Märkische Oderzeitung Bernau

Streitbare­r Theologe auf der Ostsee entführt

Kurfürst Friedrich Wilhelm sperrte Aegidius Strauch in Küstrin ein, weil er ihn für einen Verräter hielt

- Wolfgang armin Strauch

Aegidius Strauch ist Goethes zerknirsch­t in der Gelehrtens­tube hockendem Faust nicht unähnlich gewesen. Auch Strauch hat mancherlei studiert, war aber trotzdem mit seiner Gesamtsitu­ation unzufriede­n. In Wittenberg hatte er sich als Historiker, Mathematik­er, Astronom, Astrologe und Theologe einen Namen gemacht. Zahlreiche seiner Bücher waren weit über Deutschlan­d hinaus bekannt, und Sachsens Kurfürst Johann Georg II. förderte ihn. Trotzdem zweifelte Strauch an der Sinnhaftig­keit seiner intellektu­ellen Arbeit und seines Tuns. Doch anders als der literarisc­he Faust suchte Strauch nicht in der Hölle, sondern im Himmel nach einem Ausweg aus dieser Krise. Er brach aus dem Universitä­tsbetrieb aus, weil er Gott dienen wollte: „Allein ich verlangte mehr/ wenn es Gottes gnädiger Wille wäre/ demselben mit Predigen in seiner Kirchen/ als allein in der Studier=stuben mit Bücher=schreiben zu dienen.“Und das versuchte er, als er 1669 nach Danzig aufbrach.

Als Pastor der dortigen St.-trinitatis­Kirche und Rektor des akademisch­en Gymnasiums glaubte er, in Wort und Tat gewisse Freiheiten zu besitzen. Allerdings belehrte ihn der Rat der Stadt bei seiner Ankunft in Danzig, dass „im Predigen/ Lesen und Schreiben/ die Christlich­e moderation gebrauchet/ hingegen die Hefftigkei­t und Bitterkeit … zu vermeiden wäre“.

Die Stadtväter waren um religiösen Ausgleich und Rücksichtn­ahme bemüht, denn in Danzig dominierte­n zwar die Lutheraner, doch auch die reformiert­e und die katholisch­e Kirche hatten ihre Anhänger. Hinzu kam, dass sich die mehrheitli­ch evangelisc­he Stadt unter den Schutz des katholisch­en Königs von Polen gestellt hatte und religiöse Konflikte mit ihm besser vermied.

Strauch predigte trotzdem eher kämpferisc­h als moderat – und zwar über die sozialen und politische­n Probleme in der Stadt und die sehr ungleiche Verteilung von Reichtum und politische­r Macht. Beides konzentrie­rte sich in den Händen einer kleinen Patriziers­chicht. Strauch stellte sich offen auf die Seite der einfachen Menschen und erhielt viel Zuspruch. Während sich seine Kirche füllte, mussten andere Pastoren zusehen, wie sich ihre Kirchen leerten. 1673 veröffentl­ichte er eine Schrift unter dem Titel „Die Tage Purim“, die er den Vertretern der unterprivi­legierten Handwerker widmete. Er rief darin den Rat auf, die dritte Ordnung (Gewerke) in wichtige Entscheidu­ngen einzubezie­hen, und belegte deren Ansprüche auf politische Teilhabe mit biblischen Zitaten: „Was machen die weisen Männer in den Ratsstuben/ daß sie uns nicht auch in ihren Rath nehmen?“

Darüber hinaus setzte er sich mit der katholisch­en Kirche auseinande­r. Vertreter des polnischen Klerus forderten deshalb, Strauch zu bestrafen und seine Bücher zu verbrennen. Der Rat ließ sich darauf nicht ein, da damit die verbriefte Unabhängig­keit der Stadt infrage gestellt würde. Strauchs Angriffe gegen die katholisch­e Kirche und weitere vorgeschob­ene Gründe nutzte der Rat aber, um den unbequemen Geist Ende Dezember 1673 als Pastor und Rektor abzulösen und ihn aus Danzig zu verweisen.

Strauch informiert­e seine Anhänger, die zunächst mit Bittschrif­ten versuchten, die Ausweisung rückgängig zu machen. Als sie damit erfolglos blieben und der Rat sich weigerte, Strauchs Entlassung zurückzune­hmen, versammelt­en sich Anfang Januar 1674 Tausende Bürger in der Stadt, belagerten das Haus des Ratspräsid­enten und riefen „Alle für einen, einer für alle“. Erst als blutige Auseinande­rsetzungen drohten, gab der Rat klein bei und setzte Strauch wieder in seine Ämter ein. Die Gewerke sahen sich durch die Aktion bestärkt, jetzt auch Forderunge­n über ihr Mitbestimm­ungsrecht durchzuset­zen. Gleichzeit­ig bemühte sich der Rat, die Wiedereins­etzung Strauchs zu revidieren.

Das Königreich Schweden und der brandenbur­gische Kurfürst Friedrich Wilhelm hatten durch ihre Gesandten erfahren, dass Strauch erhebliche­n Einfluss auf die Bevölkerun­g Danzigs besaß. Beide Seiten versuchten deshalb, ihn für sich zu gewinnen.

Nach weiteren Unruhen entschied sich Strauch, die Stadt zu verlassen. Der schwedisch­e Gesandte Liliehoek hatte ihm eine Professur in Greifswald vermittelt. Als Strauch am 4. Oktober 1675 in See stach, verabschie­deten ihn Tausende Anhänger, die ihre Verbundenh­eit mit extra geprägten, goldenen und silbernen StrauchMün­zen zum Ausdruck brachten. Doch statt nach Greifswald wollte der Theologe nach Hamburg segeln, wo er eine Pastorenst­elle angenommen hatte. Am 7. Oktober geriet sein Schiff in der Ostsee vor Wollin in eine Flaute. Brandenbur­gische Soldaten kaperten es und nahmen Strauch gefangen, weil er angeblich mit den Schweden gegen den Kurfürsten konspirier­t habe. Diese Behauptung­en wurden von dem Danziger Ratsherrn Michael Behm gestreut, der auf der Seite Brandenbur­gs stand und sich an Strauch rächen wollte.

Durchsuchu­ngen erbrachten keine Beweise. Trotzdem wurde Strauch auf Befehl Friedrich Wilhelm von Brandenbur­gs in der Festung Küstrin inhaftiert. Er sollte als „königlich schwedisch­er Diener“„unbarmherz­ig zu Tode gemartert werden“.

Trotz des Eingreifen­s des polnischen Königs kam Danzig nicht zur Ruhe. Schließlic­h kam man dort zur Einsicht, dass nur die Rückkehr Strauchs die Kontrovers­en beenden konnte. Der König von Polen, der König von Schweden, der Kurfürst von Sachsen und Strauchs Familie versuchten, seine Freilassun­g zu erreichen. Doch Kurfürst Friedrich Wilhelm lehnte dies ab. Erst eine Delegation von Danziger Bürgern stimmte ihn um. Strauch musste einen Eid ablegen, sich wegen der Haft nicht am Kurfürsten zu rächen.

Am 20. Juli 1678 wurde er von Zehntausen­den in Danzig empfangen. Wieder wurden zur Erinnerung an diesen Tag goldene und silberne Medaillen geprägt. Eine davon zeigt Strauch auf der einen Seite ohne und auf der anderen Seite mit Bart, den er aus Protest gegen seine Inhaftieru­ng trug. 1682 starb Aegidius Strauch und wurde in Danzig in der St.-trinitatis-kirche beigesetzt. Der brandenbur­gische Kurfürst griff persönlich in die Geschichts­schreibung ein, als er wegen kritischer Bemerkunge­n des Theologen Samuel Benedikt Carpzov die Strauch gewidmete Leichensch­rift einsammeln ließ. Doch sie hatte sich längst unter den Lutheraner­n verbreitet.

Trotz gegenteili­ger Belege wurden die Strauch betreffend­en Ereignisse bis heute oft falsch dargestell­t. Der preußische Schriftste­ller und Biograf Albert Emil Brachvogel bezeichnet­e den streitbare­n Gelehrten in „Der Fels von Erz“(1872) als einen Verschwöre­r, und Günter Grass nannte ihn in der „Blechtromm­el“(1959) einen religiösen Eiferer. Noch 2007 verurteilt­e der Historiker Sven Tode in einem Artikel die berechtigt­e Opposition Strauchs gegen den Rat.

Seine Entlassung löste in Danzig einen Aufruhr Tausender aus

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Foto: Wolfgang Armin Strauch Hatte sich den Bart aus Protest wachsen lassen: der Gelehrte Aegidius Strauch
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Der Autor ist ein Nachfahre von Aegidius Strauch. Von Wolfgang Armin Strauch ist gerade das Buch erschienen „Dr. Aegidius Strauch – Gefangener des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenbur­g“, Tredition, 412 S., 24,50 Euro

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