ta­rif­ver­trag wei­ter­hin für nö­tig.

Ei­nem Ar­gu­ment von Brü­der­le kön­nen sie sich al­ler­dings nicht ver­schlie­ßen: „Wenn die Bun­des­re­gie­rung hö­he­re Ge­häl­ter für Pfle­ge­kräf­te durch­set­zen will, muss sie zu­nächst klä­ren, wer die­se be­zah­len soll.“Un­strit­tig ist, dass flä­chen­de­cken­de Ta­rif­ver­trä­ge und ein bes­se­rer Per­so­nal­schlüs­sel in den Hei­men die Kos­ten stark nach oben trei­ben wer­den. Ge­schätzt wer­den bis zu 10 Mil­li­ar­den Eu­ro.

Hö­he­rer Lohn, hö­he­re Bei­trä­ge

Ge­schieht nichts, wer­den die oh­ne­hin ho­hen Ei­gen­an­tei­le der Heim­be­woh­ner mas­siv stei­gen. Im Durch­schnitt lie­gen sie schon heu­te bei fast 2000 Eu­ro im Mo­nat. SPD, Lin­ke und Grü­ne hal­ten ei­ne wei­te­re Stei­ge­rung für un­ver­tret­bar.

Dis­ku­tiert wird ein Mo­dell, bei dem ne­ben ei­nem Bei­trags­an­stieg in der Pfle­ge­ver­si­che­rung Steu­er­gel­der nö­tig sind. Die Idee: Bis­her zahlt die Pfle­ge­ver­si­che­rung ei­nen fes­ten Be­trag und der Ver­si­cher­te den (un­ge­de­ckel­ten) Rest. Die Rei­hen­fol­ge soll um­ge­dreht wer­den: Der Ver­si­cher­te zahlt ei­nen fi­xen Be­trag, die Pfle­ge­ver­si­che­rung über­nimmt al­le üb­ri­gen Kos­ten .

Spahn hat­te ei­gent­lich ge­plant, das The­ma im Früh­jahr auf die Agen­da zu set­zen und bis Som­mer ei­nen Vor­schlag vor­zu­le­gen. Die Pan­de­mie hat das bis­her ver­hin­dert. Zu­vor hat­te er schon er­ken­nen las­sen, dass er nicht viel von dem Mo­dell hält. Spahn will eher ge­zielt die­je­ni­gen ent­las­ten, die sehr lan­ge ge­pflegt wer­den müs­sen.

Al­ten­pfle­ger Burck­hardt sieht zwar das gro­ße Gan­ze, will aber nicht noch län­ger auf bes­se­re Ar­beits­be­din­gun­gen war­ten. „Trotz der neu­en Hy­gie­ne­re­geln be­kom­men wir im­mer noch kei­ne Ar­beits­klei­dung ge­stellt, son­dern müs­sen in un­se­ren ei­ge­nen, selbst ge­wa­sche­nen Sa­chen im Heim her­um­lau­fen.“

Wenn die Bun­des­re­gie­rung hö­he­re Ge­häl­ter für Pfle­ge­kräf­te durch­set­zen will, muss sie zu­nächst klä­ren, wer die­se be­zah­len soll.

Rai­ner Brü­der­le,

Bun­des­ver­band pri­va­ter An­bie­ter so­zia­ler Di­ens­te

„Sys­tem­re­le­vant“: Ei­ne Pfle­ge­rin de­mons­triert in Ber­lin für mehr Geld und bes­se­re Ar­beits­be­din­gun­gen.

Co­ro­na-Gruß: Al­ten­pfle­ge­rin Jaque­line Acker­mann und Be­woh­ne­rin Ka­rin Pla­ge­mann be­grü­ßen sich per Fuß in ei­nem Al­ten­heim in Kiel.

Ge­gen Ge­winn­ma­xi­mie­rung und für ei­ne ge­setz­li­che Per­so­nal­be­mes­sung: Pfle­ge­kräf­te beim Pro­test in Ber­lin.

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