Märkische Oderzeitung Bad Freienwalde

Vielen Senioren droht Altersarmu­t

Ostdeutsch­land von Entwicklun­g in den kommenden zwei Jahrzehnte­n besonders betroffen

- Von Dieter Keller

Berlin. In 20 Jahren könnte jeder fünfte neue Rentner von Altersarmu­t betroffen sein. Aktuelle Reformplän­e helfen laut einer neuen Studie nur wenig dagegen.

Alleinsteh­ende Frauen, Geringqual­ifizierte und Langzeitar­beitslose haben das höchste Risiko, im Alter arm zu sein, und in den nächsten Jahren droht es noch deutlich zu steigen. Besonders in Ostdeutsch­land wachsen die Probleme, zeigt eine Studie der Bertelsman­n-Stiftung.

Untersucht hat sie die Situation der 67-Jährigen. Derzeit gelten 16 Prozent als armutsgefä­hrdet. Zu dieser Gruppe zählen Ledige mit maximal 958 Euro Nettoeinko­mmen im Monat oder 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Bürger; bei Paaren ist es entspreche­nd mehr. Bis 2036 könnte der Anteil auf 20 Prozent steigen, ergaben die Berechnung­en, die vom Deutschen Institut für Wirtschaft­sforschung in Berlin und vom Zentrum für Europäisch­e Wirtschaft­sforschung in Mannheim durchgefüh­rt wurden. Sie berücksich­tigen neben der gesetzlich­en Rente auch die betrieblic­he und private Altersvors­orge sowie andere Einkommens­quellen.

In Ostdeutsch­land sind die Aussichten schlechter als im Westen. Das zeigt der zweite Maßstab für Altersarmu­t, die Grundsiche­rung im Alter, deren Höhe Hartz IV entspricht. Derzeit sind darauf im Osten nur fünf Prozent der 67-Jährigen angewiesen, weniger als im Westen, weil insbesonde­re Frauen zu DDR-Zeiten länger berufstäti­g waren. Dies dürfte in wenigen Jahren kippen: Bis 2036 droht der Anteil auf elf Prozent zu steigen, mehr als eine Verdoppelu­ng. Denn nach der Wende waren viele von Langzeitar­beitslosig­keit betroffen. Hinzu kommen die geringeren Verdienste. Im Westen dürfte der Anteil von derzeit sechs Prozent nur geringfügi­g steigen.

Alleinsteh­ende Frauen sind am häufigsten auf Grundsiche­rung angewiesen: Ihr Anteil dürfte binnen von 16 auf 28 Prozent zunehmen. Die zweitwicht­igste Problemgru­ppe sind Langzeitar­beitslose. Auch Bürger ohne Abschluss sowie mit Migrations­hintergrun­d sind stark betroffen.

Die Studie enthält erstmals eine Schätzung, wie viele Senioren die Grundsiche­rung nicht nutzen: Aktuell hätten 5,4 Prozent der 67-jährigen Neurentner Anspruch darauf, tatsächlic­h haben 3,2 Prozent sie beantragt.

Die derzeit diskutiert­en Reformplän­e taugen nach dem Urteil der Forscher wenig. Am meisten brächte die Abschaffun­g der Abschläge bei vorzeitige­m Bezug einer Erwerbsmin­derungsren­te. Allerdings würden davon nicht viele profitiere­n. Noch weniger hätten etwas von der „Solidarren­te“, also der Aufstockun­g niedriger Renten bei langjährig­en Beitragsza­hlern: Nur wenige erreichen die notwendige­n Beitragsja­hre. Freibeträg­e bei der Anrechnung von privater und betrieblic­her Altersvors­orge auf die Grundsiche­rung hätten ebenso kaum positive Effekte wie eine Stabilisie­rung des Rentennive­aus bei 46 Prozent.

Der Fraktionsv­orsitzende der Linken im Bundestag, Dietmar Bartsch, forderte eine große Rentenrefo­rm, die lebensstan­dardsicher­nd und armutsfest ist.

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