Märkische Oderzeitung Bernau

Vorwärts nimmer

- André Bochow zum Dilemma der Linken leserbrief­e@moz.de

Im Bundestags­wahlkampf versuchten vor allem die Spitzenkan­didaten Bartsch und Wissler, die Lage in einer griffigen Formel zusammenzu­fassen. „Linke oder Lindner“hieß es da. Das Ergebnis ist bekannt: FDPCHEF Christian Lindner verhandelt über ein Regierungs­programm und die Linken wurden in einem existenzge­fährdenden Ausmaß geschrumpf­t. Nur drei Direktmand­ate und eine Sonderrege­l verhindert­en, dass sie aus dem Bundestag flogen. Dass nach den Ursachen für das Desaster gesucht wird, ist nur natürlich. Dazu gehört auch die Suche nach Schuldigen sowie die Diskussion über personelle und inhaltlich­e Veränderun­gen.

Es hat an Debatten darüber keinen Mangel gegeben. Es fehlt auch nicht an seitenlang­en Auflistung­en von Fehlern, die zu dem Absturz der Linken geführt haben. Was es bislang nicht gab, das ist eine strukturie­rte Auseinande­rsetzung. Dafür fanden und finden sich in heller Empörung entflammte Genossinne­n und Genossen, die mit den Fingern aufeinande­r zeigen. Sahra Wagenknech­t hat die Partei in den Abgrund gezogen, sagen die einen. Andere meinen praktisch das Gegenteil. Wagenknech­t solle wieder eine zentralere Rolle in der Partei spielen, fordert nicht nur Gregor Gysi. Wagenknech­t wiederum wirft ihrer Partei vor, im Wahlkampf grüner als die Grünen gewesen zu sein.

Viele jüngere Parteimitg­lieder verlangen dagegen noch viel mehr Engagement in der Klimapolit­ik. Und so ähnlich geht es bei den Themen Gendern, Afghanista­n, Nato, Ostdeutsch­land und anderen mehr. So wird deutlich, warum sich die Wählerscha­ft in Scharen von den Linken abgewandt hat. Die schon legendäre Zerstritte­nheit der Partei war offensicht­lich nur scheinbar überwunden. Immerhin schien es für einen Moment Einigkeit zumindest in Teilen der Bundestags­fraktion zu geben: Fraktionsc­hef Dietmar Bartsch sollte für die Wahlnieder­lage verantwort­lich gemacht werden. Auch die Ko-chefin, Amira Mohamed Ali, sollte entmachtet werden – als angebliche Personifiz­ierung der Machtteilu­ng von Reformern und Traditiona­listen. Und was passierte? Nichts! Die Putschiste­n hatten vergessen, geeignete Nachfolger zu finden. Auch der Fraktionsg­eschäftsfü­hrer Jan Korte wurde wiedergewä­hlt und Petra Pau erneut ins Bundestags­präsidium geschickt.

Die schon legendäre Zerstritte­nheit der Partei war offensicht­lich nur scheinbar überwunden.

Nun bietet die Fraktionsk­lausur in Leipzig die nächste Möglichkei­t, darüber zu reden, wie man das endgültige Ende der Linken verhindern will. Wirklich neue Gedanken dazu sind allerdings kaum zu erwarten. Denn blickt man in die Reihen der linken Abgeordnet­en, wird man fast nur bekannte Gesichter finden. Fünf Ex-parteivors­itzende und zwei amtierende sind dabei. Zur Fraktion gehören auch wieder Sahra Wagenknech­t, Sevim Dağdelen und andere Streitbere­ite, die auf ihre Intimfeind­e Katja Kipping, Bernd Riexinger und Dietmar Bartsch treffen. Letzterer hat nach seiner Wiederwahl gesagt, dass eine Partei, die ihre Energie im internen Streit erschöpft, nicht gewählt wird. Im Moment spricht wenig dafür, dass die Linken dieser Erkenntnis folgen und die Kraft zur Erneuerung aufbringen werden.

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