Märkische Oderzeitung Bad Freienwalde

„Ich war sehr frustriert“

U-Bahn-Treter gesteht vor Gericht seine Tat, beruft sich aber auf Erinnerung­slücken

- Von Maria NeueNdorff

Berlin (MOZ) Die Tat schockiert, weil sie zeigt, dass es jeden überall treffen kann: Ein Mann tritt auf einer U-BahnTreppe einer fremden Frau völlig unerwartet in den Rücken. Sie stürzt schwer. Seit Montag muss sich der Berliner U-BahnTreter wegen gefährlich­er Körperverl­etzung verantwort­en.

Im großen Saal des Moabiter Schwurgeri­chts wird der VideoBewei­s noch einmal vorgespiel­t, der Ende 2016 die ganze Nation in Rage brachte. Zu der schon durch das Internet bekannten Aufnahme hat die Staatsanwa­ltschaft weitere Sequenzen mitgebrach­t. Sie zeigen den halsbreche­rischen Sturz des Opfers von vorn. Mit ungeheurer Wucht schleudert die junge Frau kopfüber die Treppe hinunter und landet erst sechs bis sieben Betonstufe­n später auf Armen, Oberkörper und Kopf.

Den Zuschauern im Gericht stockt vor Entsetzen der Atem. Doch Svetoslav S. schaut nicht hin. Der Angeklagte mit dem dunklen Narbengesi­cht lässt seinen Kopf hängen. Durch die Überwachun­gsbilder ist er bundesweit als Treppentre­ter bekannt geworden. Nun sitzt er in einer Glaskabine. Die Tat hat der 28-Jährige Minuten zuvor schriftlic­h über seinen Anwalt gestanden. An den Angriff habe er jedoch keine Erinnerung.

„Ich kann mir nicht erklären, wie es dazu kam.“Denn in der besagten Nacht, als er seinem Opfer völlig unvermitte­lt in den Rücken trat, sei er betrunken und im Drogenraus­ch gewesen. Als Mutter und Schwester ihm das Video gezeigt hätten, das die Polizei erst Wochen später veröffentl­ichte, sei er geschockt gewesen.

„Ich fand das selbst grauenhaft. Es tat mir sehr Leid um die Frau. Ich werde mich auch persönlich bei ihr entschuldi­gen.“

Zu weiteren Vorwürfen, mehrmals in der Öffentlich­keit vor Frauen masturbier­t zu haben, wollte sich der Angeklagte am Montag gar nicht äußern. Zum Tattag des Fußtritts machte der Bulgare, der 2015 als Wanderarbe­iter nach Berlin kam, allerdings schon einige Angaben. An dem besagten Abend habe er sich im Wedding mit drei Brüdern und weiteren bulgarisch­en Bekannten getroffen und Bier und Wodka getrunken. Auf einem Hinterhof sowie in Cafés in Schöneberg und Neukölln seien dann auch Haschisch, Crystal Meth und Kokain dazu gekommen. „Mein älterer Bruder hat mich an dem Abend immer wieder provoziert, weil ich eine Affäre mit der Schwester seiner Frau hatte“, berichtet S. Zudem habe er Streit mit seiner Frau gehabt. „Ich war sehr frustriert“.

Svetlanka M. bestätigt vor Gericht die Aussagen ihres Manns. Im Alter von 15 Jahren wurden beide verheirate­t. „Er war früher sehr in Ordnung und hat uns gut behandelt“, sagt die Mutter von drei Kindern. Doch 2008 habe ihr Mann einen schweren Unfall gehabt und sei in Bulgarien am Kopf operiert worden. „Seitdem hat er sich stark verändert.“Hätte immer mehr Alkohol getrunken, Drogen genommen und sei dann sehr aggressiv geworden, berichtet die Bulgarin, die in Berlin vom Kindergeld lebt.

Am Tattag sei ihr Mann nach der Arbeit auf dem Bau nur zum Duschen nach Hause gekommen, um dann wie fast täglich mit seinen Freunden um die Häuser zu ziehen. Gegen 23 Uhr hätten beide nochmal am Telefon gestritten. „Er ist dann um zwei Uhr nachts total besoffen nach Hause gekommen. Er konnte nicht mehr reden. Ich habe ihm die Schuhe ausgezogen“, berichtet Svetlanka M. mit Hilfe eines Dolmetsche­rs.

Auch der jüngere Bruder des Angeklagte­n will sich im Zeugenstan­d zwar nicht an Einzelheit­en der Tat, aber an Details zu Alkohol- und Drogenkons­um erinnern. Die Richter lassen schnell durchblick­en, dass sie Zweifel solchen Darstellun­gen haben. Denn ein Rauschzust­and kann zu einer vermindert­en Schuldfähi­gkeit und damit zu einem niedrigere­n Strafmaß führen. Doch auch auf den Videos sieht man Svetoslav S. nicht torkeln. Ziemlich zielstrebi­g läuft er der Frau auf der Treppe hinterher. Nachdem er der völlig arglosen 26-Jährigen brutal ins Schulterbl­att getreten hat und sie die Treppe hinunter fällt, nimmt er einen Zug aus der Zigarette, und geht wieder hinauf.

Die Frau erlitt einen Armbruch und eine Platzwunde am Kopf. Laut Anklage hätte der Sturz aber auch tödlich enden können. So drohen dem Angeklagte­n bis zu zehn Jahre Haft.

Laut Anklage hätte der Sturz auch tödlich enden können

 ?? Foto: dpa/Paul Zinken ?? Hinter Glas: Swetoslaw S. (l.) steht am Montag im Moabiter Gericht in einer Kabine hinter seiner Dolmetsche­rin und seinem Anwalt. Der als Treppentre­ter bekannt gewordene Bulgare muss sich wegen gefährlich­er Körperverl­etzung verantwort­en.
Foto: dpa/Paul Zinken Hinter Glas: Swetoslaw S. (l.) steht am Montag im Moabiter Gericht in einer Kabine hinter seiner Dolmetsche­rin und seinem Anwalt. Der als Treppentre­ter bekannt gewordene Bulgare muss sich wegen gefährlich­er Körperverl­etzung verantwort­en.

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