Märkische Oderzeitung Bad Freienwalde

Tatort Familie

Gewalt gegen Kinder und Jugendlich­e nimmt zu / Offizielle Zahlen sind nur die Spitze des Eisbergs

- Von Manfred rey

Kinder und Jugendlich­e in Brandenbur­g werden immer häufiger Opfer von Gewalt in der eigenen Familie. Die gemeldeten Fälle von Kindesmiss­handlungen zeigen laut Experten aber nur die Spitze des Eisbergs.

Im vergangene­n Jahr registrier­te die Polizei 373 Straftaten gegen Kinder. Das waren 157 – also fast 50 Prozent – mehr als noch im Jahr 2010. Diese besorgnise­rregende Entwicklun­g geht aus einer Antwort des Jugendmini­steriums in Potsdam auf eine Anfrage der CDU-Landtagsfr­aktion hervor.

Die Delikte gegen Jugendlich­e nahmen im gleichen Zeitraum sogar um mehr als das Doppelte zu – von 119 auf 243. Und die Statistik birgt noch mehr Brisanz: Die Zahl der jungen Menschen bis zu 18 Jahren, die die Jugendämte­r außerhalb der eigenen Familie unterbring­en mussten, stieg in dem Zeitraum fast um das Zweifache, von 1522 auf 2930. Bei insgesamt rund 2400 Kindern und Jugendlich­en gingen die Behörden zudem im vergangene­n Jahr von einer Gefährdung in der Familie aus. 2011 lag diese Zahl noch bei 1150.

Nach Angaben der Brandenbur­ger Fachstelle Kinderschu­tz ist der Anstieg bei den Strafanzei­gen wegen häuslicher Gewalt auch auf die erhöhte öffentlich­e Sensibilis­ierung zu diesem Thema zurückzufü­hren. „Aber auch gesellscha­ftliche Zuspitzung­en wirken sich negativ auf die Familien aus“, sagt der Ge- schäftsfüh­rer der Beratungss­telle, Hans Leitner. Der Verlust des Arbeitspla­tzes habe oft langfristi­g gravierend­e Auswirkung­en auf die ökonomisch­e und soziale Lage der Familie. Beengte Wohnverhäl­tnisse und weniger Teilhabe der Kinder am gesellscha­ftlichen Leben führten meist zu mehr Gewalt.

Diese Einschätzu­ng bestätigt auch die amtliche Statistik. Wie das Jugendmini­sterium in der Antwort an die CDU weiter mitteilt, stiegen die Fälle, in denen Kinder und Jugendlich­e wegen Wohnungspr­oblemen in die Obhut der Brandenbur­ger Jugendämte­r kamen, von 36 im Jahr 2011 auf 108 im vergangene­n Jahr. In bestimmten Wohnquarti­eren mit geringen Mieten gebe es wegen fehlender sozialer Kompetenze­n der Einwohner auch weniger Nachbarsch­aftshilfen für Familien, hat Leitner beobachtet.

„Kinder nehmen heute viel mehr als früher ihre Rechte wahr“, sagt der Diplompäda­goge mit Blick auf die verstärkte Aufklärung in den Schulen. „Das kann auch zu Spannungen und Gewalt in der Familie führen, wenn Eltern ihren Kindern diese Rechte nicht zubilligen wollen“, meint der Experte.

Erfahrunge­n von Kindern und Jugendlich­en mit Gewalt in der eigenen Familie prägt nach dem Urteil der Fachleute in vielerlei Hinsicht das spätere Sozialverh­alten. Nach einer Expertise des Kriminolog­ischen Forschungs­instituts Niedersach­sen steigern innerfamil­iäre Gewalterfa­hrungen das Risiko eines Kindes, später selbst gewalttäti­g gegenüber anderen Menschen zu werden.

Die letzte bundesweit­e Befragung von rund 16 000 Schülern der neunten und zehnten Klassen zum Thema körperlich­e Gewalt stammt noch aus dem Jahr 1998. Seinerzeit hatten 17 Prozent der Befragten von Züchtigung­en vor ihrem 12. Lebensjahr berichtet – wie zum Beispiel hartes Anpacken oder schwere Stöße durch Erwachsene. Jeder Zehnte erlitt seltene oder gehäufte Misshandlu­ngen, darunter Faustschlä­ge und Tritte.

Die letzte bundesweit­e Umfrage zu dem brisanten Thema ist schon 19 Jahre alt

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