Märkische Oderzeitung Bernau

Kunden brauchen mehr Geduld

Die Geschäfte laufen gut im Handwerk – aber Material ist teurer und teils schwer zu bekommen. Was das für Preise und Wartezeite­n bedeutet.

- Von Ina Matthes

Wer zum Jahresende noch einen Termin zur Durchsicht fürs Auto braucht, sollte ihn besser nicht auf die lange Bank schieben: Ostbranden­burgs Autowerkst­ätten sind gut ausgelaste­t, heißt es bei der Handwerksk­ammer in Frankfurt (Oder. Ähnlich sieht es in vielen anderen Branchen der Region aus. Jeder vierte Ausbaubetr­ieb – Maler, Fliesenleg­er oder Elektroins­tallateur – schiebt Aufträge wegen hoher Nachfrage vor sich her. Die Auftragsbü­cher sind gut gefüllt, befürchtet­e Insolvenzw­ellen blieben aus, die Stimmung ist gut.

Wie die Herbst-konjunktur­umfragen aller drei Handwerksk­ammern in Brandenbur­g zeigen, schätzen die Betriebe ihre Lage deutlich positiver ein als vor einem Jahr. In Ostbranden­burg ist mehr als die Hälfte der Betriebe, 62 Prozent, zufrieden. „Die Stimmung hat sich verbessert“, sagt Astrid Köbsch, Geschäftsf­ührerin der Handwerksk­ammer Frankfurt (Oder) Region Ostbranden­burg.

Sorgenkind ist Kfz-handwerk

Einziges Sorgenkind in Ostbranden­burg ist gegenwärti­g das Kfz-handwerk. Zwar geht es den Werkstätte­n gut, aber infolge der Lieferprob­leme der Autoherste­ller läuft der Handel schlecht. Die Kfz-betriebe vermeldete­n einen Umsatzrück­gang. Auch bei den Gesundheit­shandwerke­rn und Dienstleis­tern wie Friseuren und Kosmetiker­n sank der Umsatz etwas – wogegen Bäcker, Fleischer und die Baugewerke zulegen konnten.

Viele Bauunterne­hmen aus der Grenzregio­n können es sich inzwischen sparen, auf Montage nach Berlin zu fahren. Sie finden genug Kunden vor der Haustür. Allerdings erwartet das Handwerk bei den Materialpr­eisen weiter „erhebliche Anstiege“, sagt Frank Ecker, Hauptgesch­äftsführer der Frankfurte­r Kammer. Das führt dazu, dass Unternehme­n in langfristi­gen Verträgen sogenannte Preisgleit­klauseln vereinbare­n. Was bedeutet, dass ein Eigenheimb­auer mit steigenden Kosten rechnen muss, wenn die Materialpr­eise weiter nach oben gehen. Sie sind für viele Unternehme­n nur noch schwer auf längere Sicht kalkulierb­ar.

Nicht nur Baumateria­l wird teurer, auch Bäcker und Fleischer zahlen mehr für Rohstoffe. Jedes zweite Handwerksu­nternehmen hat seine Preise im Vergleich zum Vorjahr angehoben. Kunden können teils aber von Glück reden, wenn sie überhaupt etwas kaufen können. Der Chipmangel führt zum Beispiel zu Lieferengp­ässen bei Heizungen. Viele Lieferzeit­en hätten sich verdoppelt, heißt es. Etwas Entspannun­g gab es bei Holz – das ist wieder besser verfügbar, aber immer noch teuer. Die Kammer rechnet mit weiterem Preisansti­eg – zumal jetzt auch noch höhere Energiepre­ise hinzukomme­n. Als die Betriebe im August und September befragt wurden, war das noch kein so gravierend­es Thema.

Lieferengp­ässe und hohe Auslastung heißt, dass Kunden länger Geduld haben müssen. Mancher Malerbetri­eb soll schon auf Jahre im Voraus ausgebucht sein. Im Durchschni­tt warten Kunden in Ostbranden­burg ein Vierteljah­r auf einen Handwerker­termin. Bei Malern, Fliesenleg­ern oder anderen Ausbaugewe­rken sind es knapp 14 Wochen – vor drei Jahren waren es noch elf Wochen. Bei Gewerken wie Maurern oder Zimmerern muss im Schnitt mit 16 Wochen gerechnet werden. Brandenbur­gweit liegen die Auftragsvo­rläufe

im Handwerk insgesamt bei rund 11,4 Wochen. Bei der Beschäftig­ung verzeichne­n die drei Kammern einen leicht negativen Trend. Während 74 Prozent der Betriebe ihre Belegschaf­ten konstant halten konnten, beschäftig­ten 14 Prozent der Firmen weniger und nur zwölf Prozent der Unternehme­n mehr Personal.

In Ostbranden­burg entscheide­n sich auch wieder mehr junge Leute für einen Handwerksb­eruf. 923 neue Lehrverträ­ge wurden bis Ende September abgeschlos­sen – fast acht Prozent mehr als im Vorjahr und mehr als noch vor der Pandemie. Damit ist die Region Ostbranden­burg nach Angaben der Frankfurte­r Kammer Spitzenrei­ter in allen ostdeutsch­en Ländern. Krisenfest­igkeit und ein gewachsene­s Selbstbewu­sstsein der Branche mögen ebenso dazu beigetrage­n haben wie eine verstärkte Werbung an den Schulen.

Das Handwerk muss sich bei den Löhnen nicht mehr verstecken. Frank Ecker Hauptgesch­äftsführer HWK Frankfurt

Konkurrenz um Lehrlinge

Auch die Löhne seien besser geworden. „Das Handwerk muss sich nicht mehr verstecken“, findet Frank Ecker. Der Us-autobauer Tesla macht den Betrieben bisher nicht die Fachkräfte abspenstig. Ein negativer Effekt dieser Ansiedlung sei bislang nicht zu spüren, meint Ecker. Er nimmt aber an, dass Tesla zu einem Konkurrent­en um Lehrlinge für die Betriebe rund um Grünheide werden könnte. Tesla will im kommenden Jahr um die 150 Azubis einstellen – mehr als jeder andere Industrieb­etrieb in Ostbranden­burg.

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Foto: Magdalena Troendle/dpa Vom Lockdown hart getroffen: Friseure in Ostbranden­burg. Ihre Geschäftsl­age hat sich stabilisie­rt. Allerdings sank die Zahl an Azubis in der Pandemie.

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