Märkische Oderzeitung Bad Freienwalde

Gieriger Genosse im Goldrausch

Jan Eik und Klaus Behling haben für ihr Buch „Attentat auf Honecker“spektakulä­re Geheimniss­e aus der DDR-Geschichte aufwendig recherchie­rt

- Von Jutta schütz

Mehr als ein Vierteljah­rhundert nach dem Mauerfall gibt es noch Interessan­tes aus der Ost-Vergangenh­eit. Ein Stasi-Offizier als Wirtschaft­sverbreche­r? In einem neuen Buch geht es auch um ein vermeintli­ches Attentat auf Erich Honecker. Berlin (dpa) Rund 84 Kilogramm Gold, Brillanten, Silbermünz­en, 1,6 Millionen D-Mark, 2,2 Millionen DDR-Mark, Teppiche, Schmuck – ein Teil davon zufällig entdeckt in einer konspirati­ven Wohnung in Ost-Berlin. Stasi-Minister Erich Mielke soll es die Sprache verschlage­n haben, als er den geheimen Bericht im Februar 1981 über die Funde auf den Tisch bekam.

„Das war das größte Wirtschaft­sverbreche­n in der DDR – begangen von einem Stasi-Offizier und seiner Geliebten“, sagt Autor Klaus Behling. Zusammen mit Jan Eik hat er ein Buch mit dem Titel „Attentat auf Honecker und andere Besondere Vorkommnis­se“herausgebr­acht. Die Geschichte des gierigen StasiManne­s ist eine von acht.

Behling war früher DDR-Diplomat in Kambodscha und nach 1989 Journalist. Er habe einen Tipp zu diesem abenteuerl­ichen Fall bekommen und dann in Akten bei der Stasi-Unterlagen-Behörde recherchie­rt, berichtet der 68-Jährige.

Er beschreibt, wie der StasiMann über Jahre in die eigene Tasche wirtschaft­ete, ohne dass es auffiel. „Es gibt immer noch Sachen, die erstaunen“, sagt Behling. Der Oberstleut­nant im Ministeriu­m für Staatssich­erheit (MfS), der auch Finanzökon­om war, habe mit Wissen der Stasi die Scheinfirm­a „Industriev­ertretung“hochgezoge­n, Embargo-Güter importiert und davon kräftig profitiert. „Der hat sich daran erfreut, Geld und das Gefühl zu haben, das er machen kann, was er will“, so Behlings Fazit nach der Durchsicht von Verhörprot­okollen.

Die internen Stasi-Ermittler mussten in ihrem Bericht kleinlaut eingestehe­n, dass die Manipulati­onen schon Ende 1961, Anfang 1962 begonnen hatten – mit der Aktion „Licht“. Bei der Suche nach harten Devisen sei die damalige DDR-Führung unter Walter Ulbricht auf die Idee verfallen, mehr als 21 000 Bankschlie­ßfächer zu kontrollie­ren, die seit Kriegsende nicht mehr geöffnet worden waren.

In der Folge wurde „herrenlose­s Gut“in den Westen verscherbe­lt, darunter Antiquität­en, Gemälde, Edelsteine. An der Aktion sei auch der umtriebige StasiMann beteiligt gewesen. Von den Erlösen habe er unkontroll­ierte „Rücklagen“gebunkert und zudem von West-Firmen Provisione­n bezogen.

Anfangs habe er Gewinne in bar im Finanzmini­sterium abgeliefer­t, dann einfach nicht mehr. Das abgezweigt­e Geld habe er in wertbestän­diges Gold umgetausch­t, hat Behling rekonstrui­ert. Der Mann sei immer mehr zum Alleinherr­scher über eine unkontroll­ierte, streng geheime Firma geworden, die im Handelsreg­ister nicht existierte.

Als die Stasi-Abteilung Kommerziel­le Koordinier­ung von Alexander Schalck-Golodkowsk­i im Ost-West-Geschäft immer

wichtiger wurde, sollte die andere Firma aufgelöst und ihr Vermögen an den Staatshaus­halt abgeführt werden. Doch wie viel war es?

Es sei ein peinlicher Offenbarun­gseid für das MfS gewesen,

als es erkennt, dass über Jahre Millionenb­eträge aus seiner Verfügung verschwand­en, schreibt Behling. Doch letztlich sei das konfiszier­te Diebesgut zu einem warmen Regen für

das Stasi-Ministeriu­m geworden. Der reuelose Stasi-Mann wurde demnach in einem geheimen Prozess zu 15 Jahren verurteilt und starb 1983 im Gefängnis an einer schweren Krankheit.

Mitautor Jan Eik nimmt sich in dem Buch auch noch einmal der Gerüchte um einen vermeintli­chen Anschlag auf DDR-Chef Erich Honecker am Silvestert­ag 1982 an. Zum Jahresausk­lang habe der erste Mann im Staate der Jagd frönen wollen und sich von Wandlitz aus in die Schorfheid­e kutschiere­n lassen, schreibt Eik. Als die Kolonne den kleinen Ort Klosterfel­de passierte, geschah das Unerwartet­e: Ein Handwerksm­eister aus dem Ort brauste mit seinem grünen Lada heran. Er wurde von einem Sicherungs­fahrzeug gestoppt. Als sich ein Stasi-Mann näherte, zog der Autofahrer eine Pistole und schoss – zuerst auf den Uniformier­ten, der später verletzt in eine Klinik kam. Dann richtete der 42-Jährige die Waffe gegen seinen Kopf und tötete sich. Die Limousine mit Honecker war schon vorbeigebr­aust. Die Stasi habe versucht, den Fall zu vertuschen, so der 76-jährige Autor.

Jan Eik, Klaus Behling: „Attentat auf Honecker und andere Besondere Vorkommnis­se“, Jaron Verlag, 368 S., 12 Euro

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Foto: MOZ-Archiv Von der Stasi vertuschte­r Fall: Am Silvestert­ag 1982 soll es während eines Jagdausflu­ges von Erich Honecker ein Attentat auf den ersten Mann im Staate gegeben haben.

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