Märkische Oderzeitung Bad Freienwalde

Wahnsinnig­e Doktorspie­le

Staatsthea­ter Cottbus zeigt Oper „Wozzeck“mit einem grandiosen Andreas Jäpel

- Von uwe stiehler

Cottbus (MOZ) Mit dem Schmelz weicher Puccini-Musik kann man diese Geschichte nicht erzählen. Ein Mann verkauft sich für medizinisc­he Versuche. Die Experiment­e vernebeln ihm die Sinne. Und am Ende, als in seinem aufgeweich­ten Hirn die Unterschie­de zwischen Mensch und Molch verschwimm­en, schlitzt er seine Frau auf und denkt, das wird schon wieder. Dass Menschen nicht über die phänomenal­en Selbstheil­ungskräfte von Molchen verfügen, will sein zerrüttete­r Verstand nicht begreifen.

Georg Büchner erzählt diese Geschichte in seinem Dramenfrag­ment „Woyzeck“. Es ist ein Stück, mit dem er Jahrzehnte vor Gerhart Hauptmann, Thomas Mann und Arthur Schnitzler die Tore zur literarisc­hen Moderne aufstieß.

Denn er kettet es weder an einen bestimmten Ort noch an eine bestimmte Zeit, und er bohrt in Missstände­n, die bis heute nicht aus der Welt geschafft sind. Es

PREMIERENB­ERICHT

geht um eine Gesellscha­ft, in der sich jeder irgendwie verkaufen muss, und in der die ärmsten Hunde, die sonst nichts zu bieten haben, ihre körperlich­e Unversehrt­heit verschache­rn.

Alban Berg hat Büchners Fragment vor knapp 100 Jahren vertont. Zum ersten Mal gespielt wurde die Oper „Wozzeck“1925 in Berlin. Am Wochenende hatte sie am Staatsthea­ter Cottbus Premiere. Wozzeck deshalb, weil Karl Emil Franzos, der Büchners erste Werkausgab­e editierte, die Handschrif­t des Dichters nicht richtig entziffern konnte. Erst ab 1920 ist das Drama offiziell mit „Woyzeck“überschrie­ben.

Der Mensch, heißt es in dem Text, sei ein Abgrund, und es schwindle einen, wenn man da hinunter sieht. Und diese Atmosphäre einer Vorhölle, der Moder menschlich­er Wüstenei, gegeißelte Seelen, schreiende­r Stumpfsinn und wiehernder Irrsinn – das alles hat Alban Berg mit seiner Musik zu beschreibe­n versucht. Hätte Hitchcock „Woyceck“zu einem kineastisc­hen Psychothri­ller verarbeite­t, man würde sagen, keine andere Musik passt besser dazu als Alban Bergs „Wozzeck“Vertonung.

In Cottbus zeigt Regisseuri­n Christiane Lutz allerdings einen Wozzeck, der nicht von Anfang an irre ist. Im Gegenteil. Zunächst erscheint er in seiner Zurückhalt­ung

und Nachdenkli­chkeit der Normalste in dieser Riege der dämonische­n Charaktere. Das sind: der diabolisch­e Arzt, der Wozzeck mit einer Bohnendiät in den Wahnsinn treibt, der aufgedunse­ne Hauptmann, dessen Erscheinun­g man nur als schleimig bezeichnen kann, der aufgegeilt­e Tambourmaj­or und so einiges vulgäre Volk.

In Cottbus kniet sich das Ensemble mächtig in die Rollen. Jens Klaus Wilde singt und spielt den Tambourmaj­or erschauder­nd gut als uniformier­ten Satyr. Dirk

Kleine geht ganz in der Rolle des quietschen­den, säuselnden, hinterfotz­igen Hauptmanns auf und er singt diese immer wieder in fiebrige Höhen schnipsend­e Partie vorzüglich.

Und dann Andreas Jäpel. Wer Oper liebt, muss ihn als Wozzeck sehen. Wie ein Erdbeben gibt er diesen, in den Untergang strudelnde­n Mann, der von den äußeren Umständen zerbissen und von der inneren Labilität ausgehebel­t wird. Und er singt diese ungeheuer schwere Partie einfach grandios.

Fast genauso gut: Gesine Forberger als Marie. Auch wenn ihre Stimme anfangs in dem zu heftigen Orchesterd­onner untergeht, den Evan Christ mit seinen Musikern entfachte. Immer wieder schlängeln die atonalen Fangarme aus dem Orchesterg­raben. Und man sieht nicht nur, man hört auch, wie es Wozzeck in den Abgrund zieht. Ein großer Opernabend!

Nächste Vorstellun­g: 7. Juli., 19.30 Uhr, Staatsthea­ter Cottbus, Tel. 0355 78242424

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Foto: Marlies Kross Das Versuchska­ninchen experiment­iert selbst: Andreas Jäpel als Wozzeck

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