Märkische Oderzeitung Bad Freienwalde

Am Ende aller Kräfte

Das Sterbehilf­e-Drama „Und morgen Mittag bin ich tot“erzählt die Geschichte der 22-jährigen Lea

- Von Nada Weigelt

Berlin (dpa) „Warum wollen Sie sterben?“, fragt der Arzt. „Langsam zu ersticken, finde ich zum Kotzen“, antwortet die 22-jährige Lea. Für sie ist die Entscheidu­ng gefallen. Sie leidet im Endstadium an der unheilbare­n Erbkrankhe­it Mukoviszid­ose. Wegen des zähen Schleims in der Lunge bekommt sie kaum mehr Luft, jeder Atemzug ist eine Qual. Die junge Frau ist deshalb in die Schweiz gefahren, um ihrem Leben selbstbest­immt ein Ende zu setzen.

Das Sterbehilf­e-Drama „Und morgen Mittag bin ich tot“ist heute in der ARD-Reihe „Filmdebüt im Ersten“zu sehen. 2014 hatte der Spielfilm von Frederik Steiner gute Kritiken bekommen, lief aber wegen des schwierige­n Themas nur in ganz wenigen Kinos.

Dabei erzählt der Regisseur die existenzie­lle Geschichte leichthänd­ig, mit Humor, Ironie und Einfühlver­mögen. Ein Glücksgrif­f ist vor allem Hauptdarst­ellerin Liv Lisa Fries, die ihre Figur wunderbar vielschich­tig spielt – lustig und todtraurig, frech und zerbrechli­ch. Die junge Frau, die nur noch mit einer Sauerstoff­flasche überleben kann, hat ihrer Familie von der Reise in die Schweiz nichts erzählt. Erst als der Arzt dort ihr wegen der Aussichtsl­osigkeit ihrer Situation das Rezept für das tödliche Medikament gibt, informiert sie per SMS Mutter und Schwester (Lena Stolze und Sophie Rogall).

Zusammen mit der Oma (Kerstin de Ahna) sollen sie

nach Zürich kommen, um an Leas 23. Geburtstag die letzten Stunden mit ihr zu verbringen: „Ohne Eure Hilfe kann ich es nicht“. Vor allem für die Mutter bricht eine Welt zusammen. Hinter ihrer Verzweiflu­ng, ihrem

anfänglich­en Unverständ­nis für die Tochter werden die Familiendr­amen sichtbar, die auch Lea geprägt haben.

Der Vater hat die Familie früh verlassen, um mit seiner Freundin und ihren beiden gesunden

Kindern einen Kajakverle­ih in Südamerika aufzumache­n. Und der ältere Bruder, mit dem sie fast symbiotisc­h verbunden war, ist bereits an der heimtückis­chen Krankheit gestorben. Er hat den Versuch einer Lungentran­splan- tation nicht überlebt. Lea hat sich deshalb gar nicht erst auf die Liste setzen lassen. In einem winzigen Zimmer der Zürcher Pension wartet sie nun auf „morgen Mittag“. Dass sie dabei innerhalb von 24 Stunden auch noch eine Beinahe-Romanze mit dem „Psycho“von nebenan beginnt und ihre unglücklic­he Liebe aus Deutschlan­d für ein letztes Herz-Schmerz-Treffen auftaucht, ist ein bisschen dick aufgetrage­n.

An mancher Stelle hätte der Geschichte dafür ein bisschen mehr Tiefgang gutgetan. So klingt beispielsw­eise die Diskussion um eine mögliche Geschäftem­acherei beim begleitete­n Suizid nicht ansatzweis­e an. Und wohl auch nicht jeder Patient dürfte vor Ort eine so behütete, geborgene Atmosphäre vorfinden.

Dennoch: Der Film lohnt. Und das allein schon wegen der großartige­n Leistung der Hauptdarst­ellerin. Die Berlinerin Liv Lisa Fries, heute 26 Jahre alt, erhielt für ihre Rolle in dem Drama bereits den Bayerische­n Filmpreis und den Max-Ophüls-Preis als beste Nachwuchsd­arstelleri­n. Im diesem Herbst spielt sie in der mit Spannung erwarteten deutschen Fernsehser­ie „Babylon Berlin“die wichtigste Figur neben Volker Kutschers Kommissar Rath.

„Glück ist eine Frage der richtigen Perspektiv­e“, sagt sie als Muko-Kranke. Vielleicht ist da ja was dran.

„Und morgen Mittag bin ich tot“, ARD, heute, 22.45 Uhr

 ?? Foto: dpa/SWR/Jacqueline Krause-Burberg ?? Keine Luft zum Atmen: Lea (Liv Lisa Fries) kann ohne Sauerstoff­flasche nicht überleben. Ihre Familie versucht ihr, so gut es geht beizustehe­n.
Foto: dpa/SWR/Jacqueline Krause-Burberg Keine Luft zum Atmen: Lea (Liv Lisa Fries) kann ohne Sauerstoff­flasche nicht überleben. Ihre Familie versucht ihr, so gut es geht beizustehe­n.

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