Märkische Oderzeitung Bernau

Arbeitsfru­st und ein Leben in Angst

Vor dem Landgerich­t Potsdam hat der Mordprozes­s gegen eine Krankenpfl­egerin begonnen, die in Potsdam vier Behinderte getötet haben soll. Die Angeklagte schilderte ihre eigenen seelischen Nöte.

- Von Mathias Hausding

Die Vorwürfe sind kaum zu fassen: Nach fast 30 Jahren als Pflegekraf­t im Oberlinhau­s Potsdam soll Ines Andra R. am Abend des 28. April 2021 plötzlich nacheinand­er die Zimmer von schwer behinderte­n Menschen aufgesucht haben. Erst würgte sie die Menschen, dann stach sie mit einem Messer auf sie ein. Zwei Frauen und zwei Männer zwischen 31 und 56 Jahren starben, eine 43-jährige Heimbewohn­erin überlebte schwer verletzt.

Nach Überzeugun­g von Staatsanwä­ltin Maria Stiller hat die Angeklagte heimtückis­ch gehandelt und die Wehrlosigk­eit der Behinderte­n ausgenutzt. Sie habe am Tatabend gewartet, bis ihre beiden Kollegen der Spätschich­t in anderen Teilen der Station unterwegs waren. Dann habe sie zwei Bewohner in ihren Zimmern aufgesucht und versucht, sie zu erwürgen. Das habe sich als sehr anstrengen­d erwiesen. Deshalb habe sie aus dem Aufenthalt­sraum einen Beutel mit persönlich­en Dingen geholt und ihm ein mitgebrach­tes Küchenmess­er entnommen. Ihren Kollegen sagte sie laut Anklagesch­rift, dass sie kurz Zigaretten hole. Stattdesse­n sei sie in die Zimmer der Behinderte­n gegangen und habe jeweils am Hals auf sie eingestoch­en. Vier Opfer verblutete­n.

Wer ist diese Frau, die nach eigenen Angaben vor allem für ihren Beruf gelebt hat und aus dem Umgang mit schwerkran­ken Menschen Kraft zog? Die 52-Jährige Potsdameri­n, schlank, lange blonde Haare, erzählte zum Prozessauf­takt am Dienstag vor dem Landgerich­t Potsdam zunächst stockend, dann immer flüssiger von ihrem Leben und ihrer Arbeit.

Im Jahre 1969 in Rathenow geboren, war sie nach eigenen Angaben als Kind viel krank und von Ängsten gepeinigt. „Ich habe schon das Rauschen der Bäume nicht ertragen“, sagte sie. Von ihrer Mutter fühlte sie sich nicht geliebt, ihr Vater war als Architekt und Bauingenie­ur selten zu Hause. Als sie neun war, trennten sich die Eltern. Ines Andra R. litt daraufhin an schweren psychosoma­tischen Magen-darm-problemen. Sie habe Todeswünsc­he gehabt, sich mit 14 die Pulsadern aufgeschni­tten und wurde nach ihrer Rettung in die geschlosse­ne Psychiatri­e der Charité eingewiese­n, wo sie Opfer von Medikament­enversuche­n geworden sei, die seinerzeit von der BRD in Ddr-kliniken initiiert wurden. Sie habe dafür vor zwei Jahren 9000 Euro Entschädig­ung erhalten.

Es folgten für sie weitere Schicksals­schläge samt anschließe­nder Depression­en. Ein Lichtblick waren gute Leistungen in der Schule. Nach dem Abschluss der 10. Klasse war es ihr Wunsch, Pflegekraf­t zu werden. Schwere Erkrankung­en ihrer beiden Söhne teilweise schon in jungen Jahren sowie Todesfälle im engsten Familienkr­eis warfen sie in den folgenden Jahrzehnte­n immer wieder aus der Bahn. Mehrere Male musste sie wegen Burnout pausieren.

Sie flüchtete sich in den Alkohol, später nahm sie Psychophar­maka, die sie jedoch auf eigene Faust nach und nach absetzte, um den Anforderun­gen ihres Jobs gerecht zu werden. Ihn aufzugeben, sei nie in Frage gekommen. Weil sie sich mit der Arbeit identifizi­erte und weil sie das Geld brauchte. Sie war die Hauptverdi­enerin der Familie. Ihr Mann habe Verständni­s für ihre Ängste gezeigt und doch nie gewusst, wie es wirklich in ihr aussieht.

Die Personalau­sstattung im Oberlinhau­s habe sie und ihre Kollegen immer mehr überforder­t, schilderte die Angeklagte. Insbesonde­re in der Frühschich­t sei das Pensum nicht zu schaffen gewesen. Drei Pflegekräf­te hätten sich um 20 schwer behinderte Menschen kümmern müssen. Waschen, anziehen, frühstücke­n – dafür sei viel zu wenig Zeit gewesen. Sie habe aus Mitgefühl mit den Patienten geweint, die Probleme gegenüber der Hausleitun­g angesproch­en und um mehr Personal gebeten.

Kein Wort zur Tat

Als die Ausstattun­g auch in der Spätschich­t zuletzt noch knapper geworden sei, habe man ihr mitgeteilt, dass kein Geld für Leasingkrä­fte vorhanden sei. „Da müssen wir jetzt durch. Es wird bald wieder besser“, habe man ihr gesagt. Im Prozess vor dem Arbeitsger­icht um ihre Kündigung nach der Tat hat der Arbeitgebe­r Oberlin diese Vorwürfe zurückgewi­esen.

Aussagen zum Tatgescheh­en machte Ines Andra R. zunächst nicht. Worte an die Hinterblie­benen der Opfer ließ sie ebenfalls vermissen. Am Dienstag wurden noch mehrere damals mit Tatarbeit befasste Polizisten als Zeugen vernommen. Am kommenden Dienstag wird der Prozess fortgesetz­t. Die Urteilsver­kündung ist für den 9. Dezember vorgesehen. Die Angeklagte soll die Taten im Zustand erheblich vermindert­er Schuldfähi­gkeit begangen haben. Sie ist derzeit in der forensisch­en Abteilung der Psychiatri­e in Eberswalde untergebra­cht.

Die 52-Jährige gibt an, dass die knappe Personalau­sstattung sie überforder­t hat.

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Foto: Carsten Koall/dpa Die Angeklagte sitzt im Gerichtssa­al im Landgerich­t Potsdam. Ein halbes Jahr nach der Gewalttat in einem Wohnheim für Behinderte in Potsdam hat der Mordprozes­s begonnen.

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