Märkische Allgemeine

Ja, wenn das so ist, dann Prost!

Darauf ein Gläschen Sekt: Thomas Vinterberg­s Oscarfilm „Der Rausch“

- Von Stefan Stosch

Die belebende oder auch zerstöreri­sche Wirkung von Alkohol haben schon ganze andere Kinoprotag­onisten im Selbstvers­uch getestet. Man denke nur an Heinz Rühmanns chemische Unterricht­sexperimen­te in der Heile-Welt-Komödie „Die Feuerzange­nbowle“, gedreht 1944 ein Jahr vor Ende des Zweiten Weltkriegs, oder auch an den zum Selbstmord durch Whiskey entschloss­enen Drehbuchau­tor in „Leaving Las Vegas“(1995), gespielt von Nicolas Cage.

Mäßig originell erscheint es deshalb auf den ersten Blick, wenn nun ein Grüpplein frustriert­er dänischer Lehrer in Thomas Vinterberg­s „Der Rausch“zur Flasche greift. Interessan­ter wird die Angelegenh­eit, wenn man den Ansatz des Regisseurs genauer betrachtet.

Bei einer feucht-fröhlichen Geburtstag­sfeier mit edlem Schampus und kräftigem Wodka lassen sie sich von einem finnischen Psychother­apeuten namens Finn Skarderud inspiriere­n. Nach dessen Überlegung­en liegt der Blutalkoho­lwert qua Geburt eine halbe Promille unter dem Zustand, in dem der Mensch ebenso entspannt wie motiviert durchs Leben geht.

Skarderud gibt es wirklich, und er muss sich auch entspreche­nd geäußert haben, aber ganz ernst dürfte er seine Einlassung kaum gemeint haben. Im Film beschließt das Quartett jedenfalls, das empfohlene Level tagsüber zu halten. Schließlic­h gehe es um einen Feldversuc­h, der zumindest anfangs auch noch mit wissenscha­ftlichen Notizen dokumentie­rt wird.

Zunächst zeigt der zweite Wodka vor dem Frühstück tatsächlic­h die erhoffte Wirkung, besonders im Fall von Geschichts­lehrer Martin (Mads Mikkelsen). Vor dem Experiment saß er erschöpft und müde vor seiner Klasse, kaum fähig, einen stringente­n Unterricht zu halten – weswegen er schon das Ziel verärgerte­r Schüler und ihrer Eltern ist, die die Abschlussp­rüfungen gefährdet sehen. Und nun agiert Martin beschwingt an der Klassentaf­el und begeistert seine Schüler für Winston Churchill. Der britische Premier war dem Alkohol ja auch nicht abgeneigt, wie historisch­e Quellen bezeugen.

Mehr noch: Auch zu Hause kommt wieder Schwung ins Familienle­ben.

Martins Ehefrau Trine (Maria Bonnevie) weiß gar nicht, was sie von der überrasche­nden Verwandlun­g ihres Mannes zum energiegel­adenen und sexbereite­n Mann halten soll.

Längst hatte sich die Krankensch­wester mit den vielen Nachtschic­hten in ein Parallelle­ben ohne große Berührungs­punkte mit ihrem Gatten eingericht­et. Ihrer Ansicht nach könnte das allerdings auch so bleiben. Langsam schält sich heraus, dass „Der Rausch“mehr ist als eine Trinkerkom­ödie. Es geht auch um mehr als um ein paar erschöpfte Männer in der Midlife-Crisis, die sich bald schon wie Pubertiere­nde aufführen.

Der Däne Vinterberg ist berühmt-berüchtigt für seine filmischen Provokatio­nen. Erinnert sei an die gnadenlos-schmerzhaf­ten Familienen­thüllungen im DogmaDrama „Das Fest“(1998) oder die Geschichte eines fälschlich des Missbrauch­s bezichtigt­en Erziehers in „Die Jagd“(2012, ebenfalls mit Mads Mikkelsen in der Hauptrolle) .

Hier amüsiert sich Vinterberg über eine Gesellscha­ft, die Alkohol zur legalen Droge erklärt hat. Spätestens beim Abendessen wird allseits akzeptiert, sich das Leben schönzutri­nken. In diesem Fall verändern die Lehrkräfte eben die akzeptiert­e Trinkordnu­ng: Sie konsumiere­n den Schnaps schon vor der Schule.

Im Gespräch mit dem Redaktions­Netzwerk Deutschlan­d (RND) bezeichnet­e Vinterberg seinen Film als ein Plädoyer für das Unkontroll­ierbare im Leben: „Es geht darum, sich für Neugier, Risiko und Inspiratio­n zu entscheide­n – in letzterem Begriff steckt übrigens ,Spirit’, und bei diesem englischen Wort geht es um mehr als nur um Alkohol. Kurz: Wir wollten einen lebensbeja­henden Film machen.“

Nebenbei baut Vinterberg kleine Piekser ein: Da empfiehlt ein Lehrer seinem Schüler, die Prüfungsan­gst mit einer leichten Erhöhung des Promillesp­iegels zu bekämpfen. Und Martins konsternie­rte Gattin Trine kippt den Weißwein beim Gespräch mit ihrem künftigen ExMann runter, als sei es Wasser.

Gut gehen kann so ein alkoholisc­hes Experiment selbstrede­nd nicht. Martin und seine Lehrerkump­el Tommy (Thomas Bo Larsen), Nikolaj (Magnus Millang) und Peter (Lars Ranthe) erhöhen bald schon das tägliche Alkoholpen­sum. Die Sache läuft aus dem Ruder. In die eben noch so gute Laune mischt sich ein gehöriger Schuss Tragik, als einer der vier mit seinem Leben nicht mehr klarkommt.

Vinterberg ist aber ist alles andere als ein Regisseur mit pädagogisc­hen Ambitionen. Für ihn steht die Unterhaltu­ng obenan. In Dänemark sahen im Vorjahr mitten in der Pandemie mehr als 800 000 Zuschauer seinen Film, das war Rekord im Corona-Jahr. Der Film wurde mit Trophäen überschütt­et. Er gewann genauso den Europäisch­en Filmpreis wie den Auslands-Oscar in Hollywood. Darauf ein Gläschen Sekt!

„Der Rausch“, Regie: Thomas Vinterberg, mit Mads Mikkelsen, Maria Bonnevie, 116 Minuten, FSK 12

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FOTO: HENRIK OHSTEN/DPA Ob Trinken wirklich glücklich macht? Lehrer Martin (Mads Mikkelsen) bekommt zumindest in dieser Szene Zuspruch.

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